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Giganten der Ölindustrie Tanken mit Putin und Chávez

Der Aufstieg des russischen Ölkonzerns Rosneft zeigt: Staatsunternehmen erobern die Ölindustrie. Weltweit besinnen sich die Länder auf ihre Energiequellen.

Es war am Donnerstagmittag vorletzter Woche, als eine schwere Mercedes-Limousine diskret in der Tiefgarage auf der Rückseite der Londoner BP-Zentrale verschwand. Hinter den abgedunkelten Scheiben im Fond saß Igor Setschin, der neue starke Mann der russischen Ölindustrie und ein enger Vertrauter des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Der Chef des staatlichen Moskauer Energiekonzerns Rosneft war nach London gekommen, um den Ölschatz des Kremls zurückzuholen, und er fackelte nicht lange. Vier Tage später stand der größte Deal in der internationalen Ölindustrie seit 13 Jahren.

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Der Staatsriese Rosneft, schon heute Russlands größter Ölkonzern, übernimmt für 55 Milliarden Dollar die private russische Ölgesellschaft TNK-BP, von der BP bislang die Hälfte gehört. Diese Rückverstaatlichung komplettiert mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Ende der Sowjetunion eine Kampagne, die stets zu den wichtigsten Anliegen Putins gehörte. Russlands mächtigster Mann schrieb 1999 in einem wissenschaftlichen Aufsatz, die Gas- und Ölquellen seien zentral für die Erholung der russischen Wirtschaft, ihren Eintritt in die Weltwirtschaft und den Aufbau des Landes zur wirtschaftlichen Großmacht. Sie müssten wegen ihrer strategischen Bedeutung vom Staat gelenkt werden.

Rosneft könnte Deutschland und Frankreich vesorgen

13 Jahre später gilt es zu melden: Mission ausgeführt. Rosneft steigt zum zweitgrößten Ölkonzern der Welt auf. Noch mehr Öl holt nur Saudi Aramco, die staatliche Energiegesellschaft Saudi-Arabiens, aus dem Boden. Wenn das Milliardengeschäft wie angekündigt über die Bühne geht, wird Putins neuer Riese jeden Tag rund 4,5 Millionen Fass Öl fördern. Die Menge würde mehr als ausreichen, um den gesamten Bedarf von Deutschland und Frankreich zu decken.

Der russische Paukenschlag zeigt: In einer der Schlüsselbranchen der Weltwirtschaft erlebt der Staatskapitalismus seine Wiederauferstehung. „Der Energie-Nationalismus ist weltweit auf dem Vormarsch“, sagt Nick Redman, Analyst für geopolitische Risiken am International Institute for Strategic Studies (IISS) in London. Rosneft ist zwar börsennotiert, und BP soll als Juniorpartner 20 Prozent der Aktien bekommen - aber gegen den Willen von Putin geschieht bei Rosneft nichts. Der Kreml kontrolliert die Mehrheit am Unternehmen ebenso wie beim Erdgasriesen Gasprom, dem zweiten russischen Energiekoloss.

Enteignungen und Verstaatlichungen wechseln sich ab

Russland ist keine Ausnahme. Staatlich gelenkte Konzerne preschen im globalen Öl- und Gasgeschäft vor. Der chinesische Staatsriese Petrochina steckt mehr Geld in seine Expansion als jedes andere Energieunternehmen der Welt: Allein 2011 waren es mehr als 50 Milliarden Dollar, eine Summe, mit der man einen kompletten Dax-Konzern wie die Deutsche Telekom kaufen könnte.

Auch in Lateinamerika besinnen sich die Länder längst wieder auf ihre Energiequellen. Im Frühjahr sorgte die Regierung in Buenos Aires für ein diplomatisches Erdbeben, als sie das argentinische Geschäft des privaten spanischen Energiekonzerns Repsol enteignete. In Venezuela und in Bolivien haben die Regierungen schon vor Jahren die Regie übernommen.

Infografik / Wo Europas Öl herkommt © F.A.Z. Bilderstrecke 

Enteignungen von privaten Ölunternehmen kehrten in der Geschichte der Industrialisierung stets wieder. Und die Idee von der Verstaatlichung nationaler Reserven bekam immer dann besonders viel Drive, wenn viel zu verdienen war. Aktuell weckt vor allem der hohe Preis für Rohöl und die damit verbundene Gewinnchance die Begierde der Politiker von Caracas über Buenos Aires bis Moskau - sagt Leonardo Maugeri, Forscher an der Harvard-Universität und langjähriger Chefstratege des italienischen Energiekonzerns ENI.

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