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Gesundheitsmarkt : Medizin im Rausch der Daten

Eine DNA-Probe: Patientendaten sind ein wertvolles Gut Bild: dpa

Ärzte und Patienten hoffen auf bessere Therapien, IT-Konzerne wie SAP und IBM auf glänzende Geschäfte. Ein Drittel aller Daten, die auf der Welt erhoben werden, lassen sich dem Gesundheitsmarkt zuordnen.

          Megabyte? Gigabyte? Jürgen Eils schüttelt den Kopf. In solchen Größenordnungen denkt der Datenmanager des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg schon lange nicht mehr. Auf zwei Terabyte veranschlagt er die Datenmenge eines menschlichen Genoms, das sind 2000 Gigabyte. Auf ein Viertel davon lasse sich das Volumen mit ein paar Rechentricks herunterbrechen, sagt Eils, dann verfüge das Zentrum gegenwärtig über genug Speicherplatz für einige hundert Genome. „Aber wenn wir in Zukunft das Erbgut jedes Krebspatienten in Deutschland sequenzieren wollen, reden wir von ganz anderen Größenordnungen.“

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Behandlungsfortschritt, den sich Ärzte und Patienten von dieser Katalogisierung versprechen, könnte seine Grenzen allerdings schnell in der Kapazität von Rechnern und Festplatten finden. Rund um die Welt arbeiten IT-Konzerne deshalb mit Kliniken und Arzneimittelherstellern zusammen. Es geht unter anderem darum, Arzneimittel künftig zielgerichtet einzusetzen; viel zu viele Medikamente wirken nämlich nur dann, wenn die genetischen Voraussetzungen der Patienten dafür stimmen - was in der Krebstherapie mit herkömmlichen Methoden nur in einem von vier Fällen zutrifft (siehe Grafik). „Personalisierte Medizin“ heißt das Versprechen maßgeschneiderter Therapien auf der einen Seite, „Big Data“ das Stichwort auf der anderen. Computer werden leistungsfähiger, Software wird besser. Die Kompression, Speicherung, Pflege und Visualisierung ständig wachsender Datenmengen ist das Bindeglied.

          Der deutsche Anbieter SAP AG peilt nach einigen umfang- und erfolgreichen Tests in Europa und Amerika für die kommenden Monate an, sein superschnelles Datenbanksystem Hana, mit dem binnen eines Wimpernschlags riesige Datenmengen erfasst und analysiert werden, auch auf eine Plattform für die Medizin zu stellen. Hasso Plattner, einer der Gründer und Aufsichtsratsvorsitzender des Unternehmens, ist in dieser Woche eigens nach Kalifornien gereist, um in Palo Alto an einer Konferenz zum Thema teilzunehmen.

          Die Medizin als eines der wichtigsten Geschäftsfelder

          „Es gibt große Hoffnung von Fachleuten, dass wir mit unserer Technik die Entwicklung ein gutes Stück voranbringen können“, schildert er die Erwartungen der dort versammelten Fachleute. Plattner treibt zudem die Zusammenarbeit mit Medizinern und Wissenschaftlern der Stanford School of Medicine sowie dem Charité-Krankenhaus in Berlin voran. „Wir können mit Hana die Genom-Berechnungen um den Faktor 40, Ende dieses Jahres vielleicht sogar um den Faktor 60 beschleunigen“, sagt er.

          Bei Krebserkrankungen sind 75 Prozent der Medikationen unwirksam Bilderstrecke

          Am DKFZ in Heidelberg soll ein anderes Schwergewicht der IT-Branche, der amerikanische Anbieter IBM, ähnliche Fortschritte bringen. Neue Methoden der Datenkompression könnten den Speicherbedarf für ein Genom um den Faktor 160 verringern, überschlägt Jürgen Eils. Es gehe darum, zuverlässig und schnell den Teil des Erbguts herauszufiltern, der für die Erkrankung relevant ist. Außerdem werde die Technik der Datenübertragung und des Datenabgleichs überarbeitet. „Zurzeit brauchen wir ein oder zwei Tage, um ein gesamtes Genom zu verarbeiten“, sagt Eils. „Wir erwarten eine Reduzierung auf mehrere Stunden.“ Plattner von SAP spricht sogar von Minuten. Mit einer eigens entwickelten technischen Plattform des superschnellen Datenbanksystems Hana will SAP in diesem Jahr noch an den Start gehen. „Vielleicht noch in der ersten Jahreshälfte“, sagt Plattner.

          Der amerikanische IT-Anbieter IBM steht dem nicht nach. Der alte Vorstandsvorsitzende Sam Palmisano hatte die Medizin schon vor einigen Jahren zu einem der wichtigsten Geschäftsfelder ausgerufen, 300 Millionen Dollar investiert der Konzern im Jahr dafür. Ein Drittel aller Daten, die in Zukunft auf der Welt produziert werden, lassen sich dem Gesundheitsmarkt zuordnen, überschlägt Manuela Müller-Gerndt, die in Deutschland für diese IBM-Sparte verantwortlich ist. Dass diese Daten, vom OP-Bericht über das Protokoll einer Arzneimittelstudie bis zum Röntgenbild, aus unterschiedlichen Quellen stammen und von sehr unterschiedlicher Qualität sind, macht ihre Zusammenführung zu einer besonderen Herausforderung.

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