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Golfstaaten Rüstungswettlauf beschleunigt sich

12.10.2010 ·  Mit Waffenbestellungen in beispiellosem Umfang reagieren die arabischen Golfstaaten auf die Bedrohung in ihrer Region. Nutznießer sind Rüstungshersteller in Nordamerika und Frankreich.

Von Rainer Hermann, Abu Dhabi
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Mit Rüstungsbestellungen in beispiellosem Umfang reagieren arabische Golfstaaten auf die iranische Gefahr und den amerikanischen Teilrückzug aus dem Irak. Damit beschleunigt sich der Rüstungswettlauf am Golf.

Die meisten Bestellungen werden in den Büchern amerikanischer Rüstungshersteller notiert, während auf europäische Konkurrenten nur ein geringer Anteil entfällt. Trotz einer Diversifizierung der Rüstungslieferanten bauen die amerikanischen Anbieter ihre Dominanz an den Waffenarsenalen der arabischen Golfstaaten aus. Ihre Abhängigkeit von amerikanischen Waffensystemen nimmt damit zu.

Waffenbestellungen von 120 Milliarden Dollar

Den Vereinigten Staaten liegen Waffenbestellungen arabischer Golfstaaten von mehr als 120 Milliarden Dollar vor, die der Zustimmung des Kongresses bedürfen. Auf Saudi-Arabien entfällt mit 68 Milliarden mehr als die Hälfte. Die Vereinigten Arabischen Emirate, die seit 2005 unter den fünf größten Importeuren von Rüstungsgütern der Welt rangieren, haben für ihre 50.000 Mann starke Armee Bestellungen von 35 Milliarden Dollar aufgegeben.

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Von Oman sind Bestellungen von 12 Milliarden Dollar bekannt, von Kuweit von 7 Milliarden Dollar. Lediglich Qatar verlässt sich weiter allein auf den amerikanischen Schutzschirm und verzichtet auf Rüstungskäufe. Qatar bestellte nur Transportflugzeuge, die sich für die Beteiligung an humanitären Missionen eignen.

Geld fließt in die Luftwaffe

Das meiste Geld wollen die arabischen Golfstaaten in den kommenden vier Jahren für ihre Luftwaffen und für Flugabwehrraketensysteme ausgeben. Die Rüstungsbestellungen kommen damit insbesondere Boeing, dem Helikopterhersteller Sikorsky von United Technologies und der Raytheon Company zugute, dem Hersteller des Flugabwehrsystems Patriot. So hat Saudi-Arabien bei Boeing 85 neue Kampfflugzeuge des Typs F-15 bestellt und die Modernisierung von 70 seiner gebrauchten F-15.

Allein das kostet 30 Milliarden Dollar. Außerdem will Saudi-Arabien bei Raytheon 96 Flugabwehreinheiten von Patriot modernisieren sowie für 30 Milliarden Dollar Kampfhelikopter kaufen, und zwar 70 Boeing Apaches, 72 Black Hawks und 36 Little Bird.

In den Vereinigten Arabischen Emiraten stehen der Erwerb des Raketenabwehrsystems THAAD und neue Patriot-Einheiten im Vordergrund. Oman will bei Boeing 18 neue Kampfflugzeuge F-16 kaufen und 12 modernisieren lassen. Kuweit will seine Flugabwehrsysteme Patriot ebenfalls modernisieren und seine Mehrzweck-Kampfflugzeuge F-18 ersetzen.

Rätsel und Zweifel im eigenen Land

Rätsel und auch Protest im eigenen Land lösen die Bestellungen Saudi-Arabiens aus. Die saudischen Medien haben das Rüstungspaket zwar nicht kommentiert. Auf privaten Seiten im Internet wurde sein Sinn aber angezweifelt. Denn Saudi-Arabien hält an den seit 1975 produzierten Kampfjets F-15 fest und hat bei Boeing kein Interesse an dem hochmodernen F35 angemeldet, dessen Erstflug 2006 stattgefunden hat.

Die modernisierten F-15 ergänzen die 72 Eurofighter, von denen 12 ausgeliefert sind, und zudem 24 Tornados. Saudische Kritiker sehen in der Bestellung daher eine Wirtschaftshilfe für Boeing, die Zeit bis zur Serienreife neuer Produkte verschaffen soll.

Die Rolle des „Swingproducer“

Saudi-Arabien spielt mit den Bestellungen bei Boeing in der Rüstungsindustrie nun ebenso wie auf dem Ölmarkt die Rolle des „Swingproducer“, greift also stabilisierend ein. Auf größeres Verständnis stoßen die saudischen Bestellungen von Kampfhelikoptern. Denn in den Kämpfen mit den jemenitischen Houthi-Rebellen entlang der Grenze hatten die saudischen Bodentruppen aufgrund der fehlenden Unterstützung aus der Luft im vergangenen Winter hohe Verluste zu beklagen.

Die Vereinigten Arabischen Emirate sehen die Hauptbedrohungen in Iran und im Terror. Neben einer verbesserten Version von Patriot können sie als erster internationaler Abnehmer das seit 1990 von Lockheed Martin entwickelte Raketenabwehrsystem THAAD gegen ballistische Raketen erwerben.

Iran als größte Gefahr

Das iranische Arsenal an ballistischen Raketen gilt den arabischen Golfanrainern als die größte Gefahr. Die Vereinigten Arabischen Emirate kaufen seit Jahren die teuersten und besten Waffensysteme in der Hoffnung ein, den bedrohlichen Nachbarn Iran zu beeindrucken und die Schwächen beim Einsatz der Systeme zu überdecken.

Neben der Armee wird zunehmend die „Civil National Infrastructure Authority“ (CNIA) ein wichtiger Kunde von Rüstungsunternehmen. Sie hat den Auftrag, Anlagen der Ölindustrie der Emirate, die Meerwasserentsalzungsanlagen und künftig auch die Atomkraftwerke des Landes zu schützen. Das will sich die Behörde für Abu Dhabi 2,9 Milliarden bis 3,9 Milliarden Dollar kosten lassen. Zwei europäische Konsortien bieten für einen Auftrag.

Rüstungskooperation weiter ausgebaut

Nach den Berechnungen des „Stockholmer internationalen Friedensforschungsinstituts“ (Sipri) ist auf die Vereinigten Arabischen Emirate seit 2005 ein Drittel aller Waffenkäufe im Nahen Osten entfallen. Aus den Vereinigten Staaten bezogen sie 60 Prozent ihrer Rüstungskäufe und aus Frankreich 35 Prozent.

In den vergangenen 12 Monaten haben die Emirate ihre Rüstungskooperation mit amerikanischen Anbietern weiter ausgebaut. Um die intensiveren Kontakte zu flankieren, hat das Pentagon einen Zweisternegeneral als Verteidigungsattaché nach Abu Dhabi entsandt, der damit einen höheren Rang hat als alle seine westlichen Kollegen im Rang eines Obersts.

Verhandlungen mit Washington

Im vergangenen Jahrzehnt hatten die Vereinigten Arabischen Emirate darauf geachtet, die Bestellungen auf die Vereinigten Staaten und Frankreich aufzuteilen. So besteht die Luftwaffe überwiegend aus 79 Mehrzweck-Kampfflugzeugen des Typs F-16 Block 60 und 68 Mirage in den Versionen 2000 und 2000-9. Nun könnten die Vereinigen Arabischen Emirate erstmals mit der Tradition brechen, die Käufe für die Luftwaffe auf zwei Quellen zu verteilen.

Denn sie verhandeln mit Washington und Boeing über die Lieferung neuer F-18, da sie bewährtes Gerät, das mit den jüngsten Technologien ausgestattet ist, jüngeren Produkten mit einem Entwicklungsrisiko vorziehen. Nicht bekannt ist aber, ob auch Gespräche mit Frankreich über die Lieferung von neuen Mehrzweck-Kampfflugzeugen Rafale des Herstellers Dassault stattfinden, die die Mirage ersetzen könnten.

Störung der emiratisch-französischen Beziehung

Frankreich ist an einem Exporterfolg für die Rafale interessiert. Zuletzt hatte sich Frankreich vor den Kopf gestoßen gefühlt, als die Vereinigten Arabischen Emirate einen Auftrag zum Bau von vier Atomkraftwerken an ein Konsortium aus Südkorea vergeben hatten und nicht an Frankreich. Sollten die Vereinigten Arabischen Emirate die amerikanischen F-16 bestellen, nicht aber die Rafale, lägen Störungen in den emiratisch-französischen Beziehungen vor.

Frankreich hat von 2005 bis 2009 ein Viertel seines Rüstungsexports in den Vereinigten Arabischen Emiraten abgesetzt. In den Vereinigten Staaten sind die Emirate mit einem Anteil von 11 Prozent am amerikanischen Rüstungsexport der drittgrößte Abnehmer nach Südkorea und Israel.

Mit Brasilien zeichnet sich eine Rüstungskooperation der Vereinigten Arabischen Emirate ab. Die Regierungen beider Staaten bereiten dazu ein Abkommen vor. Interessiert sind die Emirate am brasilianischen Transportflugzeug KC-390, das die C-130 Hercules ablösen soll, und am kleinen Kampfflugzeug Super Tucano. Diese Diversifizierung ändert indessen nichts an der Abhängigkeit von amerikanischen Rüstungslieferungen.

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Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.

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