Harrods in London: Bollwerk und Märchenreich
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Harrods in London : Bollwerk und Märchenreich

Gut beleuchtet: Kaufhaus Harrods in London Bild: Picture-Alliance

Harrods in London steht für hemmungslosen Hedonismus – und stemmt sich erfolgreich gegen die Kaufhauskrise in Zeiten des Online-Einkaufs.

          In der Kinderabteilung gibt es Trenchcoats einer britischen Edelmarke für 600 Pfund, umgerechnet gut 680 Euro. Ein Stock tiefer sind goldene Feuerzeuge für 35000 Pfund im Angebot. In der Abteilung für Wohnaccessoires kann man sich einen Siebdruck von Andy Warhol für 55000 Pfund einpacken lassen, und in der Lebensmittelabteilung im Erdgeschoss Rindersteaks für 250 Pfund das Stück. In London gibt es keinen Ort, an man seine gesamten Weihnachtseinkäufe erledigen und dafür mehr Geld loswerden kann als bei Harrods. Das Kaufhaus steht mitten im Londoner Stadtteil Knightsbridge und bildet doch eine Art Paralleluniversum des Luxus-Konsums.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          In den schier endlosen Weiten der Harrods-Verkaufssäle sind weder dem Geschmack noch der Anzahl der Nullen auf den Preisschildern Grenzen gesetzt. „Omnia Omnibus Ubique“ (allen Menschen alle Dinge, überall) lautet das nur vermeintlich egalitäre Motto des 1849 eröffneten Kaufhauses, das seit sieben Jahren im Besitz des Staatsfonds von Qatar ist. Weihnachten ist ein christliches Fest, aber bei Harrods sind auch in der Adventszeit Heerscharen von Kunden aus asiatischen und arabischen Ländern unterwegs. Nicht nur das Warensortiment und die Preise sind nicht ganz von dieser Welt – auch die Geschäftszahlen sind erstaunlich. 2016 legte der Bruttoumsatz von Harrods um fast ein Viertel auf 2,1 Milliarden Pfund zu, ein Rekordwert. Besucher aus China waren erstmals die wichtigste Kundengruppe. Der Nettogewinn stieg um 45 Prozent auf 188 Millionen Pfund. Von solchen Ergebnissen können andere Kaufhäuser auf der Insel nur träumen, denn in keinem europäischen Land hat der Strukturwandel im Einzelhandel eine solche Wucht wie in Großbritannien.

          Weltmeister im Interneteinkauf

          Der Einkauf im Internet statt an der Ladenkasse hat in den vergangenen Jahren die Geschäftsmodelle der britischen Händler erbeben lassen. Im November entfielen 17 Prozent aller Einzelhandelsumsätze auf das Online-Geschäft, der Anteil ist damit höher als in jedem anderen europäischen Land. Je Haushalt und in absoluten Geldbeträgen gerechnet, sind die Briten Weltmeister im Interneteinkauf. Immer mehr Bürger gehen nicht einmal mehr selbst in den Supermarkt, um Lebensmittel einzukaufen. Im Straßenverkehr sind die Lieferwagen der Supermarktketten, die ihre Kunden daheim beliefern, allgegenwärtig.

          Auch für Harrods ist die Zeit vor Weihnachten die umsatzstärkste des Jahres.

          Marktforscher schätzen, dass dieses Jahr die Umsätze des stationären Einzelhandels in Großbritannien um 2,5 Prozent schrumpfen, der Online-Handel dagegen um fast 13 Prozent expandiert. Der Einzelhandelsverband erwartet, dass bis Mitte des nächsten Jahrzehnts ein Drittel der bislang gut 3 Millionen Arbeitsplätze in der Branche verlorengehen wird. Der Aktienkurs der Kaufhauskette Debenhams ist binnen fünf Jahren um 70 Prozent gefallen. Der Online-Modehändler Asos ist an der Börse mittlerweile mehr wert als das kriselnde Traditionshaus Marks & Spencer, obwohl dessen Umsätze mehr als fünfmal so hoch sind. Zu diesen Veränderungen kommt ein zunehmender Margendruck durch die Schwäche des britischen Pfunds hinzu: Viele Einzelhändler kaufen ihre Waren überwiegend im Ausland ein, doch die starke Abwertung der britischen Währung seit dem Brexit-Referendum im Sommer 2016 hat die Importe verteuert.

          Werden immer mehr Einkaufszentren veröden?

          Die Briten geben vor Weihnachten zwar trotz sinkender Reallöhne mehr Geld aus: Das Geschäft rund um den „Black Friday“ Ende November, an dem viele Händler Kunden mit hohen Rabatten locken, lief viel besser als erwartet. Wie die Statistikbehörde mitteilte, stiegen die Einzelhandelsumsätze im November im Vergleich zum Vormonat um 1,1 Prozent, fast dreimal so stark wie von Analysten prognostiziert. Hauptprofiteur der Rabattschlacht vor Beginn des eigentlichen Weihnachtsgeschäfts sind die Internethändler, allen voran Amazon.

          Kundschaft! Harrods bildet eine Art Paralleluniversum des Luxus-Konsums.

          „Der ,Black Friday‘ wird immer stärker zu einem Online-Phänomen“, kommentierten die Marktforscher des Centre for Retail Research in Nottingham in einer Analyse. „Wenn ein Einzelhändler vor zehn Jahren im Vorweihnachtsgeschäft die Preise senkte, dann wurde das als Beleg dafür angesehen, dass er in Schwierigkeiten steckt. Heute tun das alle.“ Was also können traditionelle Einzelhändler tun? Werden immer mehr Einkaufsstraßen und Einkaufszentren veröden, weil die Kunden online einkaufen? Einerseits investieren traditionelle Einzelhändler in den Online-Vertrieb. Auch bei Harrods wird der immer wichtiger. Um die Kunden trotzdem in ihre Filialen zu locken, setzen manche Unternehmen außerdem darauf, dort nicht nur Waren, sondern Dienstleistungen anzubieten. Die Kaufhauskette John Lewis hat eine Filiale eröffnet, in der mehr als ein Fünftel der Verkaufsfläche für Serviceleistungen reserviert ist – von der Stilberatung bis zu individuell gestalteten Christbaumkugeln.

          Die Avantgarde des Einzelhandels

          So gesehen, zählt Harrods zur Avantgarde des Einzelhandels: Der Besuch dieses verschwenderischen Konsumpalasts mit seinem im pseudoägyptischen Stil gestalteten Treppenhaus und dem hemmungslos hedonistischen Warenangebot war schon immer mehr Erlebnis als nur profanes Einkaufen. Im vierten Stock gibt es neuerdings für die vom Weihnachtseinkauf gestressten Kunden eine „Wellness Clinic“, in der man sich für 300 Pfund die Stunde in meditativer „Mindfulness“ (Achtsamkeit) unterweisen lassen kann.

          Es ist auch kein Zufall, dass es bei Harrods nicht weniger als zwei Dutzend Restaurants und Bars gibt – vom „Caviar House“ bis zum „In-Q Café“, in dem man nach qatarischer Rezeptur aufgebrühten, mit Kardamom gewürzten Kaffee trinken und dazu Datteln naschen kann. Das Kaufhaus ist eben eine einzigartige, schräge Mischung: globalisiertes Märchenreich und Bollwerk der „Britishness“ zugleich. Vermutlich nehmen die Kunden aus China Harrods weniger als ein Geschäft wahr denn als einen Ort, den man einfach gesehen haben muss. Man besucht ihn wie den Louvre oder den Petersdom. Online geht das nicht.

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