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Hinter den Kulissen : Das Tagebuch einer Amazon-Packerin

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Insgesamt war die Arbeitsatmosphäre mehr als angespannt. In anderen Arbeitsbereichen, etwa im „Pick“-Bereich, sollen die Arbeitsbedingungen deutlich entspannter gewesen sein, wie mir eine andere Studentin berichtete. Bei mir traf allerdings zu, wovon nun auch die ARD berichtete: Kontrolle und Einschüchterung seitens Amazon. Während sich der Fernsehbericht allerdings vor allem auf den eingesetzten Sicherheitsdienst bezog, waren es in meinem Fall die Amazon-Mitarbeiter selbst, die uns einschüchterten. Ich fühlte mich, als ob mich das Aufseherteam als eine Art minderwertiger Mensch betrachtete.

Pausenklau

Ein weiterer Punkt, über den ich auch im Forum des Amazon-Betriebsrats in Graben gelesen habe, lässt sich unter das Motto „Pausenklau“ stellen. Theoretisch steht allen Mitarbeitern eine halbe Stunde Pause am Tag zu. Die Zeit läuft vom ersten Gong, bei dem man allerdings noch am Platz stehen muss. Sie endet mit dem zweiten Gong, bei dem man hingegen schon wieder am Platz stehen muss. Per Computer wird überprüft, wer sich zu früh aus- oder zu spät einloggt. Ein Problem wird daraus vor allem während der Weihnachtszeit, denn für Hunderte Arbeiter, die dann zu ihren Spinden und in die Kantine gelangen wollen, gibt es nur vier Sicherheitsschleusen. Addiert man die daraus folgenden Zeitverluste, ergibt sich insgesamt eine höchstens zwanzigminütige Pause. In der Kantine warm zu essen, war angesichts der Schlange dort nie möglich. Meistens verbrachten wir die Pause schweigend, weil jeder versuchte, so schnell wie möglich sein Essen zu verschlingen, um dann mit müdem Gesicht und immer noch schmerzenden Füßen zurück zur Arbeit zu gehen.

Tägliches Essen im „Restaurant“

Ein große Schwierigkeit während meiner Einsatzzeit bei Amazon war, dass wir von einem Restaurant versorgt wurden, das diesen Titel keinesfalls verdient. Um acht Stunden körperliche Arbeit im Stehen leisten zu können, muss man zumindest gesättigt sein. Ich zähle rückblickend zwei Tage, in denen ich das von mir behaupten konnte. Jeden Tag bestand unser Mittagessen aus einer Suppe - es war immer eine Fertigsuppe, die manchmal einfach ungenießbar war - und dem Hauptgang. In drei Wochen habe ich als Nichtvegetarierin keinen einzigen Bissen Gemüse bekommen. Auch ohne gesteigerten kulinarischen Anspruch mussten wir das Essen oft schlicht stehenlassen.

Satt waren wir selten, vor allem die jungen Männer unter uns nicht. Ein Nachschlag wurde ihnen mehrfach untersagt. Die zweite Mahlzeit, die Amazon versprochen hatte, bestand für meine Schicht aus einem „Mitternachtssnack“. Da wir allerdings erst gegen 1 Uhr nachts wieder zurück in Lechbruck in unseren Unterkünften waren, war ich meistens schlicht zu müde, um diesen noch zu mir zu nehmen. Viele andere Studenten hatten hingegen keine Wahl: Da der Bus sie erst nach dem Essen zu ihren weiter entfernt gelegenen Unterkünften fuhr, mussten sie auch für diese Mahlzeit noch wach bleiben. Ich konnte meine Ferienwohnung zu Fuß erreichen; allerdings belief sich meine Energiezufuhr dann auf jenes Mittagessen und ein in der Kantine heruntergeschlungenes Pausenbrot am Tag.

Betrachtet man die zu leistende Arbeit und auch die Unternehmensziele, ist das Lager in Graben sehr effektiv und prinzipiell bestmöglich aufgebaut. Fließbandarbeit wird immer eine körperlich anstrengende und monotone Arbeit bleiben. Und um mehrere tausend Leute beaufsichtigen zu können, wird es immer ein gewisses Maß an Kontrolle geben müssen. Andererseits rechtfertigt all dies nicht die Einschüchterung, den Tonfall und die mitschwingenden Drohungen und Missbilligungen, die ich und andere erlebt haben. Da allerdings viele Mitarbeiter froh sind, überhaupt einen Arbeitsplatz zu haben und Geld zu verdienen, trauen sie sich nicht, sich zu wehren und ihre Stimme zu erheben.

Der Beitrag unserer Autorin erscheint ohne ihren Namen, weil Mitarbeiter von Amazon ein Dokument unterzeichnen müssen, in dem die Weitergabe interner Informationen untersagt wird - auch über die Einsatzzeit hinaus. Angesichts der öffentlichen Diskussion über die Arbeitsbedingungen bei dem Onlinehändler erschien es ihr aber geboten, einen Blick auch hinter die Mauern der eigentlichen Versandzentren zu ermöglichen.

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