Oberflächlich betrachtet deutet nichts auf eine Gründerzeit hin. Seit Jahren sinken die Umsätze im Friseurhandwerk. Und weil die Heizkosten und Lebensmittelausgaben vieler Kunden steigen, erwarten Branchenkenner auch keine Umkehr dieser Entwicklung. Zudem verdienen Friseure so wenig wie kaum eine andere Berufsgruppe. Noch hinter Wäschern, Glasreinigern und Raumpflegern liegen sie in der Einkommensstatistik auf dem letzten Platz. Gerade mal 15.800 Euro brutto erhält ein Friseur durchschnittlich im Jahr.
Trotzdem erlebt die Branche seit Jahren einen unvergleichlichen Gründungsboom: Mehr als 74.000 Betriebsstätten gibt es in Deutschland - 17 Prozent mehr als noch zur Jahrtausendwende. Der Zentralverband des deutschen Friseurhandwerks freut sich über 12 Prozent mehr Ausbildungsverträge im vergangenen Jahr. Nach wie vor ist der Beruf das zweitbeliebteste Handwerk unter den Lehrlingen. Rund 40.500 Auszubildende zählte der Verband 2007. Daraus zu schließen, dass es der Branche gutgeht, wäre aber verfehlt.
Filialen größerer Ketten und Kleinstbetriebe nehmen zu
Die Zahl der Beschäftigten hat seit 2000 deutlich abgenommen; sie sank um 15 Prozent auf 210.000. "Und bei den Betrieben zeigt sich eine extreme Polarisierung", sagt Dieter Schneider, der als Unternehmensberater den Markt beobachtet hat. Filialen größerer Ketten und Kleinstbetriebe nehmen zu - auf Kosten der mittleren. Von den 74.000 Salons sind nur 51.000 in den Umsatzsteuerstatistiken aufgeführt.
Das Wachstum wird durch die vielen neuen Betriebe verursacht, die von der Mehrwertsteuer befreit sind, weil sie weniger als 17.500 Euro Jahresumsatz erzielen. "Seit Jahren erleben wir eine drastische Flucht in die Selbständigkeit, die der Gesetzgeber unterstützt", klagt Herbert Gassert, Vizepräsident des Zentralverbands.
Viele neue Betriebe verdienen gerade genug, um über die Runden zu kommen - oft sind es mobile Salons ohne eigene Geschäftsräume. Gleichzeitig ziehen sie Kunden von den größeren Salons ab. Die Mehrwertsteuerbefreiung fördert diese Entwicklung genauso wie die Liberalisierung der Handwerksordnung vor fünf Jahren. Zwar kann ein Friseur nicht wie in anderen Handwerken auf seinen Meister verzichten, um sich selbständig zu machen. Statt einer Prüfung reichen aber seither ein ausführliches Fachgespräch oder sechs Jahre Erfahrung als leitender Angestellter.
Zentralverband fordert reduzierten Mehrwertsteuersatz
Der Zentralverband fordert zum Ausgleich schon länger, dass auf Friseurdienstleistungen nur ein reduzierter Mehrwertsteuersatz erhoben wird. In einem Modellprojekt der Europäischen Kommission in den Niederlanden zeigte sich, dass ein ermäßigter Steuersatz die Umsätze um 20 Prozent und die Beschäftigtenzahl um 13 Prozent erhöhte. Kunden reagierten viel stärker auf sinkende Preise von Friseuren als von vielen anderen Dienstleistern, fand das Institut für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim heraus. Deshalb büßte der Staat auch keine Einnahmen ein, wenn er den ermäßigten Steuersatz einführte, meinen die Ökonomen.
Von der großen Preissensibilität der Kunden profitieren vor allem die Discount-Friseure, die zum Teil einzelne Leistungen wie Schneiden oder Färben für 10 Euro anbieten. "Sie ziehen Kunden von der Schattenwirtschaft ab, wirtschaften aber am Limit", sagt Marktbeobachter Dieter Schneider. Denn sie sind nur dann rentabel, wenn sie eine große Auslastung erreichen. "Ich musste lernen, viel schneller zu sein, und wurde auf Umsatz getrimmt", sagt Yvonne Kaiser, die seit drei Jahren in einem Kölner Salon des unteren Preissegments arbeitet. Verdient sie an einem Haarschnitt nur 14 Euro, muss sie dreimal so viele Kunden betreuen wie in ihrem Ausbildungsbetrieb, um auf denselben Umsatz zu kommen.
7,60 Euro brutto je Stunde
Offenbar fühlen sich die Kunden aber nicht abgefertigt. Der Laden in der Kölner Innenstadt ist rund um die Uhr voll. Yvonne Kaiser wird nach Tarif bezahlt: 7,60 Euro brutto je Stunde verdient sie seit diesem Mai, als in Nordrhein-Westfalen der Tariflohn allgemeinverbindlich erklärt wurde. Von ihren 1456 Euro brutto bleiben ihr 950 netto monatlich, durch Trinkgelder kommen 200 Euro hinzu. Um noch etwas hinzuzuverdienen, arbeitet sie am Wochenende in einem Musikklub.
Warum sie sich trotzdem für den Beruf entschieden hat? "Hier kann ich mich kreativ ausleben und bekomme direkt viel Bestätigung", sagt Kaiser und spricht für viele. Immerhin ist in Nordrhein-Westfalen das Lohnniveau so hoch wie nirgendwo sonst in Deutschland. In Thüringen etwa liegt der Tariflohn mit 614 Euro brutto deutlich niedriger; durch Umsatzbeteiligungen kann der Verdienst aber gerade in guten Lagen deutlich höher ausfallen. "Friseure können nach wie vor gut verdienen. Aber es ist schwerer als früher, daraus ein Vermögen zu machen", sagt Branchenfachmann Dieter Schneider. Nicht selten verdienten sich Friseure durch Trinkgelder, die steuerfrei seien, noch einmal 500 Euro netto hinzu. Und die Aufstiegschancen seien besser als in vergleichbaren Berufen wie Arzthelfer oder Verkäufer.
Eine Voraussetzung dafür ist aber eine gute Qualifikation. Mit ihr kann auch die Selbständigkeit erfolgreich werden. "Ich erwarte von meinen Azubis und Mitarbeitern, dass sie besonders gut sind. Dafür unterstütze ich sie aber auch", sagt Ana Lado. Die Spanierin, die zwei Salons im höheren Preissegment im sauerländischen Arnsberg betreibt, wurde 2006 vom Handwerk-Magazin zur Unternehmerfrau des Jahres gekürt. Mitten in der Rezession 1993 hat sie ihren ersten Laden eröffnet. Inzwischen beschäftigt sie 22 Mitarbeiter, die am Umsatz beteiligt werden und regelmäßig Preise bei Wettbewerben gewinnen. "Wenn am Sonntag bei 32 Grad alle Mitarbeiter zu einer Weiterbildung kommen und sich anschließend noch bedanken, überträgt sich diese Begeisterung auf die Kunden", sagt Lado.
