12.01.2009 · Auf der Automesse in Detroit möchte der krisengeschüttelte Autokonzern General Motors von seiner Existenzkrise ablenken: Man zeigt neue, umweltfreundlichere Autos. Vorstandschef Rick Wagoner gibt freilich auch zu, dass GM womöglich noch mehr Kredite vom Staat braucht.
Von Roland LindnerWenige Tage nach Erhalt eines staatlichen Milliardenkredits versucht der amerikanische Autokonzern General Motors auf der Messe in Detroit verzweifelt seine Zukunftsfähigkeit zu demonstrieren. Wie nie zuvor rückt General Motors Elektroautos und andere Benzinsparmodelle in den Vordergrund. Gleichzeitig gibt Konzernchef Rick Wagoner aber zu, dass weitere Staatshilfen nötig werden könnten. Zudem kommt der angestoßene Radikalumbau des Unternehmens offenbar doch nicht so schnell voran wie erhofft. Nach Angaben von Wagoner stellt sich die geplante Straffung des Portfolios mit dem angekündigten Verkauf von Marken wie Saab und Hummer als „komplexer Prozess“ heraus.
Der noch immer größte Autokonzern der Welt hat sich kurz vor Weihnachten vom scheidenden Präsidenten George W. Bush die Zusage für einen Kredit in Höhe von 13,4 Milliarden Dollar gesichert. Damit hat sich Wagoner fürs Erste eine Atempause verschafft, stand General Motors doch wegen einer rapide schrumpfenden Liquiditätsdecke kurz vor der Insolvenz. Die erste Tranche von 4 Milliarden Dollar ist bereits ausgezahlt, der restliche Betrag soll bis zum Februar folgen. An den Kredit ist die Bedingung geknüpft, dass General Motors bis zum 31. März ein umfassendes Sanierungskonzept vorlegt.
Die Regierung fordert einen Plan, mit dem General Motors seine Schulden um zwei Drittel drücken kann und mit dem das Lohn- und Gehaltsniveau konkurrenzfähig mit den amerikanischen Niederlassungen ausländischer Wettbewerber wird. Dazu muss General Motors Zugeständnisse bei der Autogewerkschaft UAW herausholen. Der Plan soll auch festlegen, was mit den Konzernmarken von General Motors passiert. Konzernchef Wagoner hat bereits im Dezember angekündigt, das breite Programm von acht Marken in Amerika deutlich zu reduzieren: So stehen Saab, Hummer und Saturn zur Disposition, und Pontiac soll auf eine Nischenmarke reduziert werden. Damit würden Chevrolet, Cadillac, Buick und GMC als Kernmarken verbleiben.
Weitere Hilfen im April nötig?
Wagoner stellte die Markenbereinigung als das schwierigste Element des Sanierungsplans dar: „Es ist vielleicht ein bisschen ehrgeizig, hier bis zum 31. März konkrete Lösungen zu finden“, sagte er auf der Messe. Offenbar stehen die Kaufinteressenten nicht Schlange. Nach Darstellung von Carl-Peter Forster, dem Chef von GM Europe, gibt es im Fall der schwedischen Marke Saab einen Kandidaten. Er nannte keinen Namen, sagte nur: „Es hat sich ein Interessent bei uns gemeldet, und wir haben Verhandlungen geführt. Die Gespräche gibt es noch.“ Mit Blick auf die Verhandlungen mit der Gewerkschaft UAW zeigt sich Wagoner optimistischer, im Zeitplan zu bleiben. Allerdings wird auch dies nicht einfach werden: Die UAW hat die von der Regierung gestellten Bedingungen als unfair bezeichnet und Widerstand angekündigt.
Die Finanzspritze der Regierung wird womöglich nicht das letzte staatliche Hilfspaket für General Motors bleiben. „Wir sind jetzt bis Ende März auf der sicheren Seite, und danach wird zu sehen sein, ob wir weitere Hilfe brauchen“, sagte Wagoner. Den bevorstehenden Regierungswechsel in Washington mit dem neuen Präsidenten Barack Obama sieht Wagoner positiv: „Die kommende Regierung hat bereits deutlich gemacht, dass sie ein Interesse an unserer Industrie hat.“ Ein Vorteil könne es sein, dass die Autogewerkschaft der Demokratischen Partei nahesteht, aus der Obama kommt. Wagoner wies darauf hin, dass die Autoindustrie sich auch beim letzten demokratischen Präsidenten Bill Clinton in den neunziger Jahren Gehör verschaffte.
Ein Elektroauto namens Volt
Auf der Messe in Detroit versucht General Motors, mit umweltfreundlichen Fahrzeugen von der Misere abzulenken. Der Autohersteller meldete Fortschritte bei dem größten Hoffnungsträger, dem Elektroauto Chevrolet Volt, und stellte einen Prototypen eines Elektroautos für die Premiummarke Cadillac vor. Wagoner sagte, der Volt sei auf gutem Weg, wie geplant Ende 2010 auf den Markt zu kommen. Der Cadillac Converj basiert auf der gleichen Technologie wie der Volt, zum Datum einer möglichen Markteinführung wollte General Motors aber noch nichts sagen. Daneben stellte General Motors auch den Kleinwagen Chevrolet Spark vor, der im ersten Quartal 2010 zunächst in Europa auf den Markt kommen soll und 2011 in Amerika.
In Europa macht General Motors weitere Fortschritte bei der Kostensenkung: Hans Demant, der Chef der deutschen Tochtergesellschaft Opel, gab auf der Messe bekannt, dass GM Europe Ende vergangener Woche mit den Arbeitnehmervertretern auf europäischer Ebene eine Rahmenvereinbarung zur Flexibilisierung der Arbeitszeit geschlossen hat. Das Abkommen sehe unter anderem Kurzarbeit und Arbeitszeitreduzierung bei teilweisem Lohnausgleich vor. Im Gegenzug verspricht GM Europe, auf betriebsbedingte Kündigungen und Werksschließungen zu verzichten. Zum Zeitrahmen wurde nichts gesagt. Die Vereinbarung soll Opel ein Stück weit näher zu dem angepeilten Ziel bringen, die Personalkosten um 10 Prozent zu senken.
Katastrophale Verkaufszahlen bei Opel
Mit Blick auf die von Opel erhoffte Staatsbürgschaft sagte Demant, er hoffe nach einer „feiertagsbedingten Pause“ auf eine Entscheidung der Bundesregierung im ersten Quartal. Opel hat im vergangenen November eine Bürgschaft von 1,8 Milliarden Euro beantragt. Diese könnte nach Ansicht von Bundeskanzlerin Angela Merkel aus einem „Deutschlandfonds“ im Rahmen des zweiten Konjunkturpakets der Bundesregierung kommen.
Carl-Peter Forster gab zu, dass die Schlagzeilen um die Bürgschaft vor allem im November zu katastrophalen Verkaufszahlen bei Opel geführt hätten. Im Dezember habe sich das Geschäft wieder etwas erholt. Insgesamt musste Opel im vergangenen Jahr aber einen Absatzrückgang um 10 Prozent hinnehmen und schnitt damit schlechter ab als der Gesamtmarkt. Forster sprach von einer „gemischten Veranstaltung“ bei Opel: Die neue Mittelklassereihe Insignia sei gut angelaufen, dagegen habe das am Ende ihres Lebenszyklus stehende Kompaktmodell Astra Schwächen gezeigt.
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