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Henning Kagermann „SAP war ein schöner Abschnitt in meinem Leben“

29.05.2009 ·  Ende Mai tritt Henning Kagermann als SAP-Chef ab. Im Interview mit der F.A.Z. spricht er nochmals über das SAP-Geschäftsmodell, Aufsichtsratsposten und seinen Optimismus in der Krise.

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Ende Mai tritt Henning Kagermann als SAP-Chef ab. Im Interview mit der F.A.Z. spricht er nochmals über das SAP-Geschäftsmodell, Aufsichtsratsposten und seinen Optimismus in der Krise.

Herr Kagermann, wie fühlt man sich, in diesen schwierigen Zeiten abzutreten, statt an einem Glanzpunkt?

Die Zeiten sind leider, wie sie sind. Aber eigentlich ist es doch gut, dann abzutreten, wenn man all seine Ziele erreicht hat. Ich hinterlasse ein ordentliches Haus, meine Nachfolge ist bestens geregelt, und das Unternehmen ist sehr gut aufgestellt.

Immerhin werden erstmals in der Unternehmensgeschichte Stellen gestrichen...

Als Vorstand muss man nun mal tun, was für das Unternehmen richtig ist. In dieser Situation ist das für die Zukunft der SAP leider das Richtige, also überlasse ich diese Aufgabe nicht anderen. Soll ich notwendige Entscheidungen aufschieben, nur damit ich sagen kann, in meiner Karriere ist das nicht passiert?

Würden Sie sagen, die Krise hat Ihre Strategie für SAP bestätigt?

Voll und ganz. Wir haben aus der ersten Krise 2003 gelernt: Das Unternehmen ist globalisiert, professionalisiert, das Produktportfolio transformiert, und wir sind allen Unkenrufen zum Trotz seit einigen Jahren Marktführer im Mittelstand.

Und die Probleme bei der Mittelstandssoftware Business ByDesign?

Das ist die einzige noch offene Baustelle, in der Tat.

Wird das denn noch etwas?

Die Tatsache, dass wir das Produkt auf unserer Kundenmesse Sapphire präsentieren, zeigt Ihnen, dass wir nicht mehr weit vom Erfolg weg sind. Auch diese Baustelle wird fertig werden.

Das SAP-Geschäftsmodell kommt von allen Seiten unter Druck. Wird der Konzern je wieder zu alten Wachstumsraten zurückfinden können?

Ich gehe fest davon aus, dass SAP auch wieder zweistellig wachsen wird.

Woher soll denn das Wachstum kommen?

Das Geschäftsmodell der SAP wird sich sicher schrittweise verändern. Das klassische Lizenzgeschäft wird für das Wachstum nicht mehr die ganz große Rolle spielen, dafür werden wiederkehrende Produkterlöse aus Subskription und Wartung immer wichtiger. Der Produktumsatz der SAP wird wieder zweistellig wachsen, davon bin ich überzeugt.

Hat das klassische Softwaregeschäft neben der Software als Service auf Dauer überhaupt noch eine Chance?

Ja, es wird langfristig zwei Typen von Kunden geben. Die einen werden Informationstechnologie weiterhin als strategisch für ihre Wettbewerbsfähigkeit ansehen und allenfalls einzelne Bereiche nach außen verlagern. Denen werden wir sogenannte "zeitlose Softwarelandschaften" bieten, die offen für Innovationen aller Art sind. Für andere hat IT nicht diesen strategischen Stellenwert; sie suchen kostengünstige, einfache Lösungen durch externe Betreiber und wollen trotzdem die ganze Breite der Geschäftssoftware nutzen. Für solche Kunden haben wir im Mittelstand SAP Business ByDesign entwickelt. In Zukunft wird es natürlich auch Mischformen geben. Sie sehen, die SAP ist für die gesamte Breite der Kundenanforderungen gut gerüstet.

Nähert sich die Krise denn dem Ende?

Was wir gerade erleben, ist nach meiner Einschätzung ein Wiederauffüllen von Lagerbeständen, ohne dass die Endverbrauchernachfrage tatsächlich angezogen hätte. Die meisten CEOs, mit denen ich spreche, gehen von einem "W"-Verlauf der Krise aus, es dürfte als nochmals nach unten gehen, bevor eine dauerhafte Erholung einsetzt. Aber genau wissen tut das heute niemand.

Reagiert die Politik richtig?

Ja, das Konjunkturpaket war richtig. Es war nicht so groß, wie von manchen Partnern in Europa gefordert, aber Deutschland kann auch nicht alles alleine schultern.

Sehen Sie den Deutschlandfonds für notleidende Unternehmen ähnlich positiv?

Das muss man differenziert sehen. Ich denke, zur Stützung der Banken gab es keine Alternative. Wir sollten jetzt aber nicht auch noch dort helfen, wo es Überkapazitäten gibt und eigentlich eine Marktbereinigung erforderlich ist. Es kann gefährlich sein, durch staatliche Eingriffe strukturell notwendige Marktanpassungen aufzuschieben.

Also keine Hilfe für Opel.

Dazu fehlen mir die Details. Ich finde es aber grundsätzlich richtig, Investitionen in die Zukunft vorzuziehen und nicht das Leiden von weniger wettbewerbsfähigen Unternehmen nur zu verlängern, vor allem dann nicht, wenn der Standort Deutschland dadurch keine strategische Branche verliert.

Wir werden nach der Krise größere Banken haben als davor. Noch größere Kreditinstitute, die noch weniger pleitegehen können. Das war doch genau ein Problem der Krise.

Der Markt sucht und braucht Banken, die größere Risiken übernehmen können. Das Problem der Krise war nicht das "Too big to fail", sondern das "Too connected to fail", die Vernetzung also, weil keiner mehr genau wusste, wer wo überall drinsteckt und welche Auswirkungen ein Scheitern hat. Um dieses Risiko zu minimieren, müssen wir die Eigenkapitaldeckung der Banken erhöhen und an der Transparenz arbeiten, das ist das Wichtigste.

Können Sie sich vorstellen, selbst in die Politik zu gehen?

Nein, ich wechsle, wie Sie wissen, als Präsident zu Acatech, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften. Wir möchten wissenschaftlich fundiert beraten, wie Innovation am besten zu Wachstum und Beschäftigung in Deutschland beitragen kann.

Was machen Sie denn nach Ihrem Ausscheiden ab Juni?

Neben meinem Amt bei Acatech bin ich in verschiedenen Aufsichtsräten, und in St. Gallen habe ich zurzeit einen Lehrauftrag. Alles Weitere werde ich sehen.

Hätten Sie auch noch genügend Zeit, um den Vorsitz im Deutsche-Bank-Aufsichtsrat zu führen?

Die Frage stellt sich zurzeit nicht.

Aber gefragt wurden Sie schon?

Sie verstehen, dass ich das nicht kommentiere.

Neben der Deutschen Bank sind Sie in den Aufsichtsräten von Münchener Rück, Nokia und Deutscher Post. Werden Sie diese Aufgaben nach Ihrem Rücktritt als SAP-Chef weiter wahrnehmen?

Ja. Bei der Post bin ich gerade erst eingetreten, weil ich wusste, dass ich nach meiner SAP-Zeit dafür den nötigen Freiraum habe.

Gibt es etwas, was Sie als SAP-Chef heute anders machen würden?

Ich würde Business ByDesign erst ankündigen, wenn es läuft. Etwas völlig Neues ist nicht hundertprozentig planbar, das habe ich jetzt gelernt.

Welche Verbindungen werden bleiben zur SAP?

Gute, aber lose Verbindungen.

Kein Büro in Walldorf und keine Funktionsstelle mehr?

Nein, ich wechsle nicht in den Aufsichtsrat, und ich berate auch nicht.

Keine Träne zum Abschied?

Nein. SAP war ein schöner Abschnitt in meinem Leben, ich habe viel erlebt. Als ich angefangen habe, hatten wir 80 Beschäftigte, heute sind es 50.000. Dazwischen lag die Internationalisierung, der Börsengang, die Ausweitung der Produktpalette. Ich bin 61, habe sehr viel mit der SAP erreicht und kann dieses Kapitel gut abschließen. Ich kann jetzt eine Menge Dinge machen, die auch spannend sind. Ich hatte schon einmal einen Bruch in meinem Leben, nach der wissenschaftlichen Karriere, und auch den habe ich nicht bereut. Ich war elf Jahre CEO von SAP, ich bin gesund, das Unternehmen steht gut da, ich kann mich nicht beschweren.

Wehmut gehört nicht zu Ihren Charakterzügen, oder?

Wehmut entsteht unter zwei Voraussetzungen: Entweder du glaubst, du hättest etwas verpasst und müsstest das jetzt nachholen. Oder du glaubst, das Leben kann dir nichts mehr geben. Beides trifft bei mir nicht zu.

Das Gespräch führten Stephan Finsterbusch und Bernd Freytag.

Quelle: F.A.Z.
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