Home
http://www.faz.net/-gqi-c5p
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Güler Sabanci Die anatolische Superfrau

 ·  Auf der Liste der mächtigsten Frauen der Welt steht sie immer ganz oben mit dabei: Güler Sabanci besitzt die größte Privatbank in der Türkei, verkauft Reifen, Wein und vieles mehr. Für viele junge Türkinnen ist sie ein Vorbild.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (9)

Sie produziert Wein, sammelt Kunst und setzt sich für die Rechte der Frauen ein. Sie steht einer der besten Universitäten der Türkei vor. Und sie führt eine der gewichtigen Unternehmensgruppen der Türkei. „Multitasking ist eben die Stärke der Frauen“, sagt Güler Sabanci, und während sie spricht, erklingt im Hintergrund Klaviermusik von Mozart. Kurz denkt sie nach. Männer hingegen, die seien meist in der Beziehungspflege besser.

In der Männerwelt ist Güler Sabanci aufgewachsen. Ihr Großvater Haci Ömer Sabanci hatte aus dem Nichts die Unternehmensgruppe aufgebaut, die seinen Namen trägt. Sechs Söhne hatte er, aber keine Tochter. Das erste Enkelkind war endlich ein Mädchen: Güler. „Natürlich ist die Geschlechterkluft stets und immer ein Thema“, sagt sie. Aber in ihrem Fall nicht. Im Gegenteil, ihr Großvater und ihre Onkel hätten sie immer ermutigt. Kein einziges Mal habe sie gehört: „Du bist doch ein Mädchen, also kannst du das nicht!“ Dabei sind sie alle im Osten Anatoliens geboren worden, in Kayseri und in Adana.

Als Gülers Vater Ihsan Sabanci 1979 starb und sie 24 Jahre alt war, nahm sie ihr Onkel Sakip Sabanci unter seine Fittiche. Damit Frauen und junge Talente Erfolg haben, brauchten sie einen Mentor, der sie fördere und berate, sagt Güler Sabanci. Ihr Onkel war von 1966 bis zu seinem Tod 2004 Vorstandsvorsitzender der Holding. Zwei Brüder, Sevket und Erol, überlebten ihn. Und doch übernahm die älteste Enkelin die Unternehmensgruppe. Heute ist Güler Sabanci für mehr als 55.000 Beschäftigte verantwortlich und für einen Umsatz von über 10,5 Milliarden Euro in fünf Geschäftsbereichen.

Das Multitasking ist ihr in die Wiege gelegt

Sakip Sabanci war ihr kluger Mentor, an der Istanbuler Bosporus-Universität wurde Güler Sabanci zur Betriebswirtin ausgebildet. Das Multitasking ist ihr in die Wiege gelegt, und mit der „emotionalen Intelligenz“ nennt sie einen weiteren Unterschied zwischen Mann und Frau. Diese Art von Intelligenz, neben den eigenen Gefühlen auch die anderer wahrzunehmen und zu verstehen, Empathie zu haben, hält sie für wichtig, um Vielfalt handhaben und steuern zu können. „Zu führen bedeutet ja immer, Vielfalt zu managen.“

Güler Sabanci kann das. Aus der türkischen Öffentlichkeit und Wirtschaft ist sie nicht mehr wegzudenken. Sie wirkt sehr präsent und doch nicht abgehoben. Mit Wärme und einem festen Händedruck geht sie auf andere zu. Sie sei ein Schrittmacher, heißt es häufig. Publikationen wie das „Wall Street Journal“, „Forbes“ und „Financial Times“ haben sie in ihren Listen der „mächtigsten“ und der „erfolgreichsten Frauen“ weit oben plaziert. Sie wehrt ab. Es sei ja schön, anerkannt zu werden. Davon mitreißen lasse sie sich aber nicht, und das mit dem „mächtig“ mag sie gar nicht. Das sei doch recht amerikanisch und könne missverstanden werden. Wichtiger sei, dass man etwas verändern, etwas in Bewegung setzen könne. Und schließlich glaube sie an den Erfolg, orientiere sie sich an Lösungen und Ergebnissen.

Daher tritt sie den Wahrnehmungen der Türkei im Ausland entgegen. Sie entsprächen einfach nicht dem, wie die Türkei in Wirklichkeit sei, sagte sie. Die Wahrnehmung, die Türkei sei rückständig, führt sie auf fahrlässige Generalisierungen zurück: „Man sieht einen Türken und denkt, alle seien so.“ Dabei sei die Türkei eine Kraftmaschine geworden, mit einer jungen dynamischen Bevölkerung und einer offenen Gesellschaft. In allem habe die Türkei im vergangenen Jahrzehnt einen Sprung nach vorne getan. Genug sei das nicht. Noch immer sei die Türkei ein Schwellenland mit Raum für Wachstum und für Verbesserungen. Das sei gut, gebe neuen Schwung. Und wieder lacht die Frau mit ihrer warmen tiefen Stimme, die jede Musikgruppe zieren würde.

Ein Rollenmodell für junge Frauen

In der Türkei ist Sabanci längst ein Rollenmodell für junge Frauen. Sie weiß, dass noch viel zu tun ist und lobt die Energie der Nichtregierungsorganisationen, die sich für Frauen einsetzen. Das tut auch die Sabanci-Stiftung. Seit fünf Jahren arbeitet sie in den Städten Kars und Trabzon, Van und Urfa, Izmir und Nevsehir, damit sich das Leben der Mädchen und Frauen verbessert. Mehr als 2000 Lehrerinnen und Lehrer aus diesen Städten hat die Stiftung zu Schulungen nach Istanbul in die Sabanci Universität gebracht. Dort lernen sie, welche Rechte Frauen in der Türkei haben, und sie lernen, wie man mit Eltern umgeht, die ihre Töchter nicht in die Schule schicken wollen. Bei gesellschaftlichen Prozessen müsse man Geduld haben. Da dauere es fünf, sieben oder mehr Jahre, bis man Ergebnisse sehe.

Im Geschäftsleben hat Güler Sabanci diese Geduld nicht. Dort muss man schnell handeln. Zumal sich die Türkei auf einem Wachstumspfad befindet. Im letzten Jahr wuchs die Wirtschaftsleistung um 8 Prozent. Um diesen Wert wird auch die Bilanzsumme der Holding gewachsen sein, der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen sogar um 15 Prozent, erwartet Güler Sabanci. „Das neue Jahr wird wieder gut.“ Mit einem Wachstum von 5 Prozent oder mehr.

Die Türkei wird das China Europas hat sie prophezeit: „Da sind wir jetzt!“

2005 hatte Güler Sabanci den Vergleich gewagt, dass die Türkei „das China Europas“ werde. „Da sind wir jetzt!“, ruft sie aus. Auf zwei Faktoren führt sie die Transformation von einem krisengeschüttelten Armenhaus zu einem Wachstumsmotor zurück: Zum einen seien nach der Krise von 2001, in der die Hälfte der Banken kollabierte, grundlegende Reformen in Angriff genommen worden. Daraus ging das Bankwesen gestärkt hervor, wichtige Branchen wurden liberalisiert, der Einfluss populistischer Politik auf die Wirtschaft wurde minimiert, und die Politik praktiziert nun fiskalische Disziplin. Zum anderen hat die Türkei das Portfolio ihrer Absatzmärkte erweitert. Wenn Europa stagniert, stehen andere Exportmärkte offen. Und die Sabanci-Holding hat eine Mischung von fünf Geschäftsfeldern, damit sie von diesem Boom profitiert. „Heute gibt uns die Türkei die Gelegenheit, regionaler und globaler Akteur zu werden“, sagt Frau Sabanci.

Sie sieht viel Potential um die Türkei herum. Denn das Land liegt genau richtig, um von der Verschiebung des Gleichgewichts der Welt nach Osten und Asien zu profitieren. Um zu wachsen, um mehr zu handeln und mehr Wohlstand zu schaffen, wünscht sie sich für die kommenden Jahre vor allem, dass in der Region Friede herrscht und es keine Konflikte mehr gibt. Eine Affinität spürt sie zur deutschen Kultur. Wie den deutschen Unternehmen komme es ihr selbst auf Qualität und Produktivität an, auf Effizienz und Exzellenz. Insofern würde sie gerne mehr mit deutschen Unternehmen zusammenarbeiten.

Der Sabanci-Stiftung gibt Güler Sabanci vor, sich insbesondere um Frauen und Behinderte zu kümmern. Internationaler solle die Sabanci-Universität werden, die 1999 ihren akademischen Betrieb aufnahm und zu den liberalsten Hochschulen der Türkei gehört. Sie selbst hatte dem Arbeitskreis vorgestanden, der die Gründung der Universität vorbereitet hatte. Die Aufsicht hatte sie auch bei der Umwandlung der Familienvilla im Istanbuler Stadtteil Emirgan in das Sakip Sabanci-Museum. Es wurde 2002 eröffnet. Seither stellte es Künstler von Picasso über Dalí bis Miro aus.

Geschäft, Hobby und Philanthropie fließen ineinander

So fließen Geschäft, Hobby und Philanthropie ineinander. Nur Yoga ist kein Hobby, sondern Teil ihres Lebens. Als weiteren Teil ihres Lebens sammelt und fördert die Unternehmerin seit mehr als 20 Jahren zeitgenössische türkische Künstler. Schließlich habe auch die Kunstszene in der Türkei einen großen Sprung nach vorne gemacht.

Kunst soll aber nicht auf Istanbul beschränkt bleiben. So hat Sabanci auch in der ostanatolischen Provinzstadt Mardin ein Sakip-Sabanci-Museum eröffnet. In Adana veranstaltet die Familie seit 1994 ein internationales Theaterfestival, und in der Provinz Thrakien baut Güler Sabanci einen der besten Weine der Türkei an. Schließlich ist die Türkei eine der historischen Weinregionen, und schließlich hat Güler Sabanci ihr Leben lang gerne Wein getrunken.

„Gülor“ nennt sie ihren Cabernet, „G“ den Shiraz, Merlot und Sauvignon Blanc ergänzen die Palette. Als Mär tut sie die Behauptung ab, die Türken tränken wenig Wein, weil sie Muslime seien. Seit das Staatsmonopol endlich gefallen sei, wachse der Weinkonsum, hält sie dagegen.

Auch wenn Güler Sabanci die Enkelin des Gründers ist, sind ihr Erfolg und Aufstieg nicht in den Schoß gefallen. Hart hatte sie sich nach oben gearbeitet. Dabei nahm sie nicht sich selbst ernst, sondern nur, was sie tat. Immer habe sie gehandelt, als ob das, woran sie arbeitete, die einzige und letzte Aufgabe ihres Lebens sei. Das empfiehlt sie heute allen jungen Frauen, die Karriere machen wollen.

Der Mensch

Güler Sabanci wurde 1955 in Adana geboren. In Ankara besuchte sie eine Sekundarschule, an der Istanbuler Bosporus-Universität studierte sie Betriebswirtschaft. Sie begann ihre Laufbahn beim Reifenhersteller Lassa, der seit 1988 mit Bridgestone zusammenarbeitet und Brisa heißt. 1985 wurde sie Generaldirektorin von Kordsa, einem Produzenten der Komponenten für die Reifenherstellung. 2004 folgte der Aufstieg zur Vorsitzenden der Sabanci-Holding. Sie steht damit auch der Sabanci-Universität, dem Sabanci-Museum und der Sabanci-Stiftung vor. Güler Sabanci ist nicht verheiratet. Sie trennt ihre berufliche Tätigkeit und ihr Privatleben, über das nichts in die Öffentlichkeit dringt.

Das Unternehmen

Den Grundstock für das Sabanci-Imperium hatte Haci Ömer Sabanci (1906 bis 1966) gelegt, als er in der Region Adana als Baumwollträger begann und dann in Baumwolle investierte. Nach seinem Tod bündelten die Söhne die vielfältigen Interessen in der Sabanci Holding. Sie konzentriert sich heute auf fünf Branchen: In der Türkei ist sie in der Finanzbranche tätig, wo ihre Akbank größte private Bank ist, bei Energie, wo sie bis einen Anteil von 10 Prozent an der Stromerzeugung anstrebt, und im Einzelhandel mit der französischen Gruppe Carrefour. Regional erfolgreich ist Sabanci mit dem Partner Heidelberg Cement. Globaler Akteur ist die Reifensparte. Die Gemeinschaftsfirma mit Mitsubishi exportiert Busse.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1956, Redakteur in der Politik.

Jüngste Beiträge

Wie die Jugend Arbeit findet

Von Dietrich Creutzburg

Projekte zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit, die sich vor allem über Milliardenbeträge und schöne Begriffe definieren, nähren schnell falsche Hoffnungen. Die Bundesarbeitsministerin weiß das - hoffentlich. Mehr 2 4

Wichtigste Werte
Name Wert Änderung
  F.A.Z.-Index --  --
  Dax --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  F.A.Z.-Anleih… --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
  Bund Future --  --