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F.A.Z. exklusiv : Das Milliardengeschäft der Heizkosten-Ableser

Ein Zähler von Techem Bild: dpa

Mieter stöhnen über Zahlungen an die dominanten Anbieter. Jetzt wird auch der zweite große Dienst für Milliarden verkauft.

          An den Haustüren kleben jetzt wieder ihre Zettel: Die Ableser von Heizkosten sind in Mehrfamilienhäusern unterwegs, um den Verbrauch der einzelnen Parteien zu erfassen. Zwei große Anbieter gibt es. Der eine, Ista, wechselte vergangenes Jahr zu einem exorbitanten Preis den Eigentümer – in der größten Transaktion eines Finanzinvestoren in Deutschland überhaupt. Jetzt wird auch der zweite Anbieter, Techem, verkauft, wieder geht es um Milliarden: Nach Informationen der F.A.Z. will der australische Eigentümer Macquarie über seine Berater Ende Februar die Informationsprospekte an mögliche Käufer schicken. Die sollen dann noch vor Ostern Gebote abgeben.

          Klaus Max  Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Es ist keine Transaktion wie jede andere, denn indirekt sind Millionen Mieter und Wohnungseigner in Mehrparteienhäusern betroffen. Techem und Ista dominieren den deutschen Markt, das Geschäftsmodell ist in verschiedener Hinsicht problematisch: Unter anderem handeln die Ableser ihre Preise mit Vermietern oder Verwaltungen aus, die dann die Kosten auf die Mieter abwälzen. Nach mehreren Berichten der F.A.Z. und daraus resultierendem öffentlichen Druck leitete das Bundeskartellamt 2015 eine Sektoruntersuchung ein.

          Wechsel zur Konkurrenz erschwert

          Im vergangenen Frühjahr bestätigten die Wettbewerbshüter in ihrem Bericht Punkt für Punkt die Bedenken. Es gebe „Wettbewerbsprobleme“ – einmal wegen der oligopolistischen Struktur der Branche. Denn nach der Erhebung des Kartellamts erzielen Ista und Techem hierzulande zusammen 50 bis 60 Prozent des Branchenumsatzes, die größten fünf Anbieter 70 bis 80 Prozent. Zum anderen beleuchtete die Behörde das Dreiecksverhältnis in der Geschäftsbeziehung. „Es ist ein Grundproblem, dass die Kosten für das Ablesen in der Regel vom Mieter getragen werden, die Auswahl und die Beauftragung des Ablesedienstes hingegen der Vermieter trifft“, sagte Präsident Andreas Mundt. „Die Preissensibilität der Auftraggeber ist nur schwach ausgeprägt.“

          Außerdem erschweren die Anbieter den Wechsel zur Konkurrenz, weil sie jeweils spezifische Ablesegeräte verwenden. Zusätzlich wird der Wettbewerb durch lange Vertragslaufzeiten gehemmt, die etwa durch unterschiedliche Eichfristen entstehen. Auch diese beiden Punkte monieren die Wettbewerbshüter. Das Kartellamt forderte den Gesetzgeber auf zu handeln – passiert ist bisher erkennbar nichts. Die Bonner Behörde hat sich vorbehalten, „marktabschottende Verhaltensweisen der Anbieter genauer zu prüfen“.

          So deutlich die Kritik des Kartellamts ist, so gering sind bislang die Konsequenzen. Die Branche atmete nach Veröffentlichung des Untersuchungsberichts erst einmal auf. Und die Eigentümer von Ista und Techem – beide Finanzinvestoren – konnten nun den Verkauf ihrer Gesellschaften angehen. Sie hatten eigens die Entscheidung des Kartellamts abgewartet.

          Ista für 5,8 Milliarden Euro verkauft

          Das Private-Equity-Haus CVC ging mit Ista als erster an den Markt und verkaufte das Essener Unternehmen an ein Konsortium um den Hongkonger Investor CKI. Preis: 5,8 Milliarden Euro inklusive Schulden, wie aus Dokumenten der Börse Hongkong hervorgeht. Das übertrifft nach Berechnungen der F.A.Z. und des Datendienstleisters Thomson Reuters alle anderen bisherigen deutschen Private-Equity-Übernahmen.

          Macquarie wollte dem Vernehmen nach erst einmal Ista verkauft sehen, bevor man Techem feilbietet. Vorfühlende Gespräche mit potentiellen Interessenten habe es schon gegeben, ist in Finanzkreisen zu hören. Daher verschicken die beratenden Banken – dem Vernehmen nach JP Morgan, Deutsche Bank sowie Macquaries eigene Fusionsberatung – Ende Februar ausführliche Verkaufsprospekte. In anderen Fällen steht oft erst noch ein „Teaser“ mit ersten Informationen an. Macquarie lehnte einen Kommentar ab.

          Wie zu hören ist, haben die Banken den Eigner vorsorglich gewarnt: Er solle bitte nicht einen dermaßen hohen relativen Preis (Kaufpreis in Relation zum Gewinn) wie für Ista erwarten. CVC nämlich hatte nach F.A.Z.-Berechnung etwa das 14,6-Fache des operativen Gewinns vor Abschreibungen (Ebitda) ausgehandelt. Techem erzielte laut einem Bericht an Investoren, der der F.A.Z. vorliegt, im Geschäftsjahr 2016/17 (zu Ende März) 284 Millionen Euro Ebitda, bereinigt um Einmaleffekte sogar 320 Millionen Euro. Mehrere Milliarden Euro wird der Käufer also auch in diesem Fall zahlen.

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