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Hauptversammlung : Nur Kleinaktionäre äußern Unmut über Börsenführung

In Erklärungsnot: Carsten Kengeter, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börse, auf der Hauptversammlung in Frankfurt. Bild: Wonge Bergmann

Die Liste der Fehler in der Chefetage ist lang. Vorstand und Kontrolleure der Deutschen Börse werden dennoch klar entlastet.

          Blauäugig, dilettantisch, beschämend: die Nachlese zur abermals gescheiterten Börsenfusion ist wenig ruhmreich für die Akteure Joachim Faber und Carsten Kengeter. Der Aufsichtsratsvorsitzende und sein Vorstandsvorsitzender mussten sich in einer für Börsenverhältnisse ungewöhnlich langen Debatte von fast fünf Stunden auf der Hauptversammlung der Deutschen Börse am Mittwoch viel Kritik anhören. Die von Kleinaktionären angekündigte und auch vom amerikanischen Aktionärsberater Glass Lewis empfohlene Nicht-Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat fand jedoch keine Mehrheit. In einer Einzelabstimmung, an der fast 74 Prozent aller Aktien teilnahmen, votierten knapp 84 Prozent der Aktionäre für die Entlastung von Kengeter und auch der anderen Vorstände und knapp 87 Prozent für Faber und die anderen Aufsichtsräte.

          Daniel Mohr

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Zu Wort meldeten sich vor rund 400 Zuhörern in der Jahrhunderthalle in Frankfurt-Höchst traditionell nur Kleinaktionäre, die bei beiden Börsen insgesamt rund 6 Prozent der Aktien halten. Die großen und bestimmenden Aktionäre ziehen Gespräche in abgeschirmter Atmosphäre vor. Die Stimmung unter den Kleinaktionären war jedoch eindeutig. Andreas Lang, Vertreter der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) bemängelte den erheblichen Imageschaden für das Unternehmen, der vor allem mit den Ermittlungen wegen des Verdachts auf Insiderhandel gegen Kengeter einhergehe: „Das ist ja fast so, als wenn ein Bankchef zum Hersteller von Falschgeld wird.“

          Das Vergütungs-Programm, das Kengeter zu dem fraglichen Aktienkauf am 14. Dezember 2015 und damit zwei Monate vor Bekanntwerden der Fusionspläne mit der London Stock Exchange veranlasste, sei vollkommen überdimensioniert und auch noch zum völlig falschen Zeitpunkt gekommen, kritisiert Lang. „Es wäre ihre ureigenste Aufgabe gewesen, Schaden vom Unternehmen abzuwenden und die Sache zu verschieben“, sagt Lang. „Ihnen hat jegliches Fingerspitzengefühl gefehlt, da haben Sie schlicht versagt.“

          Sind die Gehälter zu kompliziert?

          Andere Aktionäre kritisierten die mangelnde Verständlichkeit des Programms. Christian Strenger, der lange Erfahrung in der Finanzbranche unter anderem als Sprecher der Fondsgesellschaft DWS hat und der Regierungskommission zum Corporate Governance Kodex angehörte, beschrieb seine Versuche, den Vergütungsbericht zu verstehen. „Es ist mir kaum gelungen.“ Die im Raum stehenden Summen von 30 oder 40 Millionen Euro seien nicht vermittelbar. „Sie sehen doch, wie das draußen ankommt. Helfen Sie sich auch selbst und dekomplizieren und begrenzen Sie die Sache“, forderte Strenger. Auch andere Aktionäre mahnten eine Kultur der Mäßigung an.

          Faber antwortete, Komplexität und das Bemühen um Gerechtigkeit bedingten sich gegenseitig. Die Zahlungen seien angemessen, marktgerecht und leistungsorientiert. „Durch die Kopplung an die Aktienkursentwicklung sind sie nach oben unbegrenzt. In dieser Hinsicht ist das Interesse der Aktionäre und des Managements jedoch absolut gleichgerichtet“, sagte Faber. Die Kanzlei Noerr sei für gut 400.000 Euro mit einer Analyse beauftragt worden, ob der damit verbundene Aktienkauf von Kengeter den Insidervorwürfen standhalte.

          Ergebnis sei, dass eindeutig kein Verstoß gegen Insidervorschriften vorliege. „Es gibt daher keinen Grund über hypothetische Ereignisse zu spekulieren“, wies Faber Fragen nach der Zukunft von Kengeter und der Suche nach möglichen Nachfolgern zurück. Der Vertrag von Kengeter läuft bis März und wurde gegen übliche Gepflogenheiten wegen des laufenden Verfahrens noch nicht verlängert. Faber bezeichnete Kengeter abermals als Ausnahmetalent. „Ich finde es unerträglich, welcher Gegenwind unserem Vorstandsvorsitzendem entgegen gebracht wird“, sagte Faber. „Ich habe wenig Verständnis, dass man sich nicht im Interesse der Börse hinter dieses Management stellt.“

          Der Fusionsversuch kostet mehr als 70 Millionen Euro

          Die Kosten für die gescheiterte Fusion wurden auf 76,5 Millionen Euro beziffert. Die Anwaltskanzlei Linklaters mit Stundensätzen von 144 bis 503 Euro habe alleine 33,4 Millionen Euro gekostet. Sie habe bei der gescheiterten Fusion mit der New York Stock Exchange Euronext schon hervorragende Arbeit geleistet und sei deshalb wieder beauftragt worden. McKinsey habe 5,9 Millionen Euro erhalten. Die Agentur Hering Schuppener für die Kommunikationsarbeit 2,8 Millionen Euro. Andere Kommunikatoren wie CNC, FTI und andere hätten zusammen nochmal 5,3 Millionen Euro gekostet, PWC, Deloitte und KPMG zusammen 3,5 Millionen Euro.

          Das Beratungsunternehmen von Joschka Fischer erhielt weniger als 150.000 Euro für eine Analyse der politischen Situation in Europa nach dem Brexit-Votum. Andere aktive oder ehemalige Politiker seien von der Börse im Zusammenhang mit der Fusion nicht beauftragt worden. Da allen Beratern keine Fehlleistungen unterlaufen seien, sie sogar „hervorragende Arbeit“ geleistet hätten, werde die Börse auch nicht wie von einem Aktionär angemahnt, Regress fordern, sagte Kengeter.

          Er betonte in seiner Rede, die Börse sei auch alleine gut aufgestellt und werde ihre diversen Wachstumsaktivitäten fortsetzen. „Der Visionär, der CEO, hat heute nichts Visionäres gesagt“, kritisierte ein Aktionär. Die klare Mehrheit der Aktionäre will aber trotzdem mit Kengeter und Faber in die Zukunft gehen.

          Quelle: F.A.Z.

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