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Harte Bedingungen für Plus-Übernahme Schwere Geburt eines Discount-Giganten

30.06.2008 ·  Das Kartellamt stellt Edeka und Tengelmann harte Bedingungen: Die Discountketten Netto und Plus werden nur teilweise zusammenfinden. Tengelmann muss sich mit einer geringeren Beteiligung begnügen, Edeka Filialen an Rewe abtreten.

Von Brigitte Koch und Helmut Bünder
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Deutschlands neuer Gigant unter den Billiganbietern wird schon vor seiner Geburt ein Stück schrumpfen müssen, damit er das Licht des Einzelhandels erblickt. Mehr als 4000 Läden, rund 11 Milliarden Euro Umsatz und damit neue starke Nummer drei hinter Aldi und Lidl: So lauteten einmal die Eckzahlen in Edekas Masterplan für den Großangriff auf die mächtige Discounter-Konkurrenz.

Am Dienstag wird das Bundeskartellamt verkünden, was davon übrig bleibt. Seit Monaten prüft die Wettbewerbsbehörde den geplanten Zusammenschluss von Plus und Netto. Im April kam die böse Überraschung: Die Wettbewerbshüter drohten, die Übernahme der zur Mülheimer Tengelmann-Gruppe gehörenden rund 2900 deutschen Plus-Filialen durch Edeka zu untersagen

Kartellamt wittert Absprachen

Die Bonner Kartellwächter befürchten, dass der neue Billiganbieter die Verbraucher in vielen Gebieten teuer zu stehen käme. Edeka würde dort zum dominierenden Anbieter, der Wettbewerb in unzulässiger Weise eingeschränkt, argumentiert das Amt. Also blieben nur Nachverhandlungen. Darin haben die beteiligten Unternehmen offenbar zahlreiche Zugeständnisse gemacht und harte Bedingungen akzeptiert.

Anders als zunächst geplant, wird sich Tengelmann wegen der Gefahr zu großer Einflussnahme nicht mehr zu 30 Prozent an dem geplanten Gemeinschaftsunternehmen für die Discounter beteiligen dürfen. Vielmehr soll sich das Familienunternehmen mit einer Finanzbeteiligung von 20 Prozent begnügen. Auch von den Plänen, dass Tengelmann-Chef Karl Erivan Haub einen Posten in dem Kontrollgremium der neuen Discount-Gesellschaft erhalten sollte, wird man sich wohl verabschieden. Denn bei einer Teilnahme in den Gremiumssitzungen wittert das Kartellamt Möglichkeiten zur Absprache.

Rewe könnte 370 Plus-Filialen übernehmen

Wichtiger Teil des im November vergangenen Jahres ausgehandelten Deals war zudem eine Beschaffungsallianz mit Edeka, die den Einkauf für die mehr als 700 Supermärkte von Kaiser's und Tengelmann mit übernehmen sollte. Doch das würde aus Sicht der Kartellbehörde die Einkaufsmacht von Edeka als dem größten deutschen Lebensmittelhändler über die Maßen verstärken. Und so dürfte auch dieses Vertragskapitel inzwischen gestrichen sein. In der Branche wird seit längerem kolportiert, dass mindestens 370 der Plus-Filialen an einen anderen Wettbewerber gehen müssen, damit das Bonner Amt zustimmt.

Zu den Regionen, wo Edeka eine Übermacht von mehr als 30 Prozent Marktanteil erhalten würde, zählen einzelne Gebiete in Ost- und Süddeutschland. Betroffen sind angeblich unter anderem Magdeburg, Freiburg oder Straubing. Über die Abgabe dieser Plus-Filialen soll bereits mit verschiedenen Wettbewerbern verhandelt werden. Als Favorit gilt die Kölner Rewe. Sie hatte sich im vergangenen Herbst mit ihrer Offerte für die Plus-Filialen Edeka geschlagen geben müssen und bekäme nun eine zweite Chance. Dass Tengelmann bei der erzwungenen Abgabe dieser Filialen in einer deutlich schwächeren Verhandlungsposition ist als damals bei der Offerte des Gesamtpaketes, ist klar.

Schließung von Standorten möglich

Aller Wahrscheinlichkeit nach wird das Kartellamt die Genehmigung an Bedingungen knüpfen, die vor Abschluss der Fusion erfüllt sein müssen. Das würde bedeuten, dass sich der ursprüngliche Fahrplan bis zum Vollzug nochmals verzögert. Denn allein die Verhandlungen über den Verkauf des Filialpaketes erfordern Zeit. Selbst wenn es zum erwarteten Kompromiss mit den Wettbewerbshütern kommt: Ihre strategischen Ziele haben die beteiligten Unternehmen teilweise verfehlt. Zwar steigt Edeka mit der neuen Gesellschaft „Netto Marken-Discount“ zur klaren Nummer drei auf.

Die Hamburger müssen aber auf interessante Filialen verzichten, und sie werden mit einem größeren Anteil an dem Gemeinschaftsunternehmen in die Pflicht genommen. Tengelmann dürfte vor allem der Verzicht auf die Einkaufskooperation und die schlechtere Verhandlungsposition bei der anderweitigen Unterbringung von Plus-Filialen schmerzen. Ob für sämtliche auf den Markt kommenden Läden ein Käufer gefunden wird, ist ohnehin nicht klar. So könnte es durchaus dazu kommen, dass weniger attraktive Standorte geschlossen werden müssen.

Tengelmann setzt auf mehr Qualität

Immerhin könnten die Mülheimer bei einem positiven Entscheid aber das strategische Ziel abhaken, für die Tochtergesellschaft Plus eine neue Heimat gefunden zu haben. Um diese mit dürftigen Renditen arbeitende Sparte nachhaltig zu stärken und im scharfen Wettbewerb gegen die beiden Branchenführer zu positionieren, hätte die Familie Haub immense Mittel investieren müssen. Das immerhin rund 7 Milliarden Euro Umsatz schwere Discountgeschäft birgt zudem ein zu großes Risikopotential für die Gesamtgruppe. Drohten hier nachhaltig Verluste, würde es insgesamt schwierig.

Für Tengelmann wird es nun darum gehen müssen, die eigenen Supermärkte auch ohne die Einkaufsmacht von Edeka und das fehlende Gewicht von Plus für die Zukunft solide aufzustellen. Branchenkennern zufolge strebt das Handelsunternehmen für einen erheblichen Teil des Filialnetzes eine spürbare qualitative Aufwertung an, um sich vom Massenmarkt abzuheben.

So wurden bereits einige Dutzend ausgewählte Läden mit großem Aufwand auf einen höherwertigen Auftritt und auf höherwertige Sortimentskonzepte mit dem Schwerpunkt Frische, regionale Produkte und Bioprodukte umgestellt. Der ursprünglich auf mehr als 1 Milliarde Euro taxierte Deal dürfte der Unternehmensgruppe bei der Umsetzung des Konzeptes ebenso helfen wie bei der weiteren internationalen Expansion der zur Gruppe gehörenden Handelsketten Obi und Kik. Im Saldo wird Tengelmann weniger erlösen als zunächst geplant.

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