Home
http://www.faz.net/-gqe-7681g
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
CIO View

Gesundheitsmarkt Medizin im Rausch der Daten

Ärzte und Patienten hoffen auf bessere Therapien, IT-Konzerne wie SAP und IBM auf glänzende Geschäfte. Ein Drittel aller Daten, die auf der Welt erhoben werden, lassen sich dem Gesundheitsmarkt zuordnen.

© dpa Eine DNA-Probe: Patientendaten sind ein wertvolles Gut

Megabyte? Gigabyte? Jürgen Eils schüttelt den Kopf. In solchen Größenordnungen denkt der Datenmanager des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg schon lange nicht mehr. Auf zwei Terabyte veranschlagt er die Datenmenge eines menschlichen Genoms, das sind 2000 Gigabyte. Auf ein Viertel davon lasse sich das Volumen mit ein paar Rechentricks herunterbrechen, sagt Eils, dann verfüge das Zentrum gegenwärtig über genug Speicherplatz für einige hundert Genome. „Aber wenn wir in Zukunft das Erbgut jedes Krebspatienten in Deutschland sequenzieren wollen, reden wir von ganz anderen Größenordnungen.“

Stephan Finsterbusch Folgen: Sebastian Balzter Folgen:

Der Behandlungsfortschritt, den sich Ärzte und Patienten von dieser Katalogisierung versprechen, könnte seine Grenzen allerdings schnell in der Kapazität von Rechnern und Festplatten finden. Rund um die Welt arbeiten IT-Konzerne deshalb mit Kliniken und Arzneimittelherstellern zusammen. Es geht unter anderem darum, Arzneimittel künftig zielgerichtet einzusetzen; viel zu viele Medikamente wirken nämlich nur dann, wenn die genetischen Voraussetzungen der Patienten dafür stimmen - was in der Krebstherapie mit herkömmlichen Methoden nur in einem von vier Fällen zutrifft (siehe Grafik). „Personalisierte Medizin“ heißt das Versprechen maßgeschneiderter Therapien auf der einen Seite, „Big Data“ das Stichwort auf der anderen. Computer werden leistungsfähiger, Software wird besser. Die Kompression, Speicherung, Pflege und Visualisierung ständig wachsender Datenmengen ist das Bindeglied.

Der deutsche Anbieter SAP AG peilt nach einigen umfang- und erfolgreichen Tests in Europa und Amerika für die kommenden Monate an, sein superschnelles Datenbanksystem Hana, mit dem binnen eines Wimpernschlags riesige Datenmengen erfasst und analysiert werden, auch auf eine Plattform für die Medizin zu stellen. Hasso Plattner, einer der Gründer und Aufsichtsratsvorsitzender des Unternehmens, ist in dieser Woche eigens nach Kalifornien gereist, um in Palo Alto an einer Konferenz zum Thema teilzunehmen.

Die Medizin als eines der wichtigsten Geschäftsfelder

„Es gibt große Hoffnung von Fachleuten, dass wir mit unserer Technik die Entwicklung ein gutes Stück voranbringen können“, schildert er die Erwartungen der dort versammelten Fachleute. Plattner treibt zudem die Zusammenarbeit mit Medizinern und Wissenschaftlern der Stanford School of Medicine sowie dem Charité-Krankenhaus in Berlin voran. „Wir können mit Hana die Genom-Berechnungen um den Faktor 40, Ende dieses Jahres vielleicht sogar um den Faktor 60 beschleunigen“, sagt er.

Infografik / Bittere Medizin Bei Krebserkrankungen sind 75 Prozent der Medikationen unwirksam © F.A.Z. Bilderstrecke 

Am DKFZ in Heidelberg soll ein anderes Schwergewicht der IT-Branche, der amerikanische Anbieter IBM, ähnliche Fortschritte bringen. Neue Methoden der Datenkompression könnten den Speicherbedarf für ein Genom um den Faktor 160 verringern, überschlägt Jürgen Eils. Es gehe darum, zuverlässig und schnell den Teil des Erbguts herauszufiltern, der für die Erkrankung relevant ist. Außerdem werde die Technik der Datenübertragung und des Datenabgleichs überarbeitet. „Zurzeit brauchen wir ein oder zwei Tage, um ein gesamtes Genom zu verarbeiten“, sagt Eils. „Wir erwarten eine Reduzierung auf mehrere Stunden.“ Plattner von SAP spricht sogar von Minuten. Mit einer eigens entwickelten technischen Plattform des superschnellen Datenbanksystems Hana will SAP in diesem Jahr noch an den Start gehen. „Vielleicht noch in der ersten Jahreshälfte“, sagt Plattner.

Mehr zum Thema

Der amerikanische IT-Anbieter IBM steht dem nicht nach. Der alte Vorstandsvorsitzende Sam Palmisano hatte die Medizin schon vor einigen Jahren zu einem der wichtigsten Geschäftsfelder ausgerufen, 300 Millionen Dollar investiert der Konzern im Jahr dafür. Ein Drittel aller Daten, die in Zukunft auf der Welt produziert werden, lassen sich dem Gesundheitsmarkt zuordnen, überschlägt Manuela Müller-Gerndt, die in Deutschland für diese IBM-Sparte verantwortlich ist. Dass diese Daten, vom OP-Bericht über das Protokoll einer Arzneimittelstudie bis zum Röntgenbild, aus unterschiedlichen Quellen stammen und von sehr unterschiedlicher Qualität sind, macht ihre Zusammenführung zu einer besonderen Herausforderung.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Gesundheitssystem Macht der Krebs uns arm?

Manches Krebsmedikament ist in Gramm gerechnet 4000 mal so teuer wie Gold. Die Krebsmedizin erzielt Fortschritte, von denen Ärzte und Patienten lange träumten. Doch jetzt gibt es ein neues Problem: Die Therapien sind teuer - teilweise viel zu teuer. Mehr Von Sebastian Balzter

23.08.2015, 10:42 Uhr | Wirtschaft
Peru Ärzte locken Wurm mit Basilikum aus Patienten-Auge

Mit einer ungewöhnlichen Methode haben Ärzte ihren Patienten von einem Parasiten befreit. Mehr

05.06.2015, 14:43 Uhr | Gesellschaft
Paul Ehrlich Auf der Suche nach den Zauberkugeln

Vor 100 Jahren starb Paul Ehrlich. In Frankfurt hatte der Medizin-Nobelpreisträger Therapien und Theorien entwickelt, an denen bis heute intensiv weitergeforscht wird. Mehr

19.08.2015, 16:15 Uhr | Rhein-Main
Nach einem Angriff Schutz im unterirdischen Krankenhaus

Das Bonner Hilfskrankenhaus ist ein seltsames Gebäude. Für die Bevölkerung unsichtbar unter einer Turnhalle in die Erde gesenkt, sollte das Klinikum auf 2600 Quadratmetern 463 Patienten selbst nach einem Angriff mit chemischen, biologischen und nuklearen Waffen für drei bis vier Wochen arbeitsfähig bleiben. Ein Besuch. Mehr

25.04.2015, 11:47 Uhr | Politik
Genomprojekt der Seele Wieso dieser politische Trübsinn?

Verpasst Deutschland schon wieder den Anschluss in der Genomforschung? Psychiatrische Leiden werden woanders angepackt. Der Bonner Genetiker Peter Propping erklärt in einem Gastbeitrag, was Chinesen und Amerikaner besser machen. Mehr

20.08.2015, 17:08 Uhr | Wissen

Veröffentlicht: 02.02.2013, 09:57 Uhr

Verunsicherung

Von Gerald Braunberger

Geldpolitik und Finanzmärkte gelangen derzeit nicht zu einer übereinstimmenden Interpretation der Wirtschaftslage. Das diesjährige Treffen von Jackson Hole belegte eine nachhaltige Verunsicherung. Mehr 1


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --