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Hans Riegel im Gespräch Haribo für immer

26.01.2010 ·  Hans Riegel hat den Gummibärenproduzenten Haribo groß gemacht. Trotz seiner fast 87 Jahre will er vom Ruhestand nichts wissen. Riegel ist bekannt als Geheimniskrämer, der Geschäftszahlen nicht an die große Glocke hängt. Doch zumindest über seine Strategie hat er mit der F.A.Z. gesprochen.

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Rot, gelb, grün und weiß purzeln die Goldbären aus der Schütte auf das Transportband. Hans Riegel pickt sich zwei Exemplare heraus und nutzt den Fototermin nach dem Interview für eine schnelle Qualitätskontrolle. Alles bestens, der Haribo-Chef nickt zufrieden in die Runde der Werksmitarbeiter, die ihn hier nur selten zu Gesicht bekommen. Technik und Produktion sind nicht sein Metier, und für unnötige Ausflüge in den Betrieb fehlt dem hochbetagten Herrn der Gummibärchen die Zeit. Die investiert er lieber in neue Produkt- und Vertriebsideen, die das Geschäft in Gang halten. Saures steht gerade hoch im Kurs. „Komischerweise wollen immer mehr Kinder saure Sachen haben, vor allem in Belgien. Je saurer ein Artikel, desto besser läuft er dort“, sagt Riegel.

In seinem Büro, das an ein etwas in die Jahre gekommenes gutbürgerliches Wohnzimmer erinnert, serviert er die neueste Kreation. „Ich weiß nicht, ob Ihnen so etwas überhaupt schmeckt“, sagt er und reicht eine durchsichtige Plastikdose herum. Der Inhalt sieht aus wie braune Weihnachtsplätzchen, entpuppt sich aber als „Handmuster“ für ein Fruchtgummi mit dem Geschmack von Crème brulée. Etwas gewöhnungsbedürftig, aber ganz lecker. Sogar Götterspeise wird Haribo demnächst verkaufen - natürlich nur als Marketinggag. Jeweils ein Päckchen des Wackelpuddings, produziert von Dr. Oetker, soll es zusammen mit der im Herbst eingeführten Goldbären-Dose geben. Nach Ostern werden in einem bundesweiten Markttest 150 000 Kombi-Packungen in den Handel kommen. „Wir wollen unseren Kunden zeigen, dass die neue Kunststoffverpackung einen echten Zweitnutzen bietet. Wenn es funktioniert, können wir das auch mit anderen Produkten machen.“

Es ist noch immer Riegels Unterschrift, die zählt

Auf seinem Schreibtisch liegt der Brief eines kleinen Jungen, der sich darüber beklagt, dass es bei Haribo keine essbaren Trinkhalme gebe. „Wir hatten tatsächlich mal einen solchen Artikel aus Fruchtgummi“, erinnert sich Riegel, „aber der ist, ohne mich zu informieren, verändert worden.“ Es klingt so, als ärgere es ihn noch immer, dass ihn die Produktionsabteilung übergangen hat. Dort hat man die Sache vermutlich einfach nicht für wichtig genug gehalten, um den Chef damit zu behelligen.

Seit mehr als einem halben Jahrhundert leitet er die Geschäfte. Die Hälfte der Gruppe ist in seinem Besitz, die anderen 50 Prozent gehören den Kindern seines im vorigen Sommer verstorbenen Bruders Paul. Es ist immer noch Riegels Unterschrift, die zählt, oft auch in vermeintlichen Kleinigkeiten. Der Erfolg gibt dem 86 Jahre alten Patriarchen und seinem manchmal eigensinnigen Führungsstil recht. Haribo steht glänzend da. Aus dem kleinen, 1946 vom Vater übernommenen Familienunternehmen ist ein Global Player geworden.

Von Wirtschaftskrise ist nichts zu spüren

Von Wirtschaftskrise ist im beschaulichen Bonner Stadtteil Kessenich nichts zu spüren. „Unser Umsatz in Deutschland ist 2009 zwischen vier und fünf Prozent gestiegen, und weltweit hat die Haribo-Gruppe ein Plus von 15 Prozent gemacht“, sagt Riegel. Geradezu bescheiden wirkt im Vergleich dazu das Ziel für das laufende Jahr. Um acht bis zehn Prozent will er den Umsatz weltweit steigern. Über Wachstumsraten gibt er bereitwillig Auskunft. Nur nützt das nicht viel, wenn man die Bezugsbasis nicht kennt, und dazu lässt er sich keine genauen Zahlen entlocken. Irgendwo zwischen 1,7 und zwei Milliarden Euro liege der Jahresumsatz von 2009, mehr will er nicht verraten. Ob Haribo in diesem Jahr die Marke von zwei Milliarden Euro knacken kann? „Das wäre schön“, schmunzelt Riegel nur.

Finanziell steht das Unternehmen mit seinen weltweit rund 6100 Mitarbeitern, davon knapp die Hälfte in Deutschland, trotz der raschen Expansion auf sehr solider Grundlage. „Wir hatten vor Beginn der Krise keine Schulden, und wir haben auch jetzt keine.“ Zuletzt hatte Riegel 1949 einen Kredit aufgenommen und sich nach schlechten Erfahrungen mit der Sparkasse Bonn geschworen, Banken in Zukunft zu vermeiden. „Alles, was wir tun, wird aus dem laufenden Geschäft finanziert. Und wir würden uns auch bei einer größeren Übernahme sehr schwer tun, dafür einen Kredit aufzunehmen“, meint der Senior.

Gutes Gewissen gegenüber dem Kartellamt

Doch im Moment gebe es ohnehin keine geeigneten Unternehmen zu kaufen, die zu Haribo passten. Denn Riegel will sich in jedem Fall auf Lakritz und Fruchtgummi beschränken. Schokolade oder gar Hartbonbons kommen ihm nicht ins Sortiment. „Damit würden wir unsere Markenphilosophie ins Abseits stellen.“ Kräftig investieren will er in ein neues vollautomatisches Zentrallager im Werk Solingen. Rund 15 Millionen Euro seien dafür in diesem Jahr veranschlagt. „In der Logistik müssen wir noch etwas aufholen“, kündigt er an. Dieser Modernisierungsprozess wird über kurz oder lang auch das Stammwerk in Bonn treffen, wo Vater Hans 1922 den Grundstein für den Erfolg gelegt hatte. In der beengten Stadtlage stößt der Lastwagenverkehr an seine Grenzen, eine Erweiterung des Standorts ist nicht möglich. Einen Grund dafür, dass sich Haribo seit 2009 besser geschlagen hat als viele Wettbewerber, sieht Riegel in der zurückhaltenden Preisgestaltung. „Trotz der gestiegenen Rohstoffpreise haben wir die Kirche im Dorf gelassen und unsere Preise nur um knapp drei Prozent erhöht. Andere haben versucht, sieben Prozent aufzuschlagen“, meint er. In diesem Jahr will er die Preise stabil halten. „Das kann ich mit ruhigem Gewissen sagen.“

Ein gutes Gewissen, versichert Riegel, das habe er auch gegenüber dem Bundeskartellamt: „Wir haben keine Absprachen mit einem Wettbewerber, und wir haben auch keine verbotenen Abmachungen mit dem Handel.“ Seit Anfang 2008 ermittelt die Wettbewerbsbehörde gegen Haribo. „Die waren damals hier und haben sich umgeschaut. Seitdem ist das alles in der Schwebe. Ich weiß nicht einmal, welchen Vorwurf man uns macht“, sagt Riegel. Mit seiner Verärgerung hält er nicht hinter dem Berg. „Nirgendwo sonst sind die Preise so niedrig wie hier bei uns in Deutschland. Da wird doch etwas konstruiert.“

Das Ausland wird immer wichtiger

Sechzig Prozent ihres Gesamtumsatzes macht die Haribo-Gruppe im Ausland, Tendenz kräftig steigend. Das weltweite Netz umfasst 16 Fabriken und 22 weitgehend selbständig operierende Tochtergesellschaften. Sogar Australien ist mit einer eigenen Vertriebsgesellschaft dabei. Die Ware kommt aus dem Bonner Werk und aus Großbritannien. Zunächst habe man dort nur die neuen Aldi-Filialen bedient, „aber das ist so gut gelaufen, dass wir jetzt auch andere Handelsketten beliefern“, sagte Riegel.

Hohe Erwartungen setzt er in das Russland-Geschäft. Dort kann er sich sogar den Bau einer eigenen Produktionsanlage vorstellen. „Wir würden uns weitaus besser stehen, wenn wir in Russland einen Produktionspartner fänden, statt den Markt weiterhin von Ungarn aus zu bedienen.“ Einer der größten Wachstumstreiber ist die Türkei. Der Umsatz auf dem Inlandsmarkt sei im vorigen Jahr um sechzig Prozent gestiegen. Zugleich versorgt das Werk in Istanbul den amerikanischen Markt mit Haribo-Produkten. Die Bonner profitieren von einem Handelsabkommen, das den zollfreien Export aus der Türkei in die Vereinigten Staaten ermöglicht.

Pläne für eine eigene Fabrik in den Vereinigten Staaten hat Riegel aufgegeben. In Pennsylvania hatte Haribo dafür schon ein Grundstück gekauft. „Aber inzwischen gibt es die Freihandelszone mit Kanada und Mexiko, und beide Länder wären als Standort besser geeignet. In Kanada sind die Rohstoffe preiswerter, in Mexiko die Löhne niedriger als in den Vereinigten Staaten“, sagt er. Riegel will sich mit der Standortentscheidung für Amerika nicht mehr belasten. „Das sind Aufgaben, die sich meine Nachfolger aufs Panier schreiben müssen“, sagt der Haribo-Chef, der im März 87 Jahre alt wird.

„Ich habe keinen Grund, mir die Freude selbst zu nehmen“

Ans Aufhören denkt er trotzdem nicht. „Ich mache meine Arbeit, weil sie mir Freude macht, und ich habe keinen Grund, mir die Freude selbst zu nehmen.“ Er fühle sich fit genug, sogar seinen Hubschrauber fliege er noch selbst. Riegel hat selbst keine Kinder. Seine Anteile will er deshalb einer Stiftung übertragen, die er in Österreich gegründet hat. Über die Verwendung des Gewinns, der später auf seine Anteile entfallen wird, hat er klare Vorstellungen: Fünfzehn Prozent sollen in zwei gemeinnützige Stiftungen für die Bildung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland und in Österreich fließen. Der Rest stünde für die Verwaltungskosten und die Finanzierung des Unternehmens zur Verfügung.

Haribo könnte dann, so sein Modell, als Holding weitergeführt werden, welche die eigene Stiftung und die Anteile der Familie seines verstorbenen Bruders bündelt. Wer nach ihm an der Spitze stehen könnte, bleibt weiterhin völlig ungewiss. Riegel lässt sich auf keine Spekulationen ein: „Das werden die Gesellschafter später klären müssen.“

Zur Person

Hans Riegel Junior und sein jüngerer Bruder Paul hatten das vom Vater gegründete Unternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg übernommen. Paul kümmerte sich bis zu seinem Tod im vorigen Sommer um Produktion und Technik, Hans Riegel leitet nach wie vor das Geschäft. Sein Marketinggeschick und das Gespür für den Geschmack der meisten jungen Kundschaft haben entscheidend zum Erfolg von Haribo beigetragen. Viele Produkte und Marken, darunter der „Goldbär“, gehen auf Riegels eigene Ideen zurück. Er besitzt seit 1991 einen österreichischen Pass und verbringt einen Teil des Jahres in seinem Anwesen in der Nähe von Linz. Dem heimischen Bonn ist er immer noch eng verbunden.

Zum Unternehmen

Aus kleinen Anfängen ist Haribo zum größten deutschen Süßwarenkonzern aufgestiegen. Der Name setzt sich aus den Anfangsbuchstaben von Gründer Hans Riegel und Bonn zusammen. Haribo ist in insgesamt sechzehn europäischen Ländern sowie in Nordamerika vertreten und beschäftigt auf der ganzen Welt mehr als 6000 Mitarbeiter. Seine Lakritz- und Fruchtgummiprodukte werden in mehr als hundert Länder exportiert. Auch die Traditionsmarke Maoam gehört zur Haribo-Gruppe. Der weltweite Umsatz liegt bei knapp unter zwei Milliarden Euro.

Das Gespräch führte Helmut Bünder.

Quelle: F.A.Z.
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