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Qatars Fluggesellschaft in Not : Es hängt an Bahrain

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z. / StepMap

Qatar Airways ist mit am stärksten von der diplomatischen Krise am Golf betroffen. Das Schicksal der Airline liegt nun ganz in der Hand Bahrains. Was bedeutet das?

          Im sich zuspitzenden Konflikt am Golf gibt es viele Leidtragende. Einer der größten ist Qatars nationale Fluglinie Qatar Airways – nach Emirates der zweitgrößte Carrier in der Region mit 197 Flugzeugen und 150 angesteuerten Zielen in aller Welt. Im letzten Jahr beförderte Qatar Airways 27 Millionen Passagiere von und nach Doha; die Fluggesellschaft ist Mitglied der Oneworld-Allianz, zu der etwa auch Air Berlin, American Airlines und British Airways zählen.

          Die Entscheidung von Saudi Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain und Ägypten vom Montag vergangener Woche, aufgrund des Vorwurfs finanzieller Verstrickungen im Terrorismus und starker Loyalität zu den schiitischen Klerikern in Iran sämtliche diplomatischen Beziehungen zu Qatar abzubrechen, trifft somit einen der wichtigsten Industriezweige des Landes. Qatar ist nun fast vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten.

          Auch die Malediven haben Flüge ausgesetzt

          Der Luftraum Qatars wird von drei Ländern umschlossen: Saudi Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain. Saudi Arabien hat alle Flugbewegungen von in Qatar registrierten Flugzeugen in seinem Luftraum untersagt. Rechtlich ist das zulässig: Das Land hat das multilaterale „International Air Services Transit Agreement“, das Teil des Chicagoer Abkommens aus dem Jahr 1944 ist, nicht unterzeichnet. In ihm verpflichten sich aktuell 129 Länder, anderen Airlines aus den Unterzeichnerstaaten den Überflug zu gewähren.

          Die Vereinigten Arabischen Emirate haben das Abkommen (wie Qatar) unterzeichnet – allerdings sperren auch sie ihren Luftraum für die Qataris. Bestraft werden wird das Emirat dafür wohl kaum. Das Abkommen sieht keine Sanktionen bei Vertragsbruch vor, ohnehin gäbe es keine Instanz, die sie verhängen könnte.

          „Natürlich gestehen wir unseren Mitgliedsländern zu, ihre Grenzen zu schließen“, sagte Alexandre de Juniac, Generaldirektor der Internationalen Luftverkehrs-Vereinigung (IATA), der Nachrichtenagentur AFP am Rande der Jahrestagung des Verbands in Mexiko. „Aber die Verbindungen nach Qatar müssen schnellstmöglich wieder aufgenommen werden.“ Auch die Malediven haben ihre Beziehungen zu Qatar abgebrochen und Flüge ausgesetzt.

          Ein schmaler Korridor

          Knapp ein Fünftel aller Flüge von Qatar Airways steuern die Länder an, die vom Boykott betroffen sind. Allerdings überfliegen die meisten ihrer Flugzeuge bislang den Luftraum der Qatar umgebenden Länder, die die Überflüge nun verboten haben. Qatar Airways hat es dabei Bahrain zu verdanken, dass das Land nicht vollkommen isoliert ist: Denn Bahrain ist das dritte Land, dessen Luftraum Qatar umgibt.

          Der vergleichsweise große Luftraum des kleinen Königreichs resultiert aus einem gemeinsamen Beschluss des Golf-Kooperationsrats. Auch der Luftraum ab 25.000 Fuß (7620 Meter) über Qatar wird von Bahrain kontrolliert. Das Königreich hat zwar alle Flüge qatarischer Flugzeuge in seinem Luftraum untersagt – Flüge anderer Airlines nach Doha bedürfen vorheriger Erlaubnis –, in seinem Luftraum allerdings einen schmalen Korridor offen gelassen, durch den qatarische Flugzeuge den überlebenswichtigen iranischen Luftraum erreichen können.

          Ob oder wann Bahrain sein Flugverbot auch in dieser Schneise durchsetzen wird, ist unklar. Weil diese Verbindung für Qatar Airways aber der einzige Weg nach draußen ist, hat die Änderung im Flugbetrieb von Qatar Airways auf manchen Strecken zu massiven Verspätungen geführt. Viele Flüge dauern länger: Der Flug von Doha nach Sao Paulo etwa muss nun zum Tanken in Athen zwischenlanden, die Flugzeit verlängert sich von rund 14 auf knapp 17 Stunden. Der Flug nach Khartum, der sudanesischen Hauptstadt, braucht statt üblicherweise dreieinhalb nun knapp sechs Stunden.

          Hilft das der Lufthansa?

          In Iran gab die halbstaatliche Nachrichtenagentur Tasnim an, dass fortan 200 zusätzliche Qatar-Flüge täglich durch den Luftraum des Landes geleitet werden – das entspricht einer Steigerung um 20 Prozent. Nach Angaben der staatlichen iranischen Nachrichtenagentur Mehr sind vor allem Flüge von und nach Nordafrika und Südeuropa betroffen: Flüge nach Nordafrika werden künftig über Iran, Irak und Jordanien geleitet, Flüge nach Europa (die bislang Bahrain, Kuwait, Irak und die Türkei passierten), überfliegen nun Iran und die Türkei.

          Im vergangenen Jahr hat Qatar Airways umgerechnet rund 8,7 Milliarden Euro umgesetzt. Das Beratungsunternehmen Frost & Sullivan beziffert die voraussichtlichen Umsatzeinbußen auf 30 Prozent; nach Ansicht des Centre for Aviation (CAPA) wirkt sich vor allem der Verlust von Umsteigereisenden aus Saudi-Arabien und den Emiraten negativ auf die Bilanz aus. Dazu kommen aufgrund der längeren Flugstrecken Kosten für zusätzliches Kerosin (Analysten von Crucial Perspective gehen von 10% zusätzlichen Spritkosten aus) und jeden Tag rund 400.000 Dollar für Flüge durch iranischen Luftraum – jeder Flug kostet Qatar Airways 2000 Dollar. Weil die Fluglinie viele Kurzstreckenflugzeuge nicht anderweitig nutzen kann, ist sie gezwungen, die Maschinen für viel Geld in umliegenden Ländern zu parken. Auf dem Flughafen Hamad International in Doha ist dafür kaum Platz. Analysten gehen davon aus, dass sich die Situation langfristig auf die Ticketpreise von Qatar Airways auswirken wird.

          „Amerika gießt Öl ins Feuer“

          Der Vorstandsvorsitzende von Qatar Airways, Akbar Al Baker, macht gute Miene zum bösen Spiel: In seiner einzigen Wortmeldung seit Beginn der Krise gab der sonst nicht gerade wortkarge Manager zu Protokoll, der Flugbetrieb laufe „vollkommen reibungslos“: „Was uns angeht: Hier herrscht business as usual.“ Am Montag legte er einen Geschäftsbericht mit hervorragenden Ergebnissen vor: Qatar hat demnach im letzten Jahr 20 Prozent mehr Passagiere befördert, der Nettogewinn stieg bis zum 31. März 2017 um 22 Prozent auf 1,97 Billionen Katar-Riyal (538,7 Millionen Dollar), der Umsatz um 10 Prozent. Gerade deshalb ist die Blockade für den aggressiv expandierenden Golf-Carrier, der allein in den nächsten zwei Jahren 26 neue Ziele ansteuern will, ein herber Schlag. Sorgen macht sich auch Hersteller Airbus, bei dem Qatar Airways Bestellungen für mehr als hundert Flugzeuge offen hat, darunter 66 Airbus A350.

          Erst am Montag machte Akbar Al Baker seinem Ärger öffentlich Luft: „Ich bin sehr enttäuscht von den Vereinigten Staaten“, sagte er dem Sender CNN. „Amerika sollte versuchen, diese Blockade zu durchbrechen, statt daneben zu sitzen und Öl ins Feuer zu gießen.“ Dem Sender Al Dschasira sagte er: „Bahrain und die Emirate haben die Transit-Vereinbarung des Chicagoer Abkommens unterzeichnet. Was sie tun, ist illegal.“ Die Blockade resultiere aus der Eifersucht der Nachbarstaaten: „Katar ist immer vorn dabei wenn es darum geht, Probleme zu lösen“, sagt Al Baker. „Die anderen Staaten wollen unsere Souveränität untergraben.“ Enttäuscht sei er von Donald Trump, dessen Politik er immer unterstützt habe.

          Bleibt die Frage: Cui bono? Nicht nur Airlines wie die Bahrainische Gulf Air oder Singapore Airlines, die auf profitträchtigsten Routen zu Qatars größten Konkurrenten zählen, profitieren von der Situation. Die Krise fällt auch in eine Zeit, in der die auf Umsteigepassagiere angewiesenen Riesen vom Golf ohnehin schwächeln: Etihad steckt wegen ungünstiger Beteiligungen an Air Berlin und Alitalia in der Krise, Konkurrent Emirates meldet einen massiven Gewinneinbruch um 80 Prozent, den das Unternehmen auf die schlechte Weltlage schiebt. Gerade für die Linie Emirates, die angesichts der Entwicklungen in Amerika nicht müde wurde, offene Grenzen am Himmel zu propagieren, kommt die Entwicklung nicht gelegen. Das negative Image der Golf-Carrier könnte sich nach Ansicht von Frost & Sullivan auch positiv auf Konkurrenten wie Malaysia Airlines oder die europäischen Netzwerk-Airlines Lufthansa und Air France-KLM auswirken.

          Eine Chance ist das diplomatische Menetekel ausgerechnet für die krisengebeutelte Oman Air: Am Wochenende teilte das Unternehmen mit, mit seinen fünf neuen Dreamlinern für Qatar Airways Zubringerflüge zwischen Doha und den Metropolen am arabischen Golf durchzuführen. Auch die wichtigen Strecken zwischen Ägypten und Qatar, wo 100.000 Ägypter zumeist im öffentlichen Dienst arbeiten, wird nun von Oman Air bedient. Die Airline steigerte ihre Kapazitäten dabei um 25 Prozent – und macht Chef Paul Gregorowitsch Hoffnung, vielleicht nicht gleich aus den roten Zahlen, aber zumindest der schwarzen Null etwas näher zu kommen.

          Ein Airbus A350 von Qatar Airways.
          Ein Airbus A350 von Qatar Airways. : Bild: Reuters

          Quelle: FAZ.NET

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