02.11.2008 · Bahnchef Mehdorn kriegt die ICEs nicht flott, Minister Tiefensee hat einen Blackout, der Börsengang fällt aus - und jeder redet mit. Warum? Die Bahn ist mit so vielen Erinnerungen verknüpft: Abschiedstränen, Pendel-Fahrten nach Hause, der Schal, der im Abteil liegenblieb. Hier ist die Geschichte einer Hassliebe.
Von Christian SiedenbiedelAn meinen ersten Zug erinnere ich mich noch ganz genau. Er bestand aus einer verrosteten grünen Lokomotive nebst ein paar Wagen und transportierte Torf im Moor meiner Heimatstadt Vechta. Wie faszinierend.
Es war das Prinzip Bahn, das mich gefesselt hat. Die Schienen, die schon im Voraus verrieten, wo die Bahn langfahren wird. Die Berechenbarkeit, mit der die Wagen der Lokomotive folgten. Das Schnaufen und Rattern der alten Lok, das sie zu einem Lebewesen machte, den Pferden und Enten viel ähnlicher als den Blättern und Steinen.
Wie die Schwiegermutter oder die Bundesliga
Die Bahn hat mich dann nie wieder losgelassen. So wie mir geht es augenscheinlich vielen Leuten. Nicht ohne Grund redet das ganze Land mit, wenn es um Bahnchef Mehdorn, die defekten ICE-Züge oder den verschobenen Börsengang geht: Die Bahn geht jeden etwas an. Wie die Schwiegermutter oder die Bundesliga. Alle sind sie mit Erinnerungen und Gefühlen verknüpft: die Tränen der Freundin damals beim Abschied am Zug, die Fahrten zu nächtlicher Stunde vom Studienort heim zu den Eltern und selbst der Schal, der im Abteil liegenblieb.
Und natürlich der Ärger. Geärgert habe ich mich über die Bahn allerdings nie so sehr, wenn die Lokführer streikten. Oder wenn die Züge nicht fahren konnten, weil ein Sturm die Oberleitungen heruntergerissen hatte. Geärgert habe ich mich, wenn ich in den Speisewagen wollte und alle Sitzplätze belegt waren. Dann sagte ich schon mal: nie wieder Bahn.
Eine Hassliebe
Dabei blieb es natürlich nie. Die Bahn und ich, das war immer eine Hassliebe. Wenn ich am Bahnhof bin und sehe die Räder eines aufbrechenden Zuges, denke ich: Wie schön. Wenn ich aber ungeduldig bin während einer Zugfahrt, leide ich darunter, nicht selbst über Geschwindigkeit und Abfahrtszeit mitentscheiden zu können. Dann träume ich von meinem Auto, dem Inbegriff individueller Freiheit.
Meine Bahn - das war immer auch ein Raum. In ihm standen kunstlederbezogene Bänke, und es gab kleine Klapptische. Der Raum war meistens viel zu voll. Oder es hat gezogen. Schon damals, als Kind, wenn ich mit meinen Eltern mit dem roten Schienenbus in die nächste Großstadt zur Großmutter fuhr. Und man abends aufpassen musste, dass man nicht zu spät dran war. Weil dann kein Zug mehr fuhr. Die Bahn ist Daseinsvorsorge. Viel mehr als die Sparkasse oder sogar das Schwimmbad. Ohne sie ging es einfach nicht.
„Verspätung“ und „Zug-Chaos“ hat man damals nicht gespielt
Natürlich hatte ich als Kind auch eine elektrische Eisenbahn. Signale, Weichen, Brückenbauwerke: Alles, was zur Bahn gehört, ist mir seit jenen Tagen vertraut. Wenn ich Zug fahre, treffe ich so auf Vertrautes. Es stand ja damals, im Keller meiner Eltern, alles unter meiner Herrschaft.
„Verspätung“ und „Zug-Chaos“ wie heute hat man damals allerdings noch nicht gespielt. Überhaupt waren Züge in der Erinnerung früher immer pünktlich. Und die Leute von der Bahn waren so wie mein Urgroßvater, seines Zeichens Stationsvorsteher: Ein Bild von ihm hing in unserem Wohnzimmer. Er trug eine altmodische Uniform und eine Dienstmütze und hatte eine Kelle. Sein strenger Blick schien zu sagen: Verspätungen? In meinem Bahnhof nie.
Mit Mehdorn wurde alles anders
Später wurden die Züge immer unpünktlicher. Irgendwann hörte man, die Bahn wolle das Problem beheben: Die Lokführer sollten neue Dienstuhren bekommen. Komisch, dachte ich. Selbst die Uhr am Bahnhof stand ja seit Jahren.
Das war meine Bahn, bis Hartmut Mehdorn kam. Mit dem neuen Bahnchef wurde alles anders. Die Bahn sollte auf einmal fit für die Börse werden. Alles musste schneller und moderner sein. Jede Änderung bei der Bahn war dabei auch eine Änderung in meinem Leben. Als zum Beispiel die Interregios abgeschafft wurden, konnte ich auf einmal nicht mehr billig zu meiner Freundin fahren, die 300 Kilometer entfernt wohnte. Da zog sie dann zu mir.
Es fing damit an, dass ein Kollege jeden Tag pendelte
Als die schnellen ICE-Züge aufkamen, war es wie mit den Hochhäusern in Frankfurt: Am Anfang fanden wir alle sie etwas bedrohlich. Mit ihnen fand die Ära ein Ende, in der schnelle Lokomotiven gelb sein mussten und im Speisewagen im Schein von behaglichen 70er-Jahre-Lampen Putenschnitzel serviert wurden.
Irgendwann aber fingen wir an, stolz auf die Moderne bei der Bahn zu sein. Es begann damit, dass ein Kollege jeden Tag mit dem ICE von Köln nach Frankfurt zur Arbeit pendelte. Das war ein Stück Freiheit. Etwas, das vor 20 Jahren undenkbar gewesen wäre.
Amerikaner finden es „incredible“
Doch dann brach der Traum von der Bahn-Moderne wieder zusammen: Die ICE-Züge erwiesen sich als so unsicher, dass sie dauernd in die Werkstatt müssen. Dabei ist mir an der Bahn natürlich am wichtigsten: dass es läuft.
Wie gut ich es mit meiner Bahn habe, merke ich allerdings immer, wenn Besuch aus dem Ausland da ist. Leute aus Afrika beneiden mich, dass wir hier nicht auf überfüllte Busse bei voller Fahrt aufspringen müssen. Und Amerikaner finden es „incredible“, dass man in Deutschland ganz ohne Auto leben kann.
Nicht nur in großen Städten, sondern auch in der gehobenen Provinz. Denn da gibt es den ÖPNV. Diese vier Buchstaben muss man ganz schnell hintereinander aussprechen, um zu merken, dass sich dahinter weder eine österreichische Partei noch eine radikalökologische Splittergruppe verbirgt.
Können die nicht einfach die Güterzüge an die Börse bringen?
Kein Wunder eigentlich, dass viele Leute das Gefühl haben, meine Bahn gehöre nicht an die Börse. Ein Unternehmen wie Daimler oder die Deutsche Bank ist sie wirklich nicht. Sie soll mich von A nach B bringen und braucht meinethalben wirklich kein „Global Player im internationalen Logistikgeschäft“ zu werden. Ich erwische mich bei dem Gedanken: Können die nicht einfach die Güterzüge an die Börse bringen - und meine Bahn bleibt meine Bahn?
Das Beste an meiner Bahn aber ist, dass man an den ungewöhnlichsten Orten die erfahrensten Bahnexperten trifft. In der Kneipe zum Beispiel oder in der Sauna. Und natürlich am Bahnsteig. Der Ärger schweißt uns alle als Bahngemeinschaft zusammen. Gespräche beginnen dann so: „Ich weiß auch nicht, warum die freitags nicht einfach einen Wagen anhängen.“ Oder auch: „Dass der Mehdorn jetzt auch noch einen Bonus für das Chaos mit dem Börsengang bekommen soll.“
Selbst in Großstädten wie Frankfurt, wo man nie jemanden auf der Straße ansprechen würde, weil der sonst denkt, man will ihm etwas klauen oder ihm Drogen verkaufen, kann man am Bahnsteig völlig unproblematisch andere in ein Gespräch verwickeln. Aber natürlich nur über den ganz alltäglichen Ärger mit meiner Bahn.
Bahn in der Hand von Banditen
Rudolf Neuber (r.neuber)
- 02.11.2008, 16:49 Uhr
Falls sich jemand wundert
Rene Meyer (matrix1329)
- 02.11.2008, 23:16 Uhr
Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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