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Hinter den Kulissen : Das Tagebuch einer Amazon-Packerin

  • Aktualisiert am

Ein Picker im Logistikzentrum in Graben bei Augsburg Bild: dapd

In der Vorweihnachtszeit boomt das Geschäft, unzählige Leiharbeiter füllen die Lager von Amazon. Unsere Autorin hat im Versandzentrum Graben bei Augsburg gearbeitet. Dort wurde sie von Mitarbeitern kontrolliert und eingeschüchtert.

          Am Anfang stand das Inserat des Zeitarbeitsunternehmens Studitemps aus Köln, auf das ich im Internet stieß: 9,50 Euro Stundenlohn könne man in einem Logistikzentrum in Koblenz oder Augsburg verdienen. „Hinter die Kulissen eines global tätigen Unternehmens schauen“, hieß es in der Anzeige. Ich bewarb mich auf das Inserat. Nur einen Tag später kam die Zusage; allerdings mit der Einschränkung, nur in Augsburg arbeiten zu können. Unterkunft und zwei Mahlzeiten am Tag werde das Unternehmen bereitstellen. „Warum nicht?“, dachte ich - und sagte für drei Wochen zu.

          Anfang Dezember fand ich mich daher wie vereinbart mit sechzig anderen Leiharbeitern am Bahnhof in Kaufbeuren ein, gut sechzig Kilometer südlich von Augsburg. Vertreter des Zeitarbeitsunternehmens begrüßten uns dort. Obwohl man uns vorher mitgeteilt hatte, wählen zu können, ob wir in der Früh- oder Spätschicht arbeiten wollten, war dem nun nicht mehr so. Die Versuche einiger Studenten, nach der Einteilung in Früh- und Spätschicht noch zu tauschen, um zum Beispiel mit Freunden zusammenarbeiten zu können, wurden sofort unterbunden. Ich wurde der Spätschicht zugeteilt. Das war ein Glück, wie sich kurz darauf herausstellen sollte.

          Unfreiwilliges Frühstück um 4 Uhr

          Denn wer das Pech hatte, der Frühschicht zugeteilt worden zu sein, musste fortan sein Frühstück um 4 Uhr morgens einnehmen. Als Mitarbeiterin der Spätschicht arbeitete ich theoretisch von 15 bis 23 Uhr. Da allerdings noch das Mittagessen und die lange Fahrt hin zum Arbeitsplatz eingerechnet werden mussten, wurde die Zeitspanne von acht Stunden sehr deutlich ausgeweitet - ohne dass wir dies beeinflussen konnten. An Freizeit etwa war von diesem Zeitpunkt an nicht mehr zu denken. Wir waren in der Ortschaft Graben, dem Standort des Versandzentrums von Amazon, nicht nur mehr als zwanzig Kilometer vom umworbenen Einsatzort „Augsburg“ entfernt, sondern hatten auch nur einen Tag innerhalb der nächsten drei Wochen frei. Mitgeteilt hatte man uns das zuvor ebenfalls nicht.

          Untergebracht waren wir in verschiedenen Unterkünften in Lechbruck am See (sechzig Kilometer von Graben entfernt, achtzig Minuten Fahrt bis zum Arbeitsplatz). Ich teilte mir mit vier anderen jungen Frauen die Ferienwohnung, die spontan zur Verfügung gestellt worden war, denn am Bahnhof hatte es plötzlich zu wenige Schlafplätze gegeben. Die Wohnung befand sich fünf Minuten zu Fuß vom Restaurant entfernt, in dem wir in den kommenden Wochen unser Mittagessen einnehmen sollten. Als Begrüßungsmahlzeit gab es dort Suppe und eine Portion Nudeln in einem um- und angebauten Stall. Getränke mussten selbst gezahlt werden. Sicherheitspersonal, wie es im ARD-Bericht über die Bedingungen der Leiharbeiter am Amazon-Standort Bad Hersfeld erwähnt wurde, gab es allerdings nicht.

          Kein Englisch bei Amazon

          Am nächsten, unserem theoretisch ersten Arbeitstag, sollte es laut Zeitplan eine Einführung beziehungsweise Führung durch das Amazon-Lager geben. Nach der mehr als einstündigen Busfahrt kamen wir in Graben an. Nach einer Stunde des Wartens auf das Eintreffen der zuständigen Mitarbeiter folgten Firmenpräsentation und Sicherheitshinweise. Das Problem dabei: Mehr als die Hälfte der mit mir anwesenden Studenten war der deutschen Sprache überhaupt nicht mächtig. Obwohl die Amazon-Mitarbeiter sogar mehrfach danach fragten, wer von den Anwesenden nur Englisch verstehe, wurden keinerlei Anpassungen der Art und Weise der Instruktion vorgenommen. Da Amazon generell mit vielen ausländischen Arbeitern arbeitet, müsste das Unternehmen eigentlich auf mangelnde Deutschkenntnisse eingestellt sein. Auch die Verträge und sämtliche andere Dokumente und Informationsmaterialien gab es meines Wissens nicht in englischer Fassung.

          Nachdem sich in weiteren Wartestunden langsam der Eindruck breitmachte, dass wir regelrecht „hingehalten“ würden, bekamen wir unsere Arbeitsausrüstung. Leider seien zu wenige Sicherheitsschuhe und Handschuhe vorhanden, stellte die zuständige Mitarbeiterin fest. Festes Schuhwerk bekamen daher ausschließlich die sogenannten „Picker“. Das sind diejenigen, die die einzelnen Bestellungen im Lager zusammenstellen und daher viele Kilometer am Tag laufen. Später erzählte uns eine andere Mitarbeiterin, dass sie ihren Chef auf diesen Missstand aufmerksam gemacht habe. „Denn eigentlich müssen alle feste Schuhe haben, weil schwere oder spitze Sachen runterfallen können und einfach auch weil man acht Stunden lang steht“, sagte sie.

          Das Zentrum in der Nähe von Augsburg von außen Bilderstrecke
          Das Zentrum in der Nähe von Augsburg von außen :

          Der Chef habe allerdings nur mit den Schultern gezuckt - vermutlich, weil die Kosten für neue Schuhe höher seien als die Kosten für Arbeiter mit Knie- oder Rückenproblemen. Ich als „Packerin“ - ich verpackte Waren in die dafür vorgesehenen Pakete - erhielt jedenfalls nur eine orangefarbene Sicherheitsweste als Ausrüstung. Glücklicherweise hatte ich meine Joggingschuhe mitgenommen. Viele andere Studenten arbeiteten fortan in dünnen Stoffturnschuhen. Nach zwei Wochen hatte ich Knieschmerzen. Da wir auch keine Handschuhe erhalten hatten, waren meine Finger einige Tage später regelrecht wund vom Kleber und übersät von Schnittwunden. Erst auf Anfrage wurde mir schließlich ein Paar Handschuhe ausgehändigt.

          Schicht und Linie

          Eine Schicht bei Amazon in Graben begann immer wie folgt: Mit dem Ertönen eines Gongs versammelten sich alle Mitarbeiter der Schicht. Der „Lead“ der Schicht bezifferte die zu bearbeitenden Bestellungen und las einen „safety tip“ für die Arbeit vor. Daraufhin ging jeder an seinen Arbeitsplatz. Im Bereich „Pack“, in dem ich tätig war, gibt es sechs sogenannte „Linien“, an denen jeweils rund 20 Leute arbeiteten. Für jede Linie ist ein Fließband vorhanden, auf dem die zu verpackenden Waren angeliefert werden. Links und rechts davon befinden sich dann jeweils parallel neben- und hintereinander die Arbeitsplätze. Als Packer steht man alleine an einem Tisch; davor eine Art Regal mit den verschiedenen Verpackungen; links zwei Fließbänder: eines, das die Waren in Kisten anliefert, und eines, auf das die fertigen Pakete gelegt werden.

          Je Linie gibt es einen Aufseher, einen sogenannten „Co-Worker“, der für alle auftauchenden kleineren Schwierigkeiten verantwortlich ist. Über den Co-Workern standen in Graben fünf „Leads“, deren Aufgabe es ist, dass alles reibungslos funktioniert. Sie liefen daher die meiste Zeit durch die Linien und beobachteten die Mitarbeiter. Da sie im Grunde recht wenig zu tun haben, aber wichtig sind und über allen anderen stehen, merken sie sich etwa, wie oft man schon auf Toilette war, fragen, warum man nicht zur näheren Toilette gegangen sei (von deren Existenz man nicht wusste), und kontrollieren vor allem, dass alle schnell genug arbeiten.

          Kontrolle

          Eine dieser „Leads“ war unterdessen ein besonderer Fall: Über mehrere Linien hindurch beobachtete sie uns und mahnte, weiterzuarbeiten, wenn sie uns etwa beim Reden mit dem Nachbarn oder beim Anlehnen zu einer kurzen Verschnaufpause gesehen hatte. „So geht es hier immer zu“, berichtete mir ein junger Mann schulterzuckend, als er meinen erschrockenen Blick aufgefangen hatte. Auch die Architektur des Lagers selbst führte dazu, dass alles gut kontrolliert werden konnte: Am Ende der Arbeitsplätze an den einzelnen Linien gab es eine Art „Brücke“, auf die sich die Aufseher gerne stellten. In vielen Situationen fühlte ich mich mehr als unwohl, wenn einer von ihnen entspannt am Geländer lehnte, auf uns herabschaute und beobachtete, ob auch jeder arbeite.

          Insgesamt war die Arbeitsatmosphäre mehr als angespannt. In anderen Arbeitsbereichen, etwa im „Pick“-Bereich, sollen die Arbeitsbedingungen deutlich entspannter gewesen sein, wie mir eine andere Studentin berichtete. Bei mir traf allerdings zu, wovon nun auch die ARD berichtete: Kontrolle und Einschüchterung seitens Amazon. Während sich der Fernsehbericht allerdings vor allem auf den eingesetzten Sicherheitsdienst bezog, waren es in meinem Fall die Amazon-Mitarbeiter selbst, die uns einschüchterten. Ich fühlte mich, als ob mich das Aufseherteam als eine Art minderwertiger Mensch betrachtete.

          Pausenklau

          Ein weiterer Punkt, über den ich auch im Forum des Amazon-Betriebsrats in Graben gelesen habe, lässt sich unter das Motto „Pausenklau“ stellen. Theoretisch steht allen Mitarbeitern eine halbe Stunde Pause am Tag zu. Die Zeit läuft vom ersten Gong, bei dem man allerdings noch am Platz stehen muss. Sie endet mit dem zweiten Gong, bei dem man hingegen schon wieder am Platz stehen muss. Per Computer wird überprüft, wer sich zu früh aus- oder zu spät einloggt. Ein Problem wird daraus vor allem während der Weihnachtszeit, denn für Hunderte Arbeiter, die dann zu ihren Spinden und in die Kantine gelangen wollen, gibt es nur vier Sicherheitsschleusen. Addiert man die daraus folgenden Zeitverluste, ergibt sich insgesamt eine höchstens zwanzigminütige Pause. In der Kantine warm zu essen, war angesichts der Schlange dort nie möglich. Meistens verbrachten wir die Pause schweigend, weil jeder versuchte, so schnell wie möglich sein Essen zu verschlingen, um dann mit müdem Gesicht und immer noch schmerzenden Füßen zurück zur Arbeit zu gehen.

          Tägliches Essen im „Restaurant“

          Ein große Schwierigkeit während meiner Einsatzzeit bei Amazon war, dass wir von einem Restaurant versorgt wurden, das diesen Titel keinesfalls verdient. Um acht Stunden körperliche Arbeit im Stehen leisten zu können, muss man zumindest gesättigt sein. Ich zähle rückblickend zwei Tage, in denen ich das von mir behaupten konnte. Jeden Tag bestand unser Mittagessen aus einer Suppe - es war immer eine Fertigsuppe, die manchmal einfach ungenießbar war - und dem Hauptgang. In drei Wochen habe ich als Nichtvegetarierin keinen einzigen Bissen Gemüse bekommen. Auch ohne gesteigerten kulinarischen Anspruch mussten wir das Essen oft schlicht stehenlassen.

          Satt waren wir selten, vor allem die jungen Männer unter uns nicht. Ein Nachschlag wurde ihnen mehrfach untersagt. Die zweite Mahlzeit, die Amazon versprochen hatte, bestand für meine Schicht aus einem „Mitternachtssnack“. Da wir allerdings erst gegen 1 Uhr nachts wieder zurück in Lechbruck in unseren Unterkünften waren, war ich meistens schlicht zu müde, um diesen noch zu mir zu nehmen. Viele andere Studenten hatten hingegen keine Wahl: Da der Bus sie erst nach dem Essen zu ihren weiter entfernt gelegenen Unterkünften fuhr, mussten sie auch für diese Mahlzeit noch wach bleiben. Ich konnte meine Ferienwohnung zu Fuß erreichen; allerdings belief sich meine Energiezufuhr dann auf jenes Mittagessen und ein in der Kantine heruntergeschlungenes Pausenbrot am Tag.

          Betrachtet man die zu leistende Arbeit und auch die Unternehmensziele, ist das Lager in Graben sehr effektiv und prinzipiell bestmöglich aufgebaut. Fließbandarbeit wird immer eine körperlich anstrengende und monotone Arbeit bleiben. Und um mehrere tausend Leute beaufsichtigen zu können, wird es immer ein gewisses Maß an Kontrolle geben müssen. Andererseits rechtfertigt all dies nicht die Einschüchterung, den Tonfall und die mitschwingenden Drohungen und Missbilligungen, die ich und andere erlebt haben. Da allerdings viele Mitarbeiter froh sind, überhaupt einen Arbeitsplatz zu haben und Geld zu verdienen, trauen sie sich nicht, sich zu wehren und ihre Stimme zu erheben.

          Der Beitrag unserer Autorin erscheint ohne ihren Namen, weil Mitarbeiter von Amazon ein Dokument unterzeichnen müssen, in dem die Weitergabe interner Informationen untersagt wird - auch über die Einsatzzeit hinaus. Angesichts der öffentlichen Diskussion über die Arbeitsbedingungen bei dem Onlinehändler erschien es ihr aber geboten, einen Blick auch hinter die Mauern der eigentlichen Versandzentren zu ermöglichen.

          Quelle: F.A.Z.

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