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Guido Dumarey : Ein Leben wie auf der Rennstrecke

In der Wirtschaft muss es Gewinner und Verlierer geben, das weiß auch Guido Dumarey - meistens gehörte er zu den Gewinnern - dieses Mal sah es anders aus Bild: Vander Eecken/Reporters/laif

Der Felgenhersteller BBS hat überraschend Insolvenz angemeldet. Der belgische Investor Guido Dumarey hatte BBS zunächst Hoffnung, dann Kummer gemacht.

          In der Wirtschaft ist es manchmal wie im Sport. Es muss Gewinner und Verlierer geben. Das weiß auch Guido Dumarey. Der belgische Investor und begeisterte Motorsportfan gilt seit Jahren als Hansdampf in allen Gassen, wenn es darum geht, neue Wege im Unternehmensmanagement zu beschreiten oder kränkelnde Firmen zu sanieren. Auch die Mitarbeiter des deutschen Felgenherstellers BBS International GmbH mit Stammsitz in Schiltach im Schwarzwald hofften sicherlich, auf der Seite der Gewinner zu stehen, als eine belgische Industrieholding mit dem verheißungsvollen Namen Punch International N.V. im August 2007 das Unternehmen kaufte.

          Michael Stabenow

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Beneluxländer.

          Damals liefen die Geschäfte des Zulieferers nur schleppend. Mit dem aus Belgien herbeigeeilten Punch-Chef Dumarey schien neue Hoffnung aufzukeimen. Dabei genoss er nicht nur in der Heimat einen Ruf als knallharter Geschäftsmann. „Seine harten Ansichten trugen ihm einen Spitznamen ein: der Leichenfledderer“, schrieb Mitte 2009 die belgische Zeitung „Het Nieuwsblad“. Immerhin kam Punch International 2008 bei einem Jahresumsatz von rund 340 Millionen Euro auf einen satten Nettogewinn von 43,3 Millionen Euro.

          Am Jahresende 2010 war der BBS-Traum mit Dumarey ganz plötzlich ausgeträumt: Das Unternehmen meldete am 30. Dezember Insolvenz an. In einer Mitteilung war zwar beruhigend von einem „Pit-Stop“ des Unternehmens die Rede, also einem Boxenstopp wie im Rennsport. Andererseits ist nun deutlich geworden, dass das Unternehmen sich künftig auf seinen rund 300 Mitarbeiter zählenden Stammsitz Schiltach und die Produktion von Rädern für das Spitzensegment konzentrieren soll.

          Mit Anfang 20 hatte er sich ein eigenes Reifenzentrum aufgebaut

          An die Spitze wollte Guido Dumarey schon immer. Geboren 1959 in Westflandern, wo die Menschen als ebenso stur wie geschäftstüchtig gelten, hat Dumarey seine Talente schon früh unter Beweis gestellt. Als er drei Jahre alt war, kam sein Vater, der zwei Ziegeleien besaß, bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Dumarey machte nach der Schule eine Lehre als Kraftfahrzeugtechniker; zugleich jobbte er nebenher als Tankwart. Einem niederländischen Bauern, der im Grenzort Sluis eine Wiese zum Autoparkplatz umfunktioniert hatte, half er, die Gebühren zu kassieren. Im Alter von 18 Jahren habe er durch seine Nebentätigkeiten bereits 1 Million belgische Franc - damals rund 50 000 D-Mark - auf die hohe Kante gelegt, erzählte er stolz.

          „Mein Glück ist es wahrscheinlich gewesen, dass ich nicht gerne zu lang studiert habe“, hat Dumarey einmal gesagt. Mit Anfang 20 hatte er sich ein eigenes Reifenzentrum aufgebaut, ehe er sich mit seinem Bruder, einem studierten Betriebswirt, einer neuen Branche zuwandte: dem Industriedruck. Mit dem Geld eines Investors ausgestattet, kaufte er ein Unternehmen namens New Impriver; es sollte später in den Besitz der von Dumarey geleiteten Punch International übergehen.

          Eine Kündigung sei kein Drama

          So rasend wie auf Autorennstrecken verlief für Dumarey der weitere berufliche Aufstieg. Zu Großkunden wie Philips und Agfa-Gevaert gesellten sich eine Reihe von Firmenkäufen. Von 1994 an kam das Geschäft in Mittel- und Osteuropa mit dem Wiederaufbau einer in Deutschland geschlossenen Grundig-Fabrik in der Slowakei hinzu. Dumarey hat seinen Werdegang so beschrieben: Man beginne damit, kleine Arbeiten für große Unternehmen zu machen, liefere anschließend Einzelteile und übernehme schließlich ganze Produktionsstätten.

          Zwölf Jahre lang, von 1997 bis Mitte 2009, war Dumarey Punch-Vorstandschef. Damals sah sich das börsennotierte Unternehmen, wohl auch unter dem Druck von Banken, zu einer plötzlichen Kapitalerhöhung gezwungen - und Dumarey verkaufte zwei seiner Unternehmen, darunter BBS, an seine eigene Holding Creacorp. Kurz vor seinem Rücktritt als Punch-Vorstandschef hatte er seine Unternehmerphilosophie in einem Gespräch so beschrieben: „Unternehmen ist bewegen. Wachsen und Menschen anwerben, aber auch verschlanken und entlassen.“ Eine Kündigung sei kein Drama, denn oft biete sie langfristig eine Chance. Das war zu dem Zeitpunkt, als er auch als Geldgeber der rechtsliberalen Partei des früheren Judo-Trainers Jean-Marie Dedecker in Erscheinung getreten war. Wenige Wochen vor seinem Rücktritt war Dumarey selbst im Streit um Sanierungspläne in Handgreiflichkeiten mit einem Gewerkschaftsvertreter verwickelt. Für den „bedauerlichen Zwischenfall“ entschuldigte er sich später. Offenbar reumütig sagte Dumarey später: „Es ist nun besser für mich, einen Schritt zurückzusetzen und mich den Tätigkeiten hinzugeben, die mich über die Jahre stets fasziniert haben: Chancen zu erkennen und zu nutzen.“ Für die Mitarbeiter von BBS beginnt jetzt aber erst mal eine Zeit neuer Unsicherheit.

          Quelle: F.A.Z.

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