06.10.2005 · Zwar läuft die Produktion im AEG-Werk Nürnberg nach dem Warnstreik wieder, aber die Zukunft der fast 2000 Jobs hängt allein von Hans Stråberg ab. Dem Schweden wird die Entscheidung nicht leicht fallen.
Von Robert von LuciusSo verläuft ein Hintergrundgespräch mit dem Leiter eines Weltkonzerns sonst nicht: Statt gleich in Zahlen, Tendenzen, Pläne einzusteigen, holt Hans Stråberg den Besucher ab und bringt ihn auch wieder zum Ausgang, wißbegierig fragend und keineswegs gehetzt.
Er beharrt darauf, erst ein wenig im Hauptquartier in Stockholm herumzustreifen, und fügt beruhigend hinzu, man werde genügend Zeit zum Gespräch haben. Dann verharrt er am Herd einer Nischenmarke, die sich an Meisterköche in großen Restaurants wendet, und weist auf den nüchtern scheinenden Raum, in dem über die Zukunft der Staubsauger entschieden wird.
Taktisch geschickt
Dort arbeiten Designer, Volkswirte und Techniker zusammen. Hier nimmt er neue Modelle in die Hand und saugt selber Dreck fort - leichter und punktgenauer, aber auch vergnüglicher als früher. Stråberg vermag als Verkäufer zu überzeugen.
Er geht aber auch taktisch geschickt vor: So lenkt er zunächst ab von der brennenden Frage nach der Zukunft des AEG-Werkes in Nürnberg und schafft eine Atmosphäre, die zeigt: Electrolux schließt und kürzt nicht nur, sondern baut beständig aus und fort.
Mischung aus offen und entschlossen
Der hochgewachsene Schwede wirkt verbindlich und an Menschen und Entwicklungen interessiert, die Wahl in Deutschland verfolgte er bis in Einzelheiten. Wenn es aber darum geht, „seine“ Electrolux als Weltmarktführer bei Haushaltsgeräten zu erhalten in einer Zeit, in der Preise für Kühlschränke fallen, Kosten für Stahl und Energie aber steigen, hat er etwas von dem Element, das seine Geräte zum Bau brauchen: Stahl. Die Mischung aus offen und entschlossen wird Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement gespürt haben, als er bei einem Besuch in Stockholm versuchte, die Zukunft des AEG-Standorts Nürnberg und seiner 1.750 Beschäftigten zu retten.
Dagegen dürfte das Vorgehen der IG Metall - neben einem Warnstreik auch Drohungen mit einem Käuferboykott und einer Brandmarkung der Markennamen des Konzerns wie Electrolux, AEG, Zanussi und Zanker - dem auf Konsens, Lösungssuche und berechenbaren Umgang miteinander ausgerichteten Stråberg abschrecken.
Im Eiltempo
Seit der 48 Jahre alte Ingenieur im April 2002 als einer der jüngsten Konzernchefs eines Weltkonzerns Vorstandsvorsitzender und Präsident von Electrolux wurde, holte er vom Vorgänger verschobene Entscheidungen im Eiltempo nach und gestaltete den weltgrößten Hersteller von Kühlschränken, Tiefkühltruhen, Herden, Waschmaschinen, Spülmaschinen, Staubsaugern, Mikrowellen, Gartenscheren um.
Der gewinnträchtigste Teil für Gartenprodukte wie Kettensägen und Gartengeräte wird als Husqvarna ausgegliedert und getrennt börsennotiert. Die zersplitterten Marken werden vereinheitlicht - in zwei Jahren werden zwei Drittel des Weltumsatzes von 11,3 Milliarden Euro unter dem Markennamen Electrolux verkauft statt wie vor wenigen Jahren zehn Prozent.
Die Entscheidung wird nicht leicht fallen
Etwa die Hälfte der Produktion in Hochlohnländern wird nach Osteuropa oder Asien verlegt, um wettbewerbsfähig zu bleiben gegenüber asiatischen Rivalen: Das dürfte das Kernwerk der alten, konkursreifen AEG - die Electrolux rettete - treffen. Die Entscheidung fällt am 24. Oktober. Leicht wird Stråberg und seinem Vorstand eine solche Entscheidung nicht fallen. Er hat bei aller Härte im Unternehmerischen seine unkomplizierte Wärme behalten. Und seine Zugänglichkeit für andere, die der Vater von zwei Kindern außerhalb seiner Firmenwände mit seiner Familie, einem Faible für Autos (eher verrückte Nischen denn schnittige Raser), mit Segeln und Tennis teilt. Und mit neuen Grillgeräten und Staubsaugern, die er in seinem Haus und Garten ausprobiert.
Seine Kraft wendet der überzeugte Europäer, der zweimal in den Vereinigten Staaten arbeitete, nach innen: Sein freundliches Gemüt verbindet er mit einer leichten Scheu vor großen Worten und Auftritten in fremdem Terrain. So hält er sich aus der politischen Debatte heraus, auch wo sie sein Unternehmen betrifft, etwa der schwedischen Europapolitik. Obwohl das Wort eines nachdenklichen Arbeitgebers von 72.000 Menschen überall Gewicht hätte.
Robert von Lucius Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.
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