05.05.2010 · Beim „Investoren-Speed-Dating“ haben Unternehmensgründer genau acht Minuten Zeit, um ihre Geschäftsmodelle potentiellen Investoren vorzustellen. Diese denken schon beim Einstieg an den lukrativen Ausstieg.
Von Bernd Freytag, HeidelbergJochen Klingler hat einen Geschäftsplan, er hat die nötigen Patente und jetzt hat er acht Minuten Zeit. Nicht viel, um sein Geschäftsmodell zu erklären, aber so sind die Regeln beim Heidelberger „Innovationsforum“. Also redet der 41 Jahre alte Unternehmensgründer los, als ginge es um sein Leben. „Jedes Haus muss geheizt werden“, sagt er, und jeder im Auditorium weiß sofort: Aha, das ist ein riesiger Markt. Punkt für Klingler. Einen eigenentwickelten Sonnenkollektor hat er gleich mitgebracht, denn der, sagt Klingler, sei die Lösung für das Problem. Die weltweit billigste Art, Energie zu gewinnen, um Räume zu heizen, sei das. „Höchste Effizienz, unschlagbarer Preis.“ Nanotech sei drin, und in vielen Farben könne der Kollektor überdies gebaut werden. Dann sagt er noch, als Gründer müsse man sich voll reinhängen und dass er einen gutbezahlten Job beim Energieriesen Eon aufgegeben habe, gerade erst sei er aus Indien zurückgekommen, wo er selbst an dem Kollektor mitgebaut habe, die Spuren an den Fingern seien noch zu sehen, und ach ja, 600.000 Euro benötige er für die nächsten fünf Jahre, um das Geschäft in Gang zu setzen. Dann sind acht Minuten vorbei, und Jochen Klingler holt Luft.
Für so viel Engagement gibt es beim Heidelberger Innovationsforum zwar keinen tosenden Applaus. Aber die Zuhörer im Tagungszentrum der altehrwürdigen Villa Bosch nicken wohlwollend. Immerhin. Klingler ist zufrieden. Vor ein paar Jahren hat er das Forschungslabor Enersearch im Wege eines Management Buyouts übernommen. Und diese Kollektoren sind nun sein erstes verwertbares Produkt. „Wir mussten jetzt mal raus und uns zeigen“, sagt er.
Ein Dutzend „geldnahe Teilnehmer“
In der Villa Bosch haben an diesem Tag 20 weitere Firmengründer Zeit, um Investoren und Kooperationspartner auf sich aufmerksam zu machen. Dabei werden die wenigsten auf Anhieb einen Großinvestor finden. Interesse wecken und mit dem ein oder anderen ins Gespräch kommen, das seien die Nahziele, sagt Stefanie Springer. Sie ist Projektmanagerin der Baden-Württemberg eigenen „Innovationsagentur“ MFG, die zusammen mit dem von SAP-Gründer Klaus Tschira geförderten European Media Lab das Treffen organisiert. Die Veranstalter kommen für den Großteil der Kosten auf, die Referenten zahlen für die Vorstellung, den Stand und für das Abendessen nichts. Die Idee des „Investoren-Speed-Dating“ stammt aus Amerika, die MFG veranstaltet diese Kontaktbörse seit 2005 in Deutschland. 325 Gründer hätten seither ihr Geschäft vorgestellt, sagt Springer, bei immerhin 10 Prozent habe sich das auch in konkreten Kooperationen oder Verträgen niedergeschlagen. Unternehmen und Wissenschaftler stellen das Gros der Teilnehmer. Immerhin ein Dutzend „sehr geldnahe Teilnehmer“ seien diesmal dabei, sagt Springer, darunter die größten Risikokapitalfonds in Deutschland.
In zwei Räumen und im Achtminutentakt geht es munter weiter; die Gründer sind so unterschiedlich wie ihre Geschäftsmodelle. Der nächste Kandidat, Peter Voith von Transsolar, ist via Internetbildtelefon aus New York zugeschaltet - die Vulkanasche habe die Anreise verhindert, sagt Springer. Kein Problem für das Innovationsforum. Und so fährt die Präsentation nach einem kurzen Kamerablick in Voiths Apartment problemlos hoch. Voith sucht Kooperationspartner für seine Idee eines energieeffizent automatisch gesteuerten Fensters.
Fast wie beim Eurovision Song Contest
Er fühle sich ein bisschen wie beim Eurovision Song Contest, sagt der Moderator nach dem Vortrag, und dann schaltet er auch schon nach London zu Christiane Schütze. Die Internetkamera gibt den Blick frei auf einen großen Terminplaner, aber der Eindruck eines Baustellenbüros täuscht. Auch die Idee der jungen Frau aus Deutschland passt zum Tagesmotto: „Cleantech und Green IT“. Sie sucht Investoren für eine Warmwasseraufbereitung mit Hilfe von Sonnenkollektoren, speziell für die wachsende Zahl von Kleinhaushalten. 150.000 Euro für den Prototyp, weitere 150.000 Euro für die Markteinführung wünscht sie sich von Investoren, auch Forschungspartner und Beratung seien interessant.
Die Finanzierung von sehr jungen Unternehmen oder Unternehmen in Gründung ist in Deutschland traditionell schwierig. Die wenigen potenten Fonds können sich vor Anfragen kaum retten. Wolfgang Seibold, Partner des Frühphasen-Financiers Earlybird, sagte am Rande der Veranstaltung, sein Haus bekomme jedes Jahr fast 1500 Exposés auf den Tisch. Dennoch ist er nach Heidelberg gekommen, die Foren seien sehr nützlich, auch wenn es am Ende die Suche nach der Nadel im Heuhaufen sei. Die Münchner Gesellschaft verwaltet als einer der größten Risikokapitalgeber in Deutschland etwa 400 Millionen Euro, der Großteil davon sei investiert, sagt Seibold und verweist auf rund 30 „aktive“ Beteiligungen. Eine typische Einstiegsinvestition liege bei 1,5 Millionen Euro, in späteren Finanzierungsrunden könne sie um 5 bis 10 Millionen wachsen. Earlybird strebe immer einen signifikanten Minderheitsanteil an und begleite die Kandidaten eng. Er suche nach neuen Technologien und Services, die sich schnell skalieren ließen und in absehbarer Zeit an den Markt gebracht werden könnten, sagt er. Wichtig sei schon beim Einstieg, über mögliche Ausstiegsszenarien nachzudenken.
Den bislang dicksten Fisch hatte Earlybird mit dem Internet-Hypothekenvermittler Interhyp an der Angel. Die Münchner finanzierten den Aufbau mit und brachten das Unternehmen an die Börse - heute gehört es zur niederländischen Bankengruppe ING. Nur mit solchen Geschäften verdienen die Investoren richtig Geld. Gelingt kein lukrativer Exit oder entwickelt sich das Unternehmen nicht wie gewünscht, erhält der Fonds zwar Verwaltungsgebühren, mehr aber auch nicht. Um Fehlschläge zu verkraften, die es gerade in der Frühphase von Unternehmen immer wieder gibt, brauchen Investoren wie Seibold lukrative Unternehmensperlen im Portfolio - andernfalls trägt dieses Geschäftsmodell nicht. Ob er in Heidelberg schon eine solche Perle gefunden hat? „Nein, noch nicht.“ Aber die Veranstaltung sei schließlich noch nicht zu Ende, sagt er und eilt zum nächsten Vortrag.
Bernd Freytag Jahrgang 1967, Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.
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