01.09.2008 · Experten bezweifeln, ob es der Commerzbank gelingt, die Vormachtstellung der Sparkassen und Genossenschaftsbanken ernsthaft anzugreifen. Doch genau auf Kundennähe setzt der neue Riese.
Lange Zeit haben Deutschlands Großbanken Privatkunden nur stiefmütterlich behandelt, doch in der Finanzkrise kommt der Kleinsparer zu neuen Ehren. Auch die Commerzbank zielt bei ihrer Ehe mit der traditionsreichen Dresdner Bank auf eine Stärkung ihrer Marktposition im umkämpften Privatkundengeschäft, denn gerade in den unsicheren Zeiten am Kapitalmarkt bietet dieses Segment Stabilität, weiß man in der Frankfurter Konzernzentrale.
Experten allerdings bezweifeln, ob es Deutschlands zweitgrößter Bank gelingt, die Vormachtstellung der Sparkassen und Genossenschaftsbanken ernsthaft anzugreifen. „Die Marktdurchdringung der Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken wird sie auch auf mittlere Sicht nicht haben“, sagt der Bankenexperte Hans-Peter Burghof von der Universität Hohenheim.
11 gegen 50 Millionen Privatkunden
Unter den Geschäftsbanken wird die neue Commerzbank mit ihren rund elf Millionen Privatkunden auf Platz zwei hinter der Postbank mit rund 14,5 Millionen Privatkunden liegen. Commerzbank-Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller hatte noch am Tag vor der Dresdner-Übernahme gesagt, die Postbank sei eine „begehrenswerte Bank“: „Die Postbank hat das größte deutsche Retailnetz und ist aus dieser Perspektive eine besonders interessante Bank, für jeden, der sich in Deutschland betätigen will.“ Doch Müller hatte auch hinzugefügt, bei der Postbank gehe er davon aus, dass das Bonner Institut derzeit nicht mehr zum Verkauf stehe.
Nahezu unüberwindlich scheint für die Commerzbank vor allem der Abstand zu den Sparkassen mit ihren rund 50 Millionen Privatkunden. Die künftig schätzungsweise 8 Prozent Marktanteil des zusammengeschlossenen Geldhauses in dem Segment seien noch immer deutlich zu wenig für den deutschen Markt, heißt es bei Branchenexperten: „Es muss noch immer eine grundlegende Reform des deutschen Bankenmarktes kommen. Das ist jetzt ein Schritt in die richtige Richtung, aber noch lange nicht der große Wurf.“
Eine flächendeckend aktive Privatkunden-Bank täte Deutschland auch aus Sicht Burghofs durchaus gut. Schon seit Jahren gewinnt der Wettbewerb in diesem Markt an Schärfe - auch, weil sich neue Spieler darin tummeln. Die Direktbanken machen den Filialbanken Marktanteile streitig, und die Konkurrenz aus dem Ausland will sich auch ein möglichst großes Stück vom Kuchen sichern. „Die Wettbewerbsintensität hat sich verstärkt, die Banken gehen davon aus, dass sie auch noch weiter zunehmen wird“, sagt Gunnar Lang vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. Beschleunigt werde dieser Trend noch dadurch, dass die Kunden zunehmend auf den Preis schauten und die Bindung an ein Institut als Hausbank nicht mehr so stark ausgeprägt sei.
Ist die Deutsche Bank eine deutsche Bank?
Auch die Deutsche Bank, der vor Jahren noch vorgehalten wurde, kleine Privatkunden zu vernachlässigen, bemüht sich zunehmend wieder um diese Klientel. Mit dem Kauf von Norisbank und Berliner Bank stärkte der Branchenprimus seinen Auftritt in diesem Markt. Konzernchef Josef Ackermann betonte wiederholt, die Deutsche Bank sei eine deutsche Bank und wolle ihre Position im Heimatmarkt ausbauen.
Die Renaissance der Privatkunden habe auch spürbare Auswirkungen auf die Filialen: Zwar sei das Zweigstellen-Netz der Großbanken zwischen 1998 und 2006 kräftig zusammengeschrumpft von 19.055 auf 8879 Filialen, sagt Lang. Zugleich arbeiteten die Banken aber deutlich an einer Auffrischung der Niederlassungen, um die Kunden verstärkt anzusprechen. „Gerade für komplexe und beratungsintensive Produkte ist die Filiale immer noch der Anlaufpunkt“, sagt Lang.
Dass die Commerzbank beim Zusammenschluss mit der Dresdner Bank das gemeinsame Filialnetz deutlich ausdünnen will, sieht Bankenexperte Burghof trotzdem nicht als Problem. Da beide Großbanken teils in unmittelbarer Nachbarschaft Zweigstellen hätten, ergäben sich Überschneidungen, der Service müsse darunter nicht leiden.
„Nicht nur Gold für den Kunden“
„Eine Bankenfusion bedeutet nicht nur Gold für den Kunden“, sagt dagegen Frank-Christian Pauli, Bankenexperte vom Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv). Nach der Übernahme der Dresdner Bank reduziere die Commerzbank die Zahl der gemeinsamen
Filialen. „Jede Filiale bedeutet eine Ausdünnung des Netzes“, sagt Pauli. Der Kritik tritt Commerzbank-Chef Martin Blessing entschieden entgegen. „Wir legen nur dort Filialen zusammen, wo sie sich in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander befinden.“ Dem Kunden entstünden dadurch keinerlei Nachteile. Im Gegenteil: Commerzbank-Kunden wurden bisher in 820 Filialen bedient, Dresdner-Kunden in 720 Geschäftsstellen. Nach dem Zusammenschluss können die Kunden ihre Bankgeschäfte in 1200 Zweigstellen erledigen.
Dennoch könnten nach Einschätzung von vzbv-Experte Pauli für die Commerzbank bei der Zusammenführung der Geldanlagen der Kunden beider Institute ein praktisches Problem entstehen: Beide Geldhäuser bieten ähnliche Finanzprodukte mit Konditionen an, die sich aber im Detail unterscheiden. Um künftig den Verwaltungsaufwand für die Finanzprodukte zu verringern, sei aber abzusehen, dass die Commerzbank die Produkte vereinheitlichen wird. Diese müssten dann aufeinander abgestimmt werden. Gegebenenfalls kämen Vertragsänderungen auf die Kunden zu.
Für ein anderes praktisches Problem scheint schon eine Lösung gefunden zu sein: Nachdem Zusammenschluss beider Institute sollen die Kunden der Banken ihrer bisherigen Kontonummern und Bankleitzahlen auch künftig behalten können, kündigte Commerzbank-Chef Blessing an. Trotz des schon bisher gezeigten Bemühens um die Kunden im Zuge des Zusammenschlusses rät Bankenexperte Wolfgang Gerke der Commerzbank auch weiterhin, äußerst behutsam vorzugehen. Zwar hätten die deutschen Bankkunden „ein relativ hohes Beharrungsvermögen“. Dennoch sei es gefährlich, wenn ein Kunde sich ärgere - etwa wegen Pannen in der Beratung, Verwaltung oder Technik. „Dann geht er und kommt nicht wieder“, sagt Gerke.
Welche Renaissance der Privatkunden?
Melita Zimmermann (melitaz)
- 01.09.2008, 19:41 Uhr
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