17.09.2008 · In vielen Kleinstädten ist Hertie das einzige Kaufhaus. Die Bürgermeister von 54 Standorten haben sich jetzt darüber ausgetauscht, was die drohende Schließung für deren Fußgängerzonen bedeuten würde. Der Tenor: Ohne Kaufhaus droht die totale „tote Hose“.
Von Christine ScharrenbrochWesseling ist selbst das beste Beispiel: In der trostlosen Fußgängerzone der im Süden von Köln gelegenen Kleinstadt ist Hertie das einzige Kaufhaus. In dem grauen Flachdachbau finden sich die üblichen Marken wie Esprit, S. Oliver und Street One, außerdem Bücher, CDs, Kinderspiele und Bettwäsche. Gegenüber ein Obststand, die Billigkette Takko und ein Drogeriemarkt, nebenan ein Ein-Euro-Shop und eine Kamps-Bäckerei. „Der Hertie ist das einzige Geschäft, wo man noch hingehen kann“, sagt Petra Schmitz, eine von kaum einem Dutzend Kunden an diesem Morgen. „Schauen Sie sich doch mal um in Wesseling, hier gibt es ja kaum noch was, hier ist tote Hose.“
Auch dem CDU-Oberbürgermeister bereitet das Sorgen. „Hertie hat bei uns eine Ankerfunktion“, sagt Günter Ditgens. Die Leute kämen in die Innenstadt, um bei Hertie einzukaufen. „Wenn die Filiale zumacht, werden auch die anderen Einzelhändler darunter leiden.“ Weil ihn der vor sechs Wochen eingereichte Insolvenzantrag der Warenhauskette so beschäftigt, hat Ditgens eine Resolution an die Landesregierung verfasst. Auf die bekam er derart viele Reaktionen, dass er beschloss, die Bürgermeister aller 72 Hertie-Standorte zum Informationsaustausch einzuladen.
„Wir wollen eben ein Kaufhaus“
Und so sitzen am Mittwoch die Vertreter von 54 Städten im Wesselinger Rheinforum und schildern mit Blick auf den Fluss ihre Befürchtungen. Der Gastgeber bringt sie auf den Punkt: „An vielen Standorten käme der Verlust des Hertie-Standorts einer mittleren Katastrophe gleich.“ Von einem „Super-Gau“ spricht gar der Bürgermeister von Itzehoe, von einem „schweren Schlag“ die Bürgermeisterin aus Dinslaken. „Wir wollen eben ein Kaufhaus“, wirft die Kollegin aus dem niederbayrischen Deggendorf das Problem einer späteren Nutzung auf.
Dann bemüht sich der vorläufige Insolvenzverwalter Biner Bähr, Optimismus zu verbreiten. Fast eine Stunde lang berichtet er von seiner Aufgabe. Gute Nerven brauche er – und eine gute Haftpflichtversicherung, lockert der jungenhaft wirkende Anwalt der Kanzlei White & Case die Stimmung auf. Dann kommt er zum Wesentlichen. „Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir bis Ende des Jahres einen Investor gefunden haben.“ Derzeit erhielten mehr als zehn Interessenten, mehrheitlich Finanzinvestoren, Einblick in die Bücher; angesprochen worden seien mehr als 120 potentielle Käufer.
Dass sich die Investoren angesichts der Turbulenzen in der Finanzbranche verunsichert zurückziehen könnten, befürchtet Bähr derweil nicht. „Dafür ist der Deal zu klein.“ Allerdings seien die Banken zurückhaltender geworden, der Käufer müsse schon eine „ganze Menge Geld“ mitbringen. Allein für den Warenbestand werde ein zweistelliger Millionen-Betrag fällig. Zudem strebt Bähr einen Gesamtverkauf an, also inklusive der 64 vom britischen Gesellschafter Dawnay Day gehaltenen Immobilien.
In zwei Wochen soll eine Strategie für Hertie vorliegen
„In zwei Wochen“, kündigt Bähr an, „wird es noch mal spannend.“ Dann will er seine Strategie für Hertie vorstellen. Ein kleines Beispiel gibt er schon mal. Wenn die Zielgruppe bei den 30 bis 50 Jahre alten Kunden liege, mache es keinen Sinn, das Sortiment auf 18 Jahre alte Mädchen auszurichten. Noch länger werden sich die versammelten Bürgermeister gedulden müssen: Erst Ende Oktober soll feststehen, welche Standorte geschlossen werden.
Der Geschäftsbetrieb laufe wieder normal, versichert Bähr. Der Warenmangel sei überwunden, 97 Prozent der Lieferanten seien wieder an Bord. Hertie schaltet wieder Radiospots, eine bundesweite Plakatkampagne soll im Oktober folgen. Sollte sich bis Ende Dezember kein Käufer gefunden habe, „können wir uns auch eine Zeitlang allein über Wasser halten“, sagt Bähr. Auch die 4100 Mitarbeiter hätten den ersten Schock überwunden, sagt Bernd Horn, der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats.
Den Gipfel der Hertie-Bürgermeister sieht die Vertreterin aus Dinslaken derweil vor allem „als positives Zeichen nach außen“. Eine schöne Sache für Wesseling sei das gewesen, sagt seinerseits der Pressesprecher der 36.000-Einwohner-Stadt. Sein Oberbürgermeister eilt unterdessen vor die Tür – zu einem Interview mit WDR 2.
Das Landensterben findet seit Jahren in ganz Deutschland statt
Harald Wozniewski (Limpy)
- 18.09.2008, 10:50 Uhr
Der Segen des Kaufhauses
Marvin Parsons (mapar)
- 18.09.2008, 12:39 Uhr
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