28.07.2010 · Peter Bauer wird vom Vorstandssprecher zum Vorstandschef aufgewertet - ein Vorteil für ihn im internen Kampf mit dem Infineon-Finanzchef Marco Schröter. Der verliert Kompetenzen.
Von Rüdiger KöhnPeter Bauer hat die Bewährungsprobe bestanden. Am 4. August wird der Aufsichtsrat der Infineon Technologies AG den Vertrag des Vorstandssprechers, der im Juni 2011 ausläuft, verlängern. Der neue Vertrag dürfte eine Laufzeit von fünf statt der bisher drei Jahre haben. Bauer wird zugleich auf den Posten des Vorstandsvorsitzenden gehoben. Das zeichnet sich ab, nachdem der Dax-Konzern selbst entsprechende Hinweise gegeben hat.
Vordergründig könnte das als Belohnung der Arbeit von Bauer gesehen werden: Infineon befindet sich, getragen von einer guten Chipkonjunktur, im Aufschwung, wie die an diesem Mittwoch veröffentlichten Zahlen für das dritte Quartal zeigen (siehe: Infineon erhöht zum dritten Mal Jahresprognose); die Krisenjahre mit hohen Verlusten sind überwunden; eine ambitionierte Restrukturierung der klammen Finanzen ist 2009 gelungen. Infineon steht auf solidem Fundament und hat fast 1 Milliarde Euro in der Kasse. De facto hat Bauer sein lange angestrebtes Ziel erreicht, die Führung im Münchener Halbleiter-Konzern zu zementieren und seine Macht auszuweiten. Nach außen hin tritt der 50 Jahre alte Manager sympathisch, locker, gradlinig und direkt auf. Aber Kritiker und Kenner beschreiben ihn als machtbesessen.
Im Juli 2008 wurde er vom Aufsichtsratsvorsitzenden Max Dietrich Kley, der im Februar dieses Jahres in den Ruhestand getreten ist, für den damals im Streit ausgeschiedenen Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Ziebart zum Nachfolger ernannt. Doch degradierte Kley die Chefposition zum Sprecherposten. Der Oberaufseher soll damals, wie zu hören ist, gezögert und sich einer Wahl von Bauer unsicher gewesen sein. Ihm wurde nicht ohne weiteres zugetraut, das Unternehmen aus der schwersten Krise seit der Ausgliederung aus Siemens 1999 zu bewerkstelligen. Die Alternativen aber fehlten. Ein externer Kandidat war so schnell nicht aufzutreiben. Bauer galt als Übergangskandidat, wie der Drei-Jahres-Vertrag belegt.
Bauer hat erfolgreich taktiert
Nur drei Monate zuvor, im April 2008, kam mit Marco Schröter, heute 46 Jahre, bereits ein "Fremdgewächs" als neuer Finanzvorstand. Ein weiterer Außenstehender, zumal als Konzernchef, hätte die immer noch intensiv gelebte "Siemens-Kultur" über die Maßen strapaziert. Schröter war zuvor Finanzvorstand bei Schenker, der Logistik-Gesellschaft der Deutschen Bahn, gewesen. Er profitierte vom Streit zwischen Kley und Ziebart, indem er auch den Bereich Strategie erhielt, zu dem Unternehmenskäufe gehören.
Das wird sich ändern. Seit dem vergangenen Jahr ist im Konzernvorstand das Betriebsklima angeschlagen. Es wird bestimmt durch einen Machtkampf zwischen Bauer und dem manchmal zu selbstbewusst und burschikos auftretenden Schröter, obwohl beide eigentlich ihren Beitrag zur Rettung von Infineon leisteten. Es wird immer schwieriger, den Streit unter der Decke zu halten. Bauer wird, so viel scheint sicher, möglichst viele Arbeitsbereiche von Schröter an sich ziehen. Dazu soll der Bereich Strategie gehören, was mit der Ernennung zum Vorstandschef durchaus noch naheliegend ist. Die Stellung von Schröter könnte weiter geschwächt werden, indem ihm mit Investor Relations - die Kommunikation mit Investoren - eine Kernkompetenz aus der Hand genommen werden soll. Gleiches gilt für den Bereich Unterernehmenskäufe (Merger & Akquisition). Infineon spricht von klareren Zuteilungen der Zuständigkeiten und bestreitet einen Zuschnitt zugunsten Bauers.
Bauer hat erfolgreich taktiert. Sorge um Unterstützer aus der "Siemens-Fraktion" musste er sich nicht machen. Die beiden Vorstandsmitglieder Reinhard Ploss (Produktion, Logistik) und Hermann Eul (Technologie, Vertrieb, Geschäft für Mobilfunkchips) sind "treue Soldaten", wie es heißt. Schröter gilt im Konzernvorstand mittlerweile als isoliert. Unterstützung bekommt Bauer insbesondere vom Aufsichtsratsvorsitzenden Klaus Wucherer. Um ihn entbrannte im Vorfeld der Hauptversammlung Mitte Februar ein Streit. Aktionäre opponierten gegen ihn als Nachfolger von Kley. Große Aktionärsgruppen hatten gute Erfolgsaussichten, den von ihnen vorgeschlagenen Gegenkandidaten Willi Berchtold durchzubringen. Einige Wochen wurde es brenzlig für Bauer, der um die Wahl seines Fürsprechers Wucherer bangen musste. Noch heute rätseln die Opponenten, wie es zu der für sie überraschenden Wahl von Wucherer kommen konnte, verfügten sie doch über eine klare Mehrheit.
Gute Geschäftsentwicklung
Wucherer, früher Siemens-Konzernvorstand, hatte immerhin Entgegenkommen signalisiert: Er sicherte zu, sein Amt nur ein Jahr ausüben zu wollen. Die Zeit reicht, um die Machtposition von Bauer zu sichern. Außenseiter Schröter hat seinen Beitrag dazu geleistet und Bauer die Arbeit erleichtert. Der selbstsichere Finanzchef kam nicht immer "zahlensicher" rüber. Gegenüber Investoren und Analysten traf er ab und an verwirrende Aussagen über das Zahlenwerk, was verunsicherte. Die Reibungen mit Bauer nahmen derweil zu.
So soll es vor einem Jahr Meinungsverschiedenheiten über das Ob und Wie einer Kapitalerhöhung gegeben haben. Die Maßnahme sollte mit Hilfe des als aggressiv geltenden amerikanischen Finanzinvestors Apollo durchgeführt werden. Der hatte die Zeichnung eines Großteils der neuen Aktien garantiert. Apollo hat wegen der damals überraschend positiven Resonanz am Markt nur 1,3 Prozent erworben, wenn sie die denn heute überhaupt noch hält. Dennoch stellt sie mit Manfred Puffer einen Aufsichtsrat.
Die gute Geschäftsentwicklung überlagert die Unruhe noch, die nach Meinung von Beobachtern aber andauern dürfte, unabhängig davon, ob Schröter Konsequenzen mit einem Rücktritt zieht, worüber ebenfalls spekuliert wird. Die Frage nach der Wucherer-Nachfolge ist nämlich noch ungeklärt. Zwar werde extern nach einem geeigneten Kandidaten ernsthaft gesucht, ist zu hören. Die Suche gestalte sich aber schwierig, heißt es. Nicht ausgeschlossen wird, dass Manfred Puffer der neue Oberaufseher wird, der schon im Februar für den Fall eines erfolgreichen Vetos gegen Wucherer gehandelt wurde. Mit Widerständen ist nach den Erfahrungen des vergangenen Aktionärstreffens kaum zu rechnen. Puffer ist Unternehmensberater und Repräsentant von Apollo - und ein Bauer-Mann. Rüdiger Köhn
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