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Grammy Awards Das Pop-Duopol

 ·  Am Sonntag feiert sich die Musikindustrie bei den Grammy Awards selbst. Noch nie wurde die Branche so sehr von nur zwei Unternehmen dominiert wie heute.

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© F.A.Z.

Bei den Grammy Awards wird an alle gedacht: Rihanna singt für die Jungen, die Beach Boys kehren nach zwei Jahrzehnten Pause für die Alten auf die Bühne zurück. Es gibt warmen Retro-Soul von Adele für die Frauen und harten Gitarrenrock von den Foo Fighters für die Männer. Die Grammies, die am Sonntagabend in Los Angeles vergeben werden, sind die wichtigsten Auszeichnungen der Musikindustrie, und der glamouröse Abend in Kalifornien ist zugleich die größte Leistungsschau der Popmusik. So viele Weltstars auf einer Bühne gibt es sonst nirgends zu sehen.

Hinter den Kulissen der Glitzerbranche allerdings wird es zunehmend übersichtlich. Auf die Musikindustrie rollt die wohl größte Konsolidierungswelle ihrer Geschichte zu. EMI, bislang die viertgrößte Plattenfirma der Welt, wird zerschlagen. Zum Portfolio der Briten gehören unter anderem Coldplay und Katy Perry sowie fast alle Aufnahmen der Beatles. Die Beute teilen die beiden Weltmarktführer untereinander auf: Die Nummer eins, Universal Music, übernimmt die reichlich heruntergewirtschaftete Tonträgersparte. Sony, die Nummer zwei, schluckt den lukrativen Musikverlag von EMI.

Reise nach Jerusalem

So viel Konzentration von Marktmacht war nie. Wenn die Wettbewerbshüter in Europa und Amerika zustimmen, werden womöglich rund 60 Prozent des Tonträgermarktes auf der Welt und mehr als die Hälfte des Musikverlagsgeschäftes von nur zwei Konzernen kontrolliert. Vor allem die Dominanz von Universal, einer Tochter des französischen Vivendi-Konzerns, ist in den vergangenen Jahren bereits deutlich gewachsen. Der Weltmarktführer hat Showgrößen von Lady Gaga und Rihanna bis zu den Rolling Stones unter Vertrag. Dem Musik-Multi gehört auch die Deutsche Grammophon, das renommierteste Klassik-Label der Welt.

Die Musikindustrie spielt seit Jahrzehnten Reise nach Jerusalem - und dieses Mal war für EMI kein Stuhl mehr frei. Schon vor sieben Jahren fusionierten Bertelsmann und Sony ihre Plattenfirmen. 2007 schluckte Universal den Musikverlag von Bertelsmann. Seit das Internetzeitalter Ende der neunziger Jahre den schleichenden Tod der CD einleitete, hat sich der Tonträgermarkt fast halbiert. Der daraus folgende Kostendruck hat die Branchenkonzentration verstärkt. EMI war der große Verlierer. Der Marktanteil des britischen Traditionskonzerns ist in den zehn Jahren nach der Jahrtausendwende um mehr als ein Drittel geschrumpft. Weltstars wie die Rolling Stones, Paul McCartney und Robbie Williams verließen die Plattenfirma.

„Diese Übernahmen müssen verboten werden“

Universal hat angekündigt, Randgeschäfte zu verkaufen. Dennoch nähert sich die Musikindustrie immer stärker einem Duopol an. Werden die Kartellbehörden mitspielen? „Diese Übernahmen müssen ohne Umschweife verboten werden“, fordert Helen Smith, Geschäftsführerin von Impala, dem Verband der kleinen Plattenfirmen in Europa. Die Marktmacht der beiden Großen gefährde die Musikvielfalt. Unter den 200 meistgespielten Titeln in europäischen Radiostationen kommen laut Impala drei Viertel von Universal/EMI und Sony. „Dabei stammen 80 Prozent aller Neuveröffentlichungen von kleinen Plattenfirmen.“

Wenn die Großen noch größer werden, verzögere das die Entwicklung dringend benötigter neuer Geschäftsmodelle im Internet, befürchtet der britische Musikexperte und Unternehmensberater Mark Mulligan. „Je mehr Konsolidierung zugelassen wird, umso weniger Wandel werden wir sehen“, prognostiziert Mulligan. Schon heute behindere „das Monopol der Plattenlabels auf Musikinhalte“ die Entwicklung neuer digitaler Vertriebsplattformen. Neue Anbieter wie das Online-Radio Spotify brauchen oft Jahre, um die nötigen Vertriebslizenzen der Labels zu erhalten.

„Mit Zähnen und Klauen“ bekämpfen

Der kleinere Konkurrent Warner Music wettert vor allem gegen die Universal-Pläne. „Dadurch würde ein Superriese entstehen“, sagt Verwaltungsrat Edgar Bronfman und will die Übernahme „mit Zähnen und Klauen“ bekämpfen. Warner war Ende 2011 im Wettbieten um EMI von Universal ausgestochen worden. Branchenfachleute sehen die chronisch defizitäre Nummer drei in einer Sackgasse: „Warner hat in seiner heutigen Form keine Chance. Die Kostenbasis ist in Relation zu deren Geschäft viel zu groß“, sagt ein Musikmanager, der namentlich nicht genannt werden will.

Aber nicht alle Konkurrenten sind gegen die Elefantenhochzeiten. „Wir sehen keinen Grund, warum die Wettbewerbsbehörden das nicht genehmigen sollten“, sagt Hartwig Masuch, der Chef von BMG Rights Management, der Nummer fünf unter den Musikverlagen. Auch Masuchs Unternehmen, an dem Bertelsmann beteiligt ist, war in der Auktion um EMI überboten worden. „Für kleinere Plattenfirmen ist das sogar eine Chance“, erwartet der Musikmanager: „Die Erfahrung mit früheren Fusionen zeigt, dass am Ende an der Entwicklung neuer Künstler gespart wird. Universal wird sehr wahrscheinlich in drei Jahren mit EMI auch nicht mehr neue Musiker herausbringen als heute allein. Diese Lücke können kleinere Musikfirmen nutzen.“

Dass auch die Kleinen im Musikgeschäft große Erfolge feiern können, beweist Adele. Die 23 Jahre alte Britin („Rolling in the deep“) war 2011 mit ihrem zweiten Album „21“ weltweit die erfolgreichste Musikerin und ist am Sonntag für sechs Grammy Awards nominiert. Aber entdeckt und aufgebaut wurde die pummelige Sängerin vom Londoner Minilabel XL Recordings. „Kleine dicke Mädchen mit guter Stimme passen nicht ins Beuteschema von Universal und Sony“, sagt ein Musikmanager sarkastisch.

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Jahrgang 1972, Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

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