11.05.2009 · Die Lage des Arcandor-Konzerns wird offenbar immer ernster. Mindestens ein wichtiges Unternehmen hat nach F.A.Z.-Informationen die Lieferungen schon gestoppt, weil Rechnungen nicht beglichen wurden. Die Verhandlungen mit den Banken sind zäh. Bald kommt der Bürgschaftsantrag beim Bund.
Von Brigitte Koch und Carsten KnopUngelöste Finanzierungsfragen haben den Aktienkurs des Handels- und Tourismuskonzerns Arcandor am Montag stark belastet. Der Konzern verhandelt seit Wochen mit Banken über neue Kapitalspritzen. Allein bis Juni werden 650 Millionen Euro für die Warenhaus-Tochtergesellschaft Karstadt gebraucht. Vor diesem Hintergrund will der Konzern nach den Angaben eines Sprechers „in Kürze“ über die Banken einen Antrag auf öffentliche Bürgschaften stellen; dabei wolle man sich zunächst an den Bund wenden. Über die Höhe des Bürgschaftsantrags will das Unternehmen keine Auskunft geben, solange er nicht offiziell gestellt ist. Es ist aber zu vermuten, dass er die Summe von 300 Millionen Euro überschreiten wird. Ab dieser Summe ist es erforderlich, dass der Lenkungsausschuss Unternehmensfinanzierung (siehe Kasten) zustimmt.
Die Arcandor-Anteilscheine verloren daraufhin am Montag im Verlauf mehr als 17 Prozent an Wert und notierten zu einem Kurs von 1,95 Euro. Das Minus wurde auch auf Berichte zurückgeführt, nach denen kleinere Banken Kredite über 90 Millionen Euro zurückziehen wollen. Das konnte der Arcandor-Sprecher nicht bestätigen. Auch dazu, wie kurzfristig der Bürgschaftsantrag erfolgen soll, wollte er sich nicht äußern. Die Antragstellung sei Bestandteil der Gespräche mit den Banken.
Lieferungen gestoppt
Inzwischen wird die prekäre Finanzlage des Unternehmens zunehmend für Lieferanten sichtbar: Mindestens ein wichtiger Lieferant hat in den vergangenen Tagen nach Informationen der F.A.Z. Lieferungen an Karstadt gestoppt, weil Rechnungen nicht beglichen wurden. Von Karstadt wird das dementiert, alle Lieferanten würden pünktlich bezahlt. Nach Angaben von D&B Deutschland, dem Betreiber einer großen Bonitätsdatenbank, zahlt Karstadt überfällige Rechnungen derzeit 14 Tage nach Ziel. Die Zahlungsmoral von Karstadt hat sich nach diesen Daten seit Januar 2008 Schritt für Schritt verschlechtert und im Januar 2009 ihren bisherigen Tiefstand erreicht. Innerhalb des gesetzten Zahlungsziels werden von Karstadt derzeit nur knapp 60 Prozent aller Rechnungen bezahlt.
Stefan Herzberg, der im Arcandor-Vorstand für das Warenhausgeschäft der Tochtergesellschaft Karstadt zuständig ist, sagte am Montag in einem Zeitungsgespräch, Arcandor führe derzeit Gespräche über staatliche Hilfen in Brüssel, Berlin und Düsseldorf. Herzberg warnte, ein Aus für Karstadt hätte weitreichende Folgen: „Wir sind das Herz der Innenstadt. Allein in 36 Städten sind wir das einzige Warenhaus. Ohne uns würden viele Einkaufsstraßen ihren Mittelpunkt verlieren.“ Man wolle aber nichts geschenkt haben und werde jeden Cent zurückzahlen. Arcandor hatte schon Anfang April einen Bericht dieser Zeitung bestätigt, wonach das Unternehmen auf staatliche Mittel zurückgreifen wolle (F.A.Z. vom 9. April). Eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums hatte daraufhin signalisiert, dass der Essener Konzern Chancen auf Garantien habe.
Veröffentlichung der Geschäftszahlen soll verschoben werden
Arcandor hatte am Freitag vergangener Woche zudem überraschend mitgeteilt, die Veröffentlichung seiner Zahlen für die erste Hälfte des Geschäftsjahres 2008/09 (30. September) verschieben zu wollen. Die Zahlen sollen nun erst am 29. Mai vorgelegt werden und nicht wie ursprünglich geplant am 14. Mai. Als Gründe hatte Arcandor die Neuordnung des Konzerns, das jüngst vorgelegte Konsolidierungsprogramm sowie die laufenden Finanzierungsverhandlungen mit den Banken genannt.
Mitte Juni muss Arcandor schließlich über eine große Refinanzierungsrunde mit den Banken entscheiden. Denn geht es um die Tranche, die in der Summe jene derzeit in Rede stehenden 650 Millionen Euro ergeben. Hauptkreditgeber sind die Commerzbank, die Bayern LB und die Royal Bank of Scotland (RBS). Im Gesamtjahr ist ein Volumen von rund 900 Millionen Euro zu refinanzieren. Hinzu kommt ein Finanzbedarf von weiteren rund 900 Millionen Euro für die kommenden fünf Jahre, den Eick für die Umsetzung seines Restrukturierungsprogramms ausgemacht hat.
Eick muss bald zum Bankentermin
Bei dem in wenigen Wochen anstehenden Bankentermin muss der Arcandor-Vorstandsvorsitzende Karl-Gerhard Eick mit seinen neuen Konzepten überzeugen. Sie sehen vor, dass sich speziell das Warenhausgeschäft auf das mittlere Konsumsegment konzentrieren soll und Luxuskaufhäuser wie das KaDeWe oder das Alsterhaus abgegeben werden. Bis dahin muss er auch die übrigen Interessengruppen ins Boot holen. So erwartet der Arcandor-Chef, dass Mitarbeiter und Lieferanten, Vermieter und Informationstechnologie- und Logistikpartner Beiträge zur Sanierung leisten. Auch die Eigentümer sind mit einer Kapitalspritze gefragt.
Gerüchte gab es zuletzt auch über die Zahlung der Maigehälter für die rund 53000 Beschäftigten. Wie Eick am Wochenende sagte, seien die Gehälter aber „nach derzeitiger Informationslage“ durch ausreichend Liquidität abgesichert.
Verschlungene Wege zu Bürgschaft und Kredit
Es gibt mehrere Arten staatlicher Hilfe, die sich zum Teil überlagern und die Situation unübersichtlich machen. Für systemrelevante Finanzinstitute ist der Sonderfonds Soffin zuständig. Zum 9. April 2009 betrug das Antragsvolumen auf Stabilisierungshilfen 212 Milliarden Euro. Davon sind 152 Milliarden Euro bewilligt worden, wovon wiederum 133 Milliarden Euro auf die Gewährung von Garantien entfallen und 19 Milliarden Euro auf die Vergabe von Eigenkapital. Dem Sonderfonds lagen darüber hinaus mehr als 20 Voranfragen vor. Die Zahl der Anträge in unterschiedlicher Größenordnung blieb im Vergleich zum Februar mit 18 unverändert. Aktuellere Daten gibt es nicht. Aus dem Soffin heißt es, die meisten Interessenten seien schon vorstellig gewesen, weshalb sich die Zahlen kaum verändert haben dürften.
Für Unternehmen steht der (einschließlich des KfW-Sonderfonds für Mittelständler) 115 Milliarden Euro schwere „Wirtschaftsfonds Deutschland“ zur Verfügung, der zum Teil (75 Milliarden Euro für Bürgschaften) durch staatliche Ausschüsse zugeteilt wird und zum kleineren Teil (25 Milliarden Euro für Kredite) von der staatseigenen Förderbank KfW für Unternehmen ohne Kapitalmarktzugang. Einzelkredite sind bis 300 Millionen Euro zulässig. Das alles gilt allerdings „in der Regel“. Arcandor/Karstadt wäre wie Opel also eine Ausnahme. Sollte Arcandor „nur“ eine Bürgschaft wollen, müsste es direkt in Berlin anfragen. Sollte die Firma einen Kredit wünschen und darlegen können, dass sie keinen Zugang zum Kapitalmarkt mehr hat oder nur noch zu inakzeptablen Konditionen, könnte sie gleichwohl einen Kredit bei der KfW beantragen. Die würde den Antrag wiederum nach Berlin weitergeben, denn bei Überschreitung bestimmter Schwellenwerte (Kredite: mehr als 150 Millionen Euro, Bürgschaften: mehr als 300 Millionen Euro Bundesobligo) beziehungsweise in Fällen von grundsätzlicher Bedeutung (zum Beispiel bedeutende Arbeitsmarkteffekte) entscheidet der „Lenkungsausschuss Unternehmensfinanzierung“. Ihm gehört auf Staatssekretärsebene je ein Vertreter des Wirtschafts- (Vorsitz), des Finanz- und des Justizministeriums sowie ein Vertreter des Bundeskanzleramtes an. Der Ausschuss stützt sich auf Empfehlungen des „Lenkungsrats Unternehmensfinanzierung“, der sich aus Persönlichkeiten mit Erfahrungen in Wirtschafts- und Finanzfragen zusammensetzt.
Der KfW lagen zum 8. Mai 2009 nach eigenen Angaben 1015 Kreditanträge über insgesamt 4,35 Milliarden Euro vor. Wie wie viele Anträge auf Großbürgschaften und Großkredite darüber hinaus in Berlin eingegangen sind, konnte das Wirtschaftsministerium am Montag nicht beantworten. Aktuelle Zahlen müssten erst noch erhoben werden.
(hap.)
Dann gibt es halt einen Konkurs
Alex Merck (AlexM3)
- 11.05.2009, 17:59 Uhr
Versuchen muß er es ja schließlich.
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 11.05.2009, 20:00 Uhr
Staatsgelder für jeden Kiosk?
Wer Mes (wermes)
- 11.05.2009, 20:44 Uhr
Carsten Knop Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.
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