http://www.faz.net/-gqe-8o6ux

Start-ups als Vorbilder : Wie würdet ihr mein Geschäft angreifen?

Gisbert Rühl, Vorstandsvorsitzender des Stahlhändlers Klöckner & Co Bild: NKF Media/Saskia Uppenkamp

Egal wie unsexy die Branche wirkt: Selbst Matzatzenhändler sind nicht mehr vor der Digitalisierung gefeit. Konzerne und Mittelständler wollen gern innovativ wie die Start-ups werden. Bloß: Können sie das? Und wie?

          Was Constantin Eis über Matratzenhändler zu erzählen hat, ist nicht sehr schmeichelhaft: „Die suchen sich ein Ecklagengeschäft, stellen große Preisschilder ins Schaufenster und fragen den Kunden als Erstes, was ihr Budget ist“, sagt er. Es erinnert ein bisschen daran, wie der Gründer des Fahrtenvermittlers Uber über die Taxibranche spricht oder der Zimmervermittler Airbnb über die Hotelbranche. Zwar ist Eis mit seinem Unternehmen Casper noch lange nicht so groß wie die beiden Vorreiter aus dem Silicon Valley. Doch hat auch er sich gezielt einen Gegner gesucht – und greift nun an.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Das Beispiel zeigt, dass heute keine Branche mehr vor tiefgreifenden Veränderungen gefeit ist, selbst wenn sie auf den ersten Blick noch so unsexy wirkt. Und doch reagieren viele große Konzerne und auch der Mittelstand nach wie vor nur zögerlich auf die Digitalisierung. Zwar schmücken sich viele Unternehmen mit einem eigenen Inkubatorenprogramm oder legen einen Wagniskapitalfonds auf. Auch Start-up-Touren durch Berlin erfreuen sich großer Beliebtheit – so großer, dass sich so mancher Gründer inzwischen vorkommt wie im Zoo. Doch nur die wenigsten etablierten Unternehmen sind bereit, ihr eigenes Geschäftsmodell wirklich zu hinterfragen. „Wer das nicht tut, kann aber nicht gewinnen“, sagte Udo Schloemer vom Gründercampus Factory bei der Konferenz NKF Summit in Berlin.

          Diese Konferenz versteht sich als eine Art Innovationscrashkurs für alteingesessene Unternehmen. Dass Konzerne von Start-ups einiges lernen können, darüber herrschte große Einigkeit. Denn junge Unternehmen sind oft kreativer, gehen mehr ins Risiko, sind beweglicher. „Sie können eine Art ausgelagerte Forschungsabteilung der deutschen Wirtschaft sein“, sagte der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner.

          Das einhellige Plädoyer lautete aber, dass es wichtig ist, passgenaue Lösungen für die Zusammenarbeit zu finden. „Etablierte Unternehmen können eine Zeitlang Partner für Start-ups sein. Es ist auch schön, wenn sie Geld geben“, sagte der stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbands Deutsche Start-ups, Sascha Schubert. „Wir müssen aber darauf achten, dass die großen Elefanten die kleinen Mäuse nicht alle tottreten.“ Soll heißen: Ein Start-up aufzukaufen und in das eigene Unternehmen zu integrieren, kann nicht die richtige Antwort auf innovative Geschäftsmodelle sein.

          Gisbert Rühl beschloss früh, die Flucht nach vorn zu ergreifen

          Wie es besser geht, zeigt der Stahlhändler Klöckner & Co aus Duisburg. Dessen Vorstandsvorsitzender Gisbert Rühl ist inzwischen ein gefragter Gast auf den zahlreichen Veranstaltungen der Berliner Start-up-Szene. Denn der Chef des traditionsreichen Handelshauses hat früh beschlossen, die Flucht nach vorne zu ergreifen. Schon vor einigen Jahren reiste er ins Silicon Valley und suchte eine Antwort auf die Frage, wie die innovativen Gründer sein Geschäftsmodell angreifen würden. Daraufhin beschloss er, aus Klöckner & Co eine Art Amazon für Stahl zu machen, also eine digitale Handelsplattform, die irgendwann auch Wettbewerbern offenstehen soll. „Damit wird womöglich ein Teil unseres Kerngeschäftes wegfallen. Vielleicht liefern manche Produzenten dann direkt an unsere Kunden“, sagt Rühl. „Trotzdem machen wir es lieber selbst, als dass es irgendwann jemand anderes macht.“

          Es sind erstaunliche Sätze für den Chef eines alteingesessenen Unternehmens, und sie sorgten auch unter den Mitarbeitern für Unruhe. Insbesondere die Beschäftigten im Vertrieb hatten Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, erzählt Rühl. Seine Antwort ist eine Akademie, in der die Mitarbeiter ihre digitalen Kompetenzen schulen können. Und ein Kulturwandel: Klöckner & Co sollte sich nach und nach vortasten, Dinge ausprobieren und Probleme dann lösen, wenn sie auftreten. „Man muss allen klarmachen, dass es okay ist, wenn mal etwas schief geht“, sagt Rühl, der inzwischen 10 Prozent seines Umsatzes online erzielt.

          Nur wenige Unternehmen sind so weit wie der Stahlkonzern, doch es gibt weitere, die die Digitalisierung ernsthaft angehen – und von denen andere lernen können. Die Deutsche Telekom gehört dazu. Das Bonner Unternehmen hat in einer eigenen Geschäftseinheit seine Wagniskapitalaktivitäten gebündelt und mit dem Hubraum in Berlin ein anerkanntes Inkubatorenprogramm aufgelegt, das Start-ups in der frühen Phase der Gründung mit Geld, Büroräumen und Kontakten hilft. „Was wir noch vorantreiben müssen, ist die Integration ins Kerngeschäft“, sagt Miriam Mertens, Vizepräsidentin der Start-up-Kooperationen bei der Telekom. „Dabei geht es auch um die Frage, wie unsere Kunden von den Innovationen profitieren können.“

          Auch der Düsseldorfer Metro-Konzern eilt mit großen Schritten voran und investiert mit Hilfe des amerikanischen Partners Techstars gezielt in Jungunternehmen, die Ideen für Gastronomie, Hotels und Caterer haben. „So wie Start-ups Ideen entwickeln, könnten wir selbst als großer Handelskonzern das nie machen“, sagte der Vorstandsvorsitzende Olaf Koch in Berlin.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Der neue Star bei Siemens

          Janina Kugel : Der neue Star bei Siemens

          Schlau, charmant – und mit Biss: Janina Kugel ist zur Stelle, wenn es zu demonstrieren gilt: Siemens ist nicht so miesepetrig, wie behauptet wird. Jetzt steht ihr ein echter Härtetest bevor.

          Topmeldungen

          Kommentar : Wofür steht Jamaika?

          Obergrenze oder offene Grenzen für alle? Recht und Ordnung oder legale Joints? Marktwirtschaft oder Planwirtschaft? Nach den Schwierigkeiten bei den Jamaika-Gesprächen muss die Frage erlaubt sein: Passt das alles wirklich zusammen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.