13.10.2005 · Die Zitterpartie um das von der Schließung bedrohte AEG-Stammwerk in Nürnberg geht weiter. Der schwedische Mutterkonzern Electrolux vertagt seine für den 24. Oktober geplante Entscheidung über das drohende Aus für die Hausgerätefirma.
Electrolux wird seine Entscheidung über die Zukunft des AEG-Werkes in Nürnberg und seiner 1750 Mitarbeiter verschieben. Weithin war erwartet worden, daß der Aufsichtsrat des Weltmarktführers für Haushaltswaren am 24. Oktober beschließen werde, den Standort zu schließen, mit harten Auswirkungen auf die fränkische Wirtschaftsregion. Der Europavorstand von Electrolux, Johan Bygge, sagte im Gespräch mit der F.A.Z., der Konzern suche weiterhin nach Wegen, zumindest Teile der Fertigung in Nürnberg beizubehalten, wiewohl eine volle Schließung noch immer eine „starke Möglichkeit“ sei. Nach Angaben der IG Metall sollen stattdessen Verhandlungen mit der Gewerkschaft und dem Betriebsrat über den Standort stattfinden.
Daher lud Electrolux für Anfang kommender Woche den Wirtschaftsausschuß des Werks zu weiteren Gesprächen um mögliche Einsparmöglichkeiten ein. Noch seien nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Eine Entscheidung, wie immer sie falle, sollte nicht zu lange hinausgeschoben werden, weil man vermeiden wolle, daß die Beschäftigten länger in Ungewißheit lebten. Andererseits aber nehme Electrolux den Beschluß "ungeheuer ernst" und wolle sich dabei nicht unter Zeitdruck setzen lassen. Ein "drittes Szenario", statt voller Schließung oder voller Weiterführung der gesamten Produktion ohne Personalabbau, sei "eine Möglichkeit", derzeit gehe es um Lösungssuche und Feinabstimmungen.
Sparvorschläge der Arbeitnehmer
Die Arbeitnehmerseite hatte Electrolux Sparvorschläge vorgelegt, die indes nur knapp die Hälfte der Ersparnisse ermöglichen, die die schwedische Gruppe braucht, um in Deutschland wettbewerbsfähig zu bleiben; es bleibe noch immer eine deutliche Lücke. In Nürnberg werden derzeit unter Markennamen wie AEG, Electrolux und Zanussi jährlich 1,6 Millionen Waschmaschinen und Geschirrspülmaschinen hergestellt und zu drei Fünfteln exportiert. Nachdem nun die Rahmendaten - Marktstudien, Belegschaftsvorschläge und Überlegungen über andere Ersparnismöglichkeiten von Rohstoffen über Energie bis zur Vertriebsstruktur - vorliegen, wolle man über sie und weitere Möglichkeiten mit allen Beteiligten in Deutschland beraten.
Zu ihnen hatte auch Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) gehört, der die Konzernzentrale in Stockholm besuchte, um mit dem Vorstandsvorsitzenden Hans Straberg und mit Bygge über Nürnberg zu sprechen. Bygge sagte, er respektiere die Bemühungen Clements als "bewundernswert": Nur wenige Politiker in Europa setzten sich so ein. "Wenig hilfreich" für die Fortsetzung eines Werkes sei es indes, falls ein Gewerkschaftsvorsitzender, wie es unlängst in Nürnberg geschah, mit einem Käuferboykott gegen Electrolux-Produkte drohte, falls das Werk geschlossen werde. Falls es aber zu einer Schließung zumindest eines Teils der Produktion komme, seien die Regeln dafür in Deutschland zwar teuer, aber auch klar.
Preiseinbruch für Haushaltsgroßgeräte
Die unklare Zukunft des Werkes in Nürnberg beruht auf dem Preiseinbruch für Haushaltsgroßgeräte, vor allem bei Waschmaschinen; auf neuen Mitbewerbern etwa aus China, der Türkei und Korea; auf gestärkter Einkaufsmacht des Handels, die durch die beschränkte Zahl großer Ketten den Einkaufspreis drücken könne; und auf verändertem Kaufverhalten, bei dem der Preis ein immer stärkeres Gewicht im Verhältnis zur Qualität erhalte. Electrolux stellt Haushaltsgroßgeräte wie Herde, Kühlschränke und Trockner - bei fast allen Küchengroßgeräten ist Electrolux weltgrößter Hersteller - vorwiegend im oberen Qualitäts- und Preissegment her. Das gilt vor allem mit seiner Marke AEG, die, so Bygge, unabhängig von der Nürnberg-Entscheidung weiterhin gestärkt und ausgebaut werden soll. Ein Beispiel sei das zweite AEG-Werk in Süddeutschland, Rothenburg. Die Herdproduktion in Rothenburg läuft nach allen Kriterien - Qualität, Kosten, Lieferzuverlässigkeit - "sehr gut", und Befürchtungen der Belegschaft, daß auch dort ein Abbau erwogen werde, seien zumindest auf absehbare Zeit gegenstandslos.
Deutschland sei, so der 49 Jahre alte Bygge, in Europa mittlerweile der "preissensitivste Markt": Dort seien Preise für Haushaltsgroßgeräte innerhalb von zwei Jahren um nahezu sieben Prozent zurückgegangen, in anderen großen westeuropäischen Märkten aber nur zwischen 3,5 und 5,5 Prozent. Bei Waschmaschinen sank der Preis in Deutschland sogar im Vorjahr um mehr als sieben Prozent, und beim auf dem deutschen Markt gängigsten Modell, Waschmaschinen mit einer Schleuderleistung von 1400 Umdrehungen in der Minute, in den letzten fünf Jahren um nahezu ein Drittel. Das bringe Haushaltshersteller in Deutschland in eine "äußerst schwierige Lage" - nicht nur Electrolux, die den Haushaltsgeräteteil von AEG übernahm und damit möglicherweise vor der Schließung rettete, sondern auch Konkurrenten wie Bosch-Siemens und Miele, die ebenfalls ihre Produktion teils in preisgünstigere Länder verlegten.
Electrolux hatte beschlossen, knapp die Hälfte seiner Werke in Westeuropa und den Vereinigten Staaten in Billiglohnländer zu verlegen: Die Lohnkosten in Deutschland seien etwa zehnmal so hoch wie in manchen Billiglohnländern Osteuropas oder Asiens, so Bygge (der im Vorstand neben Europa auch für Haushaltsgroßgeräte in Asien und Afrika verantwortlich ist), und um zwanzig Prozent höher als in Italien, wo Electrolux auch Waschmaschinen herstellt. Eine solche Schere könnten auch starke Kürzungen nicht auffangen. Eine Verlagerung aus Nürnberg, sollte sie in vollem Umfang geschehen, wäre neben der Schließung eines Werkes in den Vereinigten Staaten die bisher größte und teuerste im Konzern.
Falls etwa die Produktion oder zumindest ein Teil in die Fabrik in Polen verlagert werden sollte, die im kommenden Jahr in volle Produktion geht, müßte dort mehr investiert werden. Wenn die Studien und Gespräche abgeschlossen seien, werden Straberg und Bygge dem Aufsichtsrat in Stockholm vorschlagen, wie weiter verfahren werden sollte. Die dann zu treffende Entscheidung, möglicherweise bei einer Sondersitzung, sei "sehr, sehr groß" - für die Arbeitnehmer, das Ansehen der Gruppe und die möglichen Kosten, die um 230 Millionen Euro liegen sollen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.376,76 | −0,07% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2527 | −0,11% |
| Rohöl Brent Crude | 106,98 $ | −0,26% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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