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Heinrich Hiesinger Ein neuer Stil

15.02.2012 ·  Am Wochenende meidet er möglichst das Büro: Heinrich Hiesinger, der neue Vorstandsvorsitzende von Thyssen-Krupp, verbindet Kompetenz mit Persönlichkeit. Wegen seines Führungsstils hat er viele Bewunderer gefunden, doch eine Hausmacht hat er nicht.

Von Werner Sturbeck
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© dpa Thyssen-Krupp-Vorstandsvorsitzender Hiesinger: Mit offenem, ruhigem und freundlichen Führungsstil hat er viele Bewunderer gefunden

Heinrich Hiesinger ist einer der 30 Chefs der größten deutschen Publikumsgesellschaften. Seit dem 21. Januar 2011 steht er an der Spitze der Thyssen Krupp AG. Der gebürtige Nordwürttemberger will und soll den zur Hälfte ausländischen Anlegern gehörenden Stahl- und Industriegüterkonzern mit noch knapp 170.000 Beschäftigten und mehr als 40 Milliarden Euro Umsatz in einen diversifizierten Industriekonzern ausbauen. Als Hiesinger im Januar 2011 am Ende der Hauptversammlung Ekkehard Schulz auf dem Chefsessel folgte, stand er ganz im Schatten des Vorgängers. Schulz, der den Konzern seit der Fusion geführt hatte, wurde von den 4000 Aktionären mit stehenden Ovationen verabschiedet. Hiesinger hatte sich damals auf dem Podium sehr zurückgehalten.

Bis heute ist es ruhig um ihn geblieben. Seine wenigen Interviews in den Medien kann man locker an einer Hand abzählen. Auf den ersten Blick entspricht Hiesinger der Person, die Beobachter erwartet hatten, als sich Gerhard Cromme, der Aufsichtsratsvorsitzende von Thyssen-Krupp und Siemens 2011 aufmachte, für den neunundsechzigjährigen Schulz einen Nachfolger zu suchen: Ein fähiger Techniker, der nach der Regie des Großaktionärs, der Krupp-Stiftung, die gewaltigen Probleme des Konzerns ordnen und lösen würde. Kein Alphatier also, das seinem Unternehmen alsbald den eigenen Stempel aufdrücken will.

Die Betriebe in fünf Kontinenten besucht

Der promovierte Elektro-Ingenieur hatte sich seinem Chefaufseher in München mit der Restrukturierung und Sanierung der Industriesparte von Siemens empfohlen. Hiesinger - im Gegensatz zu manchem Dax-Kollegen unprätentiös, aber nicht beliebig - wirkt ausgeglichen und ruhig, segelt nicht mit gewaltiger Bugwelle von Einsatzort zu Einsatzort. Er gewinnt und überzeugt im Gespräch mit klaren, meist freundlichen, im Bedarfsfall gelegentlich auch bestimmten Worten. Das jüngste Beispiel stammt aus den Tagen, als die Verträge für den Verkauf der Edelstahlsparte an den finnischen Wettbewerber Outokumpu ausgehandelt und unterschrieben wurden. In den letzten Januar-Tagen kochte die Stimmung in den Belegschaften der traditionsreichen Nirosta-Gesellschaften an Rhein und Ruhr hoch. Zur überfälligen Kapazitätsbereinigung sollen in Krefeld und Bochum rund 1100 Arbeitsplätze gestrichen werden. Nach Abschluss der Verhandlungen informierte der Vorstandsvorsitzende ohne Entourage und Personenschutz in Krefeld die Beschäftigten. Rund 1500 Menschen empfingen Hiesinger mit gellendem Pfeifkonzert und Buhrufen - und verabschiedeten ihn nach Vortrag und Fragerunde zwei Stunden später mit Applaus.

Entgegen den Erwartungen ist mit Hiesinger bei Thyssen-Krupp ein neuer Führungsstil eingekehrt. Als Externer hat er - anders als die beiden operativen Vorstandskollegen Olaf Berlin (Technologie) und Edwin Eichler (Stahl) - keine Hausmacht. Seit er im Herbst 2010 von Siemens nach Essen wechselte, hat er die Betriebe in fünf Kontinenten besucht. Er geht auf die Menschen zu, ist lernbegierig. Wie in früheren Etappen seiner bald zwei Jahrzehnte zählenden Siemens-Karriere im In- und Ausland hat er keine Vertrauten in seinen neuen Konzern mitgebracht.

Der „Neue“ hat sein Durchsetzungsvermögen bewiesen

Mit offenem, ruhigem und freundlichen Führungsstil hat Hiesinger in den Belegschaften und im Management innerhalb eines guten Jahres viele Bewunderer gefunden. Selbst Berlin und Eichler, die vor Jahren mit der Aussicht auf den Chefsessel angeworben worden waren, preisen die Zusammenarbeit und das neue Klima im Vorstand. Hiesinger geht gut vorbereitet mit klaren Vorstellungen in die Vorstandssitzungen, lässt aber zunächst seine Kollegen diskutieren, argumentieren und auch mal streiten. So finde man meist zu gemeinsamen Entscheidungen, nur selten müsse er den Vorstandsvorsitzenden herauskehren.

Hiesinger entstammt einer Bauernfamilie, hat als ältester von sieben Geschwistern früh harte Arbeit kennengelernt. Familienleben ist ihm noch heute wichtig. Mit seiner Frau führt der Neu-Essener im Süden der Ruhr-Metropole ein großes Haus, in dem die vier Kinder häufiger zu Besuch kommen. Auch deshalb meidet Hiesinger am Wochenende möglichst das Büro. Wie im Urlaub bleibt auch dann das Mobiltelefon über viele Stunde abgeschaltet.

Dabei mangelt es dem Thyssen-Krupp-Chef wahrlich nicht an Arbeit. Die Verluste der von Pleiten, Pech und Pannen begleiteten 10 Milliarden Euro schweren Stahlinvestitionen in Amerika reißen nicht ab. Und die von Hiesinger im vergangenen Mai auf die Verkaufsliste gesetzten Tochtergesellschaften sind alles andere als Selbstläufer. Aber der „Neue“ hat schon sein Durchsetzungsvermögen bewiesen. Nach Vertragsabschluss zum Verkauf des Edelstahlsparte sind für meisten geplanten Verkäufe neue Eigentümer gefunden worden.

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Jahrgang 1949, Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

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