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Großbritannien Das unendliche Arbeitsleben

31.07.2010 ·  Die Menschen leben länger - also warum müssen mit 65 Jahren in Rente gehen? Großbritaniens Regierung will dieser „Diskriminierung“ ab Oktober 2011 abschaffen: Dann soll es keine gesetzliche Altersgrenze im Berufsleben mehr geben.

Von Marcus Theurer, London
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„Ich habe nicht vor, mich demnächst zur Ruhe zu setzen“, sagt Sydney Prior. 95 Jahre ist der Engländer alt, und noch immer arbeitet der rüstige Senior aus dem Londoner Süden jeden Mittwoch von 10 bis 16 Uhr in einer Filiale der Baumarktkette B & Q. Prior, der erst mit 76 Jahren bei seinem jetzigen Arbeitgeber angefangen hat, begrüßt am Ladeneingang die Kunden. Mitarbeiter, die älter als 65 Jahre sind, seien bei B & Q keine Seltenheit, sagt eine Sprecherin: „Wir haben festgestellt, dass viele Leute es zu schätzen wissen, von älteren Menschen bedient zu werden.“

Geht es nach Edward Davey, dann soll das Beispiel von B & Q in Großbritannien Schule machen. „Die Leute leben länger, und sie leben gesünder. Es ist überholt, sie mit 65 Jahren in Rente zu schicken“, sagt der Staatssektretär im britischen Wirtschaftsministerium und kündigt an: „Wir werden dieser Diskriminierung ein Ende setzen.“ Ab Oktober 2011 will die neue konservativ-sozialliberale Regierungskoalition in London die gesetzliche Altersgrenze im Berufsleben abschaffen. Bisher können Arbeitgeber dagegen ihre Beschäftigten mit dem 65. Geburtstag auch gegen deren Willen in Rente schicken.

Arbeitgeber sind froh, Ältere mit geringerer Produktivität abschieben zu können

Die Reform ruft auf der Insel gespaltene Reaktionen hervor. Seniorenverbände, die lange für die Abschaffung gekämpft haben, triumphieren, die Wirtschaft ist dagegen wenig begeistert. „Zum ersten Mal bekommen Menschen, die älter als 65 Jahre alt sind, die vollen Arbeitnehmerrechte“, sagte Michelle Mitchell, Geschäftsführerin des Verbands Age Concern. Allein im vergangenen Jahr seien mehr als 100 000 arbeitswillige Briten gegen ihren Willen „zwangsverrentet“ worden. Auch der britische Gewerkschaftsbund TUC begrüßt die Änderung.

Der Industrieverband CBI befürchtet dagegen, dass für die Unternehmen die Personalplanung und die Gewährung freiwilliger Sozialleistungen dadurch „nahezu unmöglich“ gemacht werde. Viele Arbeitgeber waren bisher froh, ältere Beschäftigte mit geringerer Produktivität in die Rente abschieben zu können. In Zukunft müssen sie dagegen wohl nachweisen, dass die älteren Arbeitnehmer ihren Aufgaben nicht mehr gewachsen sind.

1,5 Millionen Rentner arbeiten weiter

Schon heute sind viele finanziell darauf angewiesen, sich einen anderen Job zu suchen, wenn sie ihre bisherige Stelle mit Erreichen der Altersgrenze verlieren. 1,5 Millionen Briten gehen im Rentenalter weiter als Angestellte einer Erwerbstätigkeit nach - das sind rund 13 Prozent aller Senioren. Zum Vergleich: In Deutschland wird diese Quote nur auf etwa 1,5 Prozent geschätzt.

Die meisten Briten, die weiter arbeiten, brauchen wohl schlicht das Geld, denn das Altersvorsorgesystem in Großbritannien ist dürftig. Die gesetzliche Rente sichert nur einen Lebensabend auf Sozialhilfeniveau, und viele Bürger haben in jungen Jahren zu wenig private Vorsorge betrieben. Nach einer EU-Studie aus dem vergangenen Jahr lebt fast ein Drittel der Senioren in Großbritannien in Armut, in Deutschland sind es dagegen nur 17 Prozent und in Frankreich 13 Prozent.

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