21.07.2008 · Die Warenhauskette Hertie mit 4.100 Mitarbeitern bangt nach Berichten über Finanzprobleme des britischen Haupteigentümers Dawnay Day um ihre Zukunft. „Wenn Dawnay Day strauchelt, bedeutet das das Aus für Hertie“, fürchtet die Gewerkschaft.
„Zum Glück gibt es Hertie - unsre neue Welt“, schmettert der „Hertie-Song“ aus der Warteschleife der Warenhauskette. Doch abseits der Marketingsprüche im Hertie-Rosa sieht die Realität der 4100 Mitarbeiter schon lange wesentlich nüchterner aus. Die „Nachbarschaftskaufhäuser“, die in vielen mittelgroßen Städten in den Fußgängerzonen das letzte umfassende Warenhausangebot offerieren, kommen aus den roten Zahlen nicht heraus.
Seit dieser Woche müssen sich die Beschäftigten sogar Sorgen um ihren Job machen. Der britische Haupteigentümer Dawnay Day, der seit der Übernahme der Kette 2005 immer wieder hohe Verluste ausgeglichen hat, soll nach Medienberichten wegen der globalen Finanzkrise selbst ums Überleben kämpfen. „Wenn Dawnay Day strauchelt, bedeutet das das Aus für Hertie“, sagte der zuständige Verdi-Sekretär Johann Rösch am Montag nach einer Krisensitzung mit Vertretern der Geschäftsführung in der Essener Hertie-Zentrale. Die Situation sei dramatisch.
Wachsende Schwierigkeiten
In jüngerer Zeit häufen sich in der Fachpresse Hinweise auf wachsende Schwierigkeiten bei Hertie. Gerade gut ein Jahr nach seinem Antritt ist der frühere Kaufhof-Manager Claus Cord Ernst in der zweiten Juli-Woche aus der Hertie-Geschäftsführung wieder ausgeschieden. Nach dem vorzeitigen Abgangs auch von Kay Hafner, der bis Februar die Geschäftsführung leitete, arbeitete das Führungsgremium nur noch mit halber Besetzung. Der Insolvenzantrag des früheren Schwesterunternehmens Wehmeyer vor knapp zwei Wochen war Fachblättern wie der „Lebensmittelzeitung“ (LZ) Anlass, den Niedergang der von Kartstadt-Quelle 2005 verkauften Einzelhandelsketten zu analysieren. Dort heisst es, bei Hertie sei seit dem Verkauf ein Verlust von 170 Millionen Euro aufgelaufen. Nach LZ-Informationen kämpfe das Unternehmen in diesem Jahr gegen zweistelligen Umsatzrückgang und in etwa konstante Verluste an.
Die aktuelle Finanzklemme von Dawnay Day ist an den akuten Schwierigkeiten in der Immobiliensparte ablesbar. Nach dem rapiden Preisverfall bei Gewerbe-Immobilien und durch verschärfte Kreditbedingungen tun sich offenbar große Finanzierungslücken bei einem Grundstücks-Portfolio auf, dessen Marktwert gegenwärtig nur mit 500 Millionen Pfund veranschlagt wird. Diesem Vermögen steht ein Kredit des britischen Versicherers Norwich Union von 750 Millionen Pfund gegenüber.
Zuvor wurde Dawnay Day von Gläubigern gezwungen, sein 20-Prozent-Paket an der Fondsgesellschaft F & C mit einem Verlust von rund 90 Millionen Euro zu veräußern. Böse Überraschungen im Immobilien-Geschäfts sind angeblich bei weiteren 3 Tochtergesellschaften von Dawnay Day zu befürchten, die ein Immobilien-Vermögen von zusammen 2,7 Milliarden Pfund verwalten, heißt es in Bankenkreisen. Vertreter von Dawnay Day in London wollten auf Anfrage der F.A.Z. weder die Gerüchte noch den aktuellen Geschäftsverlauf kommentieren.
„Wir wissen doch noch von gar nichts“
Entsprechend nervös sind im Essener Warenhaus die Mitarbeiter. „Wir diskutieren hier schon den ganzen Tag und werden auch von Kunden angesprochen“, sagt eine Verkäuferin, „aber wir wissen doch noch von gar nichts“, sagt ein Kollegin. Unter den Verkäuferinnen sind viele jenseits der 50; viele haben vor dem Hertie-Start Jahrzehnte bei „Karstadt“ gearbeitet. Ende 2007 ist ihre vertragliche Beschäftigungssicherung aus der Karstadt-Ära ausgelaufen.
Dass Karstadt-Quelle (heute Arcandor) vor knapp drei Jahren mit dem Sanierungsprogramm von Firmenchef Middelhoff die kleineren, vermeintlich weniger lukrativen Häuser einfach verkauft hat, nehmen der Firma viele Beschäftigte übel. „Wir sind eigentlich alle Karstädter. Das haben wir uns nicht ausgesucht“, sagt eine Verkäuferin. Und dass die Geschäfte schlecht laufen, ist für sie völlig klar. Schließlich gehe es allen Handelsunternehmen schlecht, „Die Leute haben einfach kein Geld mehr.“
Genauso sieht es ein Vorstand eines großen Hertie-Lieferanten. „Der Cocktail aus hohen Sprit- und Lebensmittelpreisen, Inflation und Rezessionsangst trifft alle“, sagt er. „Aber wenn dann noch ernsthafte Probleme bei der Mutter wie hier bei Dawnay Day hinzukommen, wird es gefährlich.“
Wie kritisch die Lage bei dem weitverzeigten und gegenüber der Presse äußerst schweigsamen britischen Finanzhaus sind, lässt sich für die deutschen Hertie-Manager mangels ausreichender Informationen aus London kaum abschätzen. „So ist das hier nur guter Willen gepaart mit Hilflosigkeit“, sagt Rösch. Jedenfalls forderte die Arbeitnehmerseite am Montag dringend eine Sondersitzung des Hertie-Aufsichtsrats. Der Verdi-Mann sprach von einer „dramatischen Situation“.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2468 | −0,17% |
| Rohöl Brent Crude | 106,31 $ | −0,51% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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