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Gesundheitsmarkt : Medizin im Rausch der Daten

Die komplette Sequenzierung jedes Neugeborenen

Das Vorzeigeprojekt des Konzerns ist der Einsatz des Supercomputersystems Watson zu medizinischen Zwecken. Das Computerprogramm stammt aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz und ist faktisch eine hochwertige semantische Suchmaschine. Sie könnte zum Rückgrat der medizinischen Forschung werden. Müller-Gerndt skizziert ein ehrgeiziges Ziel: „Am Ende soll eine Anwendung für den Tabletcomputer stehen, die jedem Arzt in Echtzeit mitteilt, mit welcher Wahrscheinlichkeit eine bestimmte Therapie für einen bestimmten Patienten erfolgreich sein wird, wie hoch der Anteil von Fehldiagnosen durchschnittlich ist und wo der nächste Ansprechpartner für das jeweilige Spezialgebiet zu finden ist.“

Erschöpft sind die Ideen damit noch nicht. Ein Minilabor in Kreditkartengröße für minutenschnelle Bluttests, Geräte zur automatischen Aufzeichnung von Bewegungsprotokollen und Gehirnstrommessungen - die Liste ist lang. „Die Königsklasse ist die direkte Übertragung solcher Daten über das Smartphone und die damit verbundene Kommunikation mit dem Arzt“, sagt Sebastian Krolop von der Beratungsgesellschaft Accenture. Knapp zwei Drittel der deutschen Mediziner, habe eine Umfrage im vergangenen Jahr ergeben, stünden solchen Möglichkeiten positiv gegenüber. Die Patientenversorgung könnte nach ihrer Meinung verbessert, der Zugang zu Studiendaten erleichtert werden. Müller-Gerndt von IBM geht noch weiter. „Unsere Vision ist die komplette Sequenzierung jedes Neugeborenen“, sagt sie. Dass es dagegen Einwände von Datenschützern geben könnte, wischt die Managerin beiseite. Die Patienten werden in der Hoffnung auf bessere Behandlungsmöglichkeiten ihre Daten aus eigenem Antrieb zur Verfügung stellen, prognostiziert sie.

Wie SAP und IBM engagieren sich auch andere Größen der Computer- und Softwarebranche auf dem Feld der Medizin. Für den japanischen Elektronikhersteller Sony Corp etwa steht der Auf- und Ausbau einer Gesundheitssparte ganz oben auf der Agenda. „Das ist ein schnell wachsender Markt, und wir versprechen uns davon einige kräftige Impulse“, sagt Kazuo Hirai, der Vorstandsvorsitzende. Sony hat sich im vergangenen Herbst mit umgerechnet 450 Millionen Euro an Olympus beteiligt, dem größten Hersteller von Endoskopen in der Welt. Der Kamera- und Druckerhersteller Canon hat ebenfalls im Medizingeschäft zugekauft. Und Samsung aus Südkorea hat gerade Neuro-Logica übernommen, einen amerikanischen Anbieter von Scannern für die Computertomographie.

Den Pharmakonzernen erwachsen neue Wettbewerber

Als Vorbild für diese Entscheidungen mag die Strategie von einstmals großen Haushalts- und Unterhaltungselektronikherstellern wie Siemens aus Deutschland, General Electrics aus Amerika und Philips aus den Niederlanden gedient haben, die schon vor Jahren in die Medizintechnik investiert haben. Philips hat Anfang dieser Woche sogar bekanntgegeben, die Reste seines Geschäfts mit Konsumelektronik zu verkaufen und die Ressourcen verstärkt in die Medizinsparte zu lenken. „Wir sind hier ziemlich gut aufgestellt“, erläuterte der Vorstandsvorsitzende Frans van Houten den Schritt. „Denn wir denken in Lösungen, nicht einfach in Produktgruppen.“ Die Sparte machte im vergangenen Jahr rund 40 Prozent des Konzernumsatzes von knapp 25 Milliarden Euro aus.

So erwachsen auch den traditionellen Platzhirschen auf dem Gesundheitsmarkt, den Pharmakonzernen, neue Wettbewerber. „Unternehmen aus anderen Branchen könnten sie in den kommenden Jahren überrunden“, warnt Elia Napolitano von der Beratungsgesellschaft Ernst & Young. Dazu zählt er neben den IT-Konzernen auch Medienunternehmen, Telekommunikationsanbieter und spezialisierte Gesundheitsdienstleister. Viele Arzneimittelhersteller haben darauf inzwischen jedoch reagiert. Der französische Konzern Sanofi hat zusammen mit einem amerikanischen Partner ein Blutzuckermessgerät entwickelt, das sich an das iPhone anschließen lässt; die Messwerte lassen sich mit einer App verwalten. Bayer hat ein vergleichbares Gerät für jugendliche Diabetiker zum Anschluss an eine Spielekonsole von Nintendo im Sortiment. Noch weiter geht Novartis aus der Schweiz: Der Konzern hat sich am kalifornischen Anbieter Proteus beteiligt, um eine „smart pill“ zu entwickeln, die Daten zur Überprüfung der Dosierung direkt aus dem Körper des Patienten senden soll. Was sich nach Science-Fiction anhört, ist keine Zukunftsmusik mehr. Die amerikanische Gesundheitsbehörde hat die digitale Tablette im vergangenen Sommer zugelassen.

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