http://www.faz.net/-gqe-774ax

Hinter den Kulissen : Das Tagebuch einer Amazon-Packerin

  • Aktualisiert am

Ein Picker im Logistikzentrum in Graben bei Augsburg Bild: dapd

In der Vorweihnachtszeit boomt das Geschäft, unzählige Leiharbeiter füllen die Lager von Amazon. Unsere Autorin hat im Versandzentrum Graben bei Augsburg gearbeitet. Dort wurde sie von Mitarbeitern kontrolliert und eingeschüchtert.

          Am Anfang stand das Inserat des Zeitarbeitsunternehmens Studitemps aus Köln, auf das ich im Internet stieß: 9,50 Euro Stundenlohn könne man in einem Logistikzentrum in Koblenz oder Augsburg verdienen. „Hinter die Kulissen eines global tätigen Unternehmens schauen“, hieß es in der Anzeige. Ich bewarb mich auf das Inserat. Nur einen Tag später kam die Zusage; allerdings mit der Einschränkung, nur in Augsburg arbeiten zu können. Unterkunft und zwei Mahlzeiten am Tag werde das Unternehmen bereitstellen. „Warum nicht?“, dachte ich - und sagte für drei Wochen zu.

          Anfang Dezember fand ich mich daher wie vereinbart mit sechzig anderen Leiharbeitern am Bahnhof in Kaufbeuren ein, gut sechzig Kilometer südlich von Augsburg. Vertreter des Zeitarbeitsunternehmens begrüßten uns dort. Obwohl man uns vorher mitgeteilt hatte, wählen zu können, ob wir in der Früh- oder Spätschicht arbeiten wollten, war dem nun nicht mehr so. Die Versuche einiger Studenten, nach der Einteilung in Früh- und Spätschicht noch zu tauschen, um zum Beispiel mit Freunden zusammenarbeiten zu können, wurden sofort unterbunden. Ich wurde der Spätschicht zugeteilt. Das war ein Glück, wie sich kurz darauf herausstellen sollte.

          Unfreiwilliges Frühstück um 4 Uhr

          Denn wer das Pech hatte, der Frühschicht zugeteilt worden zu sein, musste fortan sein Frühstück um 4 Uhr morgens einnehmen. Als Mitarbeiterin der Spätschicht arbeitete ich theoretisch von 15 bis 23 Uhr. Da allerdings noch das Mittagessen und die lange Fahrt hin zum Arbeitsplatz eingerechnet werden mussten, wurde die Zeitspanne von acht Stunden sehr deutlich ausgeweitet - ohne dass wir dies beeinflussen konnten. An Freizeit etwa war von diesem Zeitpunkt an nicht mehr zu denken. Wir waren in der Ortschaft Graben, dem Standort des Versandzentrums von Amazon, nicht nur mehr als zwanzig Kilometer vom umworbenen Einsatzort „Augsburg“ entfernt, sondern hatten auch nur einen Tag innerhalb der nächsten drei Wochen frei. Mitgeteilt hatte man uns das zuvor ebenfalls nicht.

          Untergebracht waren wir in verschiedenen Unterkünften in Lechbruck am See (sechzig Kilometer von Graben entfernt, achtzig Minuten Fahrt bis zum Arbeitsplatz). Ich teilte mir mit vier anderen jungen Frauen die Ferienwohnung, die spontan zur Verfügung gestellt worden war, denn am Bahnhof hatte es plötzlich zu wenige Schlafplätze gegeben. Die Wohnung befand sich fünf Minuten zu Fuß vom Restaurant entfernt, in dem wir in den kommenden Wochen unser Mittagessen einnehmen sollten. Als Begrüßungsmahlzeit gab es dort Suppe und eine Portion Nudeln in einem um- und angebauten Stall. Getränke mussten selbst gezahlt werden. Sicherheitspersonal, wie es im ARD-Bericht über die Bedingungen der Leiharbeiter am Amazon-Standort Bad Hersfeld erwähnt wurde, gab es allerdings nicht.

          Kein Englisch bei Amazon

          Am nächsten, unserem theoretisch ersten Arbeitstag, sollte es laut Zeitplan eine Einführung beziehungsweise Führung durch das Amazon-Lager geben. Nach der mehr als einstündigen Busfahrt kamen wir in Graben an. Nach einer Stunde des Wartens auf das Eintreffen der zuständigen Mitarbeiter folgten Firmenpräsentation und Sicherheitshinweise. Das Problem dabei: Mehr als die Hälfte der mit mir anwesenden Studenten war der deutschen Sprache überhaupt nicht mächtig. Obwohl die Amazon-Mitarbeiter sogar mehrfach danach fragten, wer von den Anwesenden nur Englisch verstehe, wurden keinerlei Anpassungen der Art und Weise der Instruktion vorgenommen. Da Amazon generell mit vielen ausländischen Arbeitern arbeitet, müsste das Unternehmen eigentlich auf mangelnde Deutschkenntnisse eingestellt sein. Auch die Verträge und sämtliche andere Dokumente und Informationsmaterialien gab es meines Wissens nicht in englischer Fassung.

          Weitere Themen

          Siemens-Mitarbeiter wollen kämpfen Video-Seite öffnen

          Stellenabbau bei Großkonzern : Siemens-Mitarbeiter wollen kämpfen

          Siemens will weltweit fast 7000 Stellen streichen - davon die Hälfte in Deutschland. In den betroffenen Werken geht nun die Angst um. In Offenbach hatte Siemens angekündigt, den Standort aufzugeben. Dabei könnte es zum ersten Mal seit zehn Jahren zu Entlassungen bei Siemens auf dem Heimatmarkt kommen.

          Topmeldungen

          F.A.Z. exklusiv : Lindner: Wir fühlten uns gedemütigt

          Im Interview mit der F.A.Z. spricht der FDP-Vorsitzende über die Gründe für den Ausstieg aus den Jamaika-Sondierungen. Vor allem einer Partei wirft Christian Lindner fehlende Kompromissbereitschaft vor.
          Keine Zeit für Grokodilstränen: Sigmar Gabriel und Martin Schulz am Dienstag im Bundestag

          SPD nach Jamaika-Aus : Einmal Opposition und zurück

          Nach dem Paukenschlag wird in der SPD noch einmal neu nachgedacht. Es gelte, Neuwahlen zu vermeiden – heißt es hinter vorgehaltener Hand. Behutsam müsse man die Partei auf eine Regierungsbeteiligung vorbereiten. Nur wie?
          Heute ein seltenes Phänomen: Steiger in Deutschland.

          Letztes Bergwerk im Ruhrgebiet : Schicht im Schacht

          Auf Prosper-Haniel, der letzten Zeche im Ruhrgebiet, bereiten sich die Arbeiter auf die Schließung vor. Von 2700 Mitarbeitern werden viele in den Vorruhestand gehen, andere sich neue Jobs suchen. Die Pumpen unter Tage aber müssen weiterlaufen – für immer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.