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Hinter den Kulissen : Das Tagebuch einer Amazon-Packerin

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Nachdem sich in weiteren Wartestunden langsam der Eindruck breitmachte, dass wir regelrecht „hingehalten“ würden, bekamen wir unsere Arbeitsausrüstung. Leider seien zu wenige Sicherheitsschuhe und Handschuhe vorhanden, stellte die zuständige Mitarbeiterin fest. Festes Schuhwerk bekamen daher ausschließlich die sogenannten „Picker“. Das sind diejenigen, die die einzelnen Bestellungen im Lager zusammenstellen und daher viele Kilometer am Tag laufen. Später erzählte uns eine andere Mitarbeiterin, dass sie ihren Chef auf diesen Missstand aufmerksam gemacht habe. „Denn eigentlich müssen alle feste Schuhe haben, weil schwere oder spitze Sachen runterfallen können und einfach auch weil man acht Stunden lang steht“, sagte sie.

Das Zentrum in der Nähe von Augsburg von außen Bilderstrecke

Der Chef habe allerdings nur mit den Schultern gezuckt - vermutlich, weil die Kosten für neue Schuhe höher seien als die Kosten für Arbeiter mit Knie- oder Rückenproblemen. Ich als „Packerin“ - ich verpackte Waren in die dafür vorgesehenen Pakete - erhielt jedenfalls nur eine orangefarbene Sicherheitsweste als Ausrüstung. Glücklicherweise hatte ich meine Joggingschuhe mitgenommen. Viele andere Studenten arbeiteten fortan in dünnen Stoffturnschuhen. Nach zwei Wochen hatte ich Knieschmerzen. Da wir auch keine Handschuhe erhalten hatten, waren meine Finger einige Tage später regelrecht wund vom Kleber und übersät von Schnittwunden. Erst auf Anfrage wurde mir schließlich ein Paar Handschuhe ausgehändigt.

Schicht und Linie

Eine Schicht bei Amazon in Graben begann immer wie folgt: Mit dem Ertönen eines Gongs versammelten sich alle Mitarbeiter der Schicht. Der „Lead“ der Schicht bezifferte die zu bearbeitenden Bestellungen und las einen „safety tip“ für die Arbeit vor. Daraufhin ging jeder an seinen Arbeitsplatz. Im Bereich „Pack“, in dem ich tätig war, gibt es sechs sogenannte „Linien“, an denen jeweils rund 20 Leute arbeiteten. Für jede Linie ist ein Fließband vorhanden, auf dem die zu verpackenden Waren angeliefert werden. Links und rechts davon befinden sich dann jeweils parallel neben- und hintereinander die Arbeitsplätze. Als Packer steht man alleine an einem Tisch; davor eine Art Regal mit den verschiedenen Verpackungen; links zwei Fließbänder: eines, das die Waren in Kisten anliefert, und eines, auf das die fertigen Pakete gelegt werden.

Je Linie gibt es einen Aufseher, einen sogenannten „Co-Worker“, der für alle auftauchenden kleineren Schwierigkeiten verantwortlich ist. Über den Co-Workern standen in Graben fünf „Leads“, deren Aufgabe es ist, dass alles reibungslos funktioniert. Sie liefen daher die meiste Zeit durch die Linien und beobachteten die Mitarbeiter. Da sie im Grunde recht wenig zu tun haben, aber wichtig sind und über allen anderen stehen, merken sie sich etwa, wie oft man schon auf Toilette war, fragen, warum man nicht zur näheren Toilette gegangen sei (von deren Existenz man nicht wusste), und kontrollieren vor allem, dass alle schnell genug arbeiten.

Kontrolle

Eine dieser „Leads“ war unterdessen ein besonderer Fall: Über mehrere Linien hindurch beobachtete sie uns und mahnte, weiterzuarbeiten, wenn sie uns etwa beim Reden mit dem Nachbarn oder beim Anlehnen zu einer kurzen Verschnaufpause gesehen hatte. „So geht es hier immer zu“, berichtete mir ein junger Mann schulterzuckend, als er meinen erschrockenen Blick aufgefangen hatte. Auch die Architektur des Lagers selbst führte dazu, dass alles gut kontrolliert werden konnte: Am Ende der Arbeitsplätze an den einzelnen Linien gab es eine Art „Brücke“, auf die sich die Aufseher gerne stellten. In vielen Situationen fühlte ich mich mehr als unwohl, wenn einer von ihnen entspannt am Geländer lehnte, auf uns herabschaute und beobachtete, ob auch jeder arbeite.

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