http://www.faz.net/-gqe-9dp9g
Bildbeschreibung einblenden

Deutscher Handelskonzern : Der Milliarden-Flop mit der Metro

Die Metro AG unterhält 760 Großmärkte in 25 Ländern. Bild: dpa

Auch Milliardäre können irren: Die Haniels, ehemals reichster Clan der Republik, verkaufen ihre Metro-Anteile. Eine Geschichte von Aufstieg und Niedergang.

          Der Handelskonzern Metro kommt in die Hände neuer Großaktionäre: Die Familie Haniel, seit mehr als 50 Jahren Miteigentümer der Metro, trennt sich von ihren Anteilen, wie der Clan gerade bekanntgab. Für Unternehmen wie Familie, zeitweise der vermögendste Clan der Republik, bedeutet dies einen historischen Einschnitt.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In einem ersten Schritt verkauft der bisherige Großaktionär Haniel 7 Prozent der Anteile an Patrik Tkáč und Daniel Ketínsky, beide bisher in Tschechien und der Slowakei aktiv. Die restlichen 15 Prozent haben sich die beiden per Call-Option gesichert, womöglich werden sie ihre Metro-Anteile danach noch weiter aufstocken, lassen sich die beiden Investoren zitieren, die in Deutschland bisher nicht weiter aufgefallen sind. Zum Kaufpreis sagen die Beteiligten des Deals nichts.

          Dass es ein gutes Geschäft wäre, wird auf deutscher Seite aber niemand behaupten, dafür ist der Zeitpunkt zu ungünstig: Der Wert ihrer Metro-Beteiligung ist den Haniels über die Jahre förmlich zerbröselt, die Aktie hat allein in diesem Jahr fast 30 Prozent verloren, was dazu führt, dass Konzernchef Olaf Koch seit Monaten unter Beschuss steht.

          „Wir haben Private Equity erfunden“

          Das „Manager-Magazin“ hat in der jüngsten Ausgabe, die am Freitag erschienen ist, noch gemutmaßt, die Haniels suchten einen neuen Metro-Chef, um Koch abzulösen. Stattdessen haben sie offenbar nach einem Ausstieg aus dem Konzern gesucht und nun Abnehmer für ihre Anteile gefunden. Dem Leiden an der Metro überdrüssig, hat die Sippe die Reißleine gezogen.

          Dies scheint selbst in der offiziellen Stellungnahme durch, wenn es dort heißt, die Familie habe nach reiflicher Überlegung entschieden, dass es „für die Metro von Vorteil sein wird, neue Investoren zu gewinnen“. Frei übersetzt: Wir haben keine Lust mehr auf den Schlamassel, sollen doch andere schauen, wie sie damit ihr Geld verbrennen.

          Damit endet ein anfangs glorioses, zuletzt aber ziemlich desaströses Kapitel in der mehr als 250 Jahre währenden Unternehmergeschichte der Haniels, die über Jahrhunderte gewaltigen Reichtum angehäuft haben. Tee, Tabak, Gewürze haben der Händler-Sippe einst zu Wohlstand verholfen, später kaufte sie Kohlegruben und Hüttenwerke zusammen. Die Beteiligungen in ihrem Imperium haben sie permanent durchgemischt, ganz im Stile von angelsächsischen Finanzinvestoren: „Wir haben Private Equity erfunden“, rühmte sich vor Jahren einer ihrer Protagonisten. Firmen günstig kaufen und teuer verkaufen, das war seit jeher das Prinzip. Ein Produkt unter dem Namen Haniel gab es nie, die Verzinsung des eingesetzten Kapitals sollte deutlich über der am Markt zu erzielenden Rendite liegen, das war der Ehrgeiz und zugleich die Vorgabe an die angestellten Manager. Die Mitglieder der Familie selbst hielten sich aus dem operativen Geschäft heraus, 1917 schon wurde beschlossen, Management und Kapital zu trennen.

          Praktiker ist längst vergessen

          Die Verbindung zur Metro ist eine sehr deutsche Nachkriegsgeschichte, Täter und Opfer der Nazis haben gemeinsam Geschäfte gemacht und die Vergangenheit darüber zum Tabu erklärt. Otto Beisheim, ehemals Mitglied der Waffen-SS und später herausragender Unternehmer, gründet 1964 in Mühlheim an der Ruhr den ersten Metro-Großmarkt, die Idee dazu hat er sich angeblich in Amerika abgeschaut. Das nötige Kapital geben ihm zwei Familien: Die Schmidt-Ruthenbecks und eben die Duisburger Haniel-Dynastie. Deren prägender Kopf jener Jahre, Jan von Haeften, ist Sohn eines von den Nazis hingerichteten Widerstandskämpfers. Inzwischen sind beide Männer verstorben, geredet über die Nazizeit haben sie nie. Der wirtschaftliche Erfolg überdeckte alles.

          Die Metro gedieh prächtig, entwickelte sich zum kraftstrotzenden Koloss, zu einem der größten Unternehmen der Republik mit einer Viertelmillion Beschäftigten und Dutzenden Milliarden Umsatz. Aus Deutschland heraus wurde Land für Land rund um den Globus mit Großmärkten erschlossen, der wachsende Wohlstand in den Schwellenländern wartete nur darauf, von den Metro-Händlern abgeholt zu werden.

          Zu den Cash- and Carry-Märkten, dem Ursprung der Metro, gesellten sich diverse weitere Filialketten, was allmählich die Furcht nährte, der Großkonzern werde übermächtig, diktiere Zulieferern wie Kunden die Konditionen. Kaufhof, Media-Saturn-Elektromärkte, Praktiker-Baumärkte, Adler-Mode-Ketten, Real- und Extra-Supermärkte: All das fand Platz unter dem großen Metro-Dach. All das hat die herrlichsten Zeit hinter sich, und gehört (bis auf Real) nicht mehr zur Metro, die selbst längst aus dem Dax abgestiegen ist.

          Die ehemalige Tochterfirma Praktiker ging irgendwann eigenständig an die Börse, ist längst pleite und fast vergessen. Der Kaufhof wurde hin und her geschoben, Ende ungewiss. Die Elektromärkte (Media-Saturn), zeitweise gefürchtet als vermeintliche Totengräber des Fachhandels, wurden vor zwei Jahren abgetrennt und fristen unter dem Kunstnamen Ceconomy ein tristes Dasein an der Börse.

          So kann die Metro heute als Beispiel dafür herhalten, wie flüchtig die Macht von stolzen und vermeintlich unerschütterlichen Konzernen ist, wenn externe Schocks auf internes Unvermögen treffen, wenn technische Revolutionen draußen in der Welt (hier: der aufkommende Online-Handel) mit ungeschickt hantierenden Managern zusammenkommen.

          Wer erinnert sich noch an Haniel-Chef und Metro-Oberaufseher Jürgen Kluge? Ein salbungsvoller Ex-McKinsey-Mann, der vortrefflich über die Schwächen des Standortes Deutschland referieren konnte, solange er nicht seine eigene Stärke als Unternehmer hat beweisen müssen. Oder Eckhard Cordes, der Ex-Mercedes-Manager, der Haniel und Metro zeitweise in Personalunion führte und die Familie am Ende ziemlich teuer kam? Cordes war es, der die Haniels vor zehn Jahren dazu brachte, noch mal mehr als drei Milliarden Euro in Metro-Aktien zu stecken, um die Anteile zu erhöhen – dummerweise ziemlich genau zum Höchstkurs. Von da an ging es stetig bergab. Am Freitag waren die Metro-Anteile der Familie insgesamt noch 900 Millionen Euro wert.

          Weitere Themen

          Die Schwächen der deutschen KI-Strategie

          Zukunft der Bundesrepublik : Die Schwächen der deutschen KI-Strategie

          Milliarden vom Staat und ein hoher Anspruch: Deutschland hat jetzt einen Plan für Künstliche Intelligenz. Experten fragen, ob es wirklich gelingt, mehr als 100 hochkarätige neue Professuren zu besetzen. Und nicht nur das.

          Topmeldungen

          Mensch trifft Maschine: Kanzlerin Merkel schüttelte auf der Hannover Messe einem Roboter die Hand.

          Zukunft der Bundesrepublik : Die Schwächen der deutschen KI-Strategie

          Milliarden vom Staat und ein hoher Anspruch: Deutschland hat jetzt einen Plan für Künstliche Intelligenz. Experten fragen, ob es wirklich gelingt, mehr als 100 hochkarätige neue Professuren zu besetzen. Und nicht nur das.
          Nach mehrmaligen Androhungen gibt Horst Seehofer nun doch den CSU-Parteivorsitz ab.

          Sonderparteitag : Seehofer gibt CSU-Vorsitz Mitte Januar ab

          Horst Seehofer möchte den Posten als Parteivorsitzender noch zwei Monate behalten. Zu seiner Zukunft als Bundesinnenminister macht er keine Angaben und erhält darin Rückendeckung von einem Vorgänger.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.