17.05.2010 · Nach dem demütigenden Jahr 2009 gibt die amerikanische Autoindustrie wieder Lebenszeichen von sich: GM schreibt wieder schwarze Zahlen. Und nach der Pannenserie von Toyota sagen viele Amerikaner in Umfragen, einheimische Marken seien besser als asiatische.
Von Roland Lindner, New YorkWenn es nach Ed Whitacre geht, hat beim amerikanischen Autokonzern General Motors (GM) eine neue Zeitrechnung begonnen. Der Vorstandsvorsitzende trat jüngst in einem Werbespot des Unternehmens auf und tat so, als sei der Kollaps im vergangenen Jahr nur ein böser Traum gewesen. Stolz erzählte er, GM habe seinen Staatskredit voll abbezahlt, mit Zinsen und fünf Jahre früher als geplant. Der Zuschauer mochte sich wundern: Ist der Konzern so kurz nach der Insolvenz schon wieder bei Kräften?
An diesem Montag lieferte GM ein Indiz für den Aufwärtstrend: Das Unternehmen, das zuletzt 2004 ein positives Jahresergebnis auswies, meldete einen Quartalsgewinn (siehe General Motors schreibt wieder Gewinne).
Damit setzte GM eine Serie guter Nachrichten aus der amerikanischen Autoindustrie fort. Wettbewerber Chrysler, der ebenso wie GM eine Insolvenz erlebt hat, schaffte zumindest im betrieblichen Geschäft ein positives Ergebnis. Sergio Marchionne, Chef des italienischen Fiat-Konzerns und nun auch Herr im Haus bei Chrysler, tönte, er werde die bisherigen Prognosen für 2010 pulverisieren. Im Eilschritt voran kommt Ford, der Ausnahmefall der amerikanischen Autoindustrie, der eine Insolvenz vermied und in einem noch immer nicht einfachen Umfeld stattliche Gewinne ausweist.
Der Toyota-Effekt
Nach dem demütigenden Jahr 2009 gibt die amerikanische Autoindustrie wieder Lebenszeichen von sich. Die einstigen „großen drei“ stehen heute zwar arg gestutzt da, aber dank staatlicher Rettung ist keiner von ihnen untergegangen. Jetzt profitieren sie von einer Belebung des Marktes, und die von der Regierung verordnete Radikalsanierung macht sich bemerkbar. GM und Chrysler konnten im Insolvenzverfahren Altlasten abwerfen und haben nun Kostenstrukturen, die ihnen selbst bei einem Absatzniveau weit unter den Spitzenwerten vor der Wirtschaftskrise Gewinne ermöglichen. GM hat mit seinen vier nach der Insolvenz verbliebenen Kernmarken in Amerika in den ersten Monaten des Jahres stattliche Absatzzuwächse erzielt, der zunächst noch hinterherhinkende Wettbewerber Chrysler hat seine Verkaufszahlen mittlerweile ebenfalls stabilisiert, Ford glänzt ohnehin mit überdurchschnittlichem Wachstum. Auch wenn die Vorgaben aus dem Vorjahr schwach waren, ist das ermutigend.
Das ist nicht allein ein Verdienst der Unternehmen, denen unverhofft der nicht zu unterschätzende Toyota-Effekt zu Hilfe kam. Toyota hat die amerikanischen Autohersteller auf ihrem Heimatmarkt viele Jahre vorgeführt und sich in den Köpfen der Verbraucher als qualitativ überlegene Marke festgesetzt. Die jüngste Pannenserie hat den Ruf aber schwer erschüttert, und das hinterlässt Spuren: Toyota muss hohe Rabatte geben, und auf einmal sagen Amerikaner in Umfragen, einheimische Marken seien besser als asiatische. Das wäre bis vor kurzem undenkbar gewesen.
GM will weiterhin Staatshilfen für Opel
Die positiven Signale von GM und Chrysler sind indessen bestenfalls Vorboten einer Erholung. Whitacres Werbeauftritt etwa ist irreführend. Er vermittelt den Eindruck, GM sei weg vom Staatstropf, aber in Wahrheit ist das Unternehmen weiter fest im Griff der Regierung. Nur ein kleiner Teil des 50-Milliarden-Dollar-Kredits waren tatsächliche Schulden, die nun beglichen wurden. Der größte Brocken wurde in eine Mehrheitsbeteiligung umgewandelt, und dieses Geld kann sich die Regierung erst nach dem Börsengang zurückholen. Und selbst dann wird es wohl keine vollständige Wiedergutmachung für den Steuerzahler geben: Die Regierung erwartet, dass von den 85 Milliarden Dollar, die sie insgesamt in die Autoindustrie gesteckt hat, 34 Milliarden Dollar verloren sind. Die Rückzahlung der GM-Kredite ist zudem in hohem Maße Kosmetik, denn das Unternehmen bediente sich hierzu aus dem Restbestand an Regierungsgeldern. Die gute Nachricht besteht lediglich darin, dass GM sich stabil genug fühlt, um mit einem kleineren staatlichen Auffangpolster auszukommen. Aus europäischer Sicht wirkt das laut hinausposaunte Manöver reichlich unverfroren; schließlich dringt GM hier für Opel weiter auf Staatshilfen.
Die Insolvenzen haben GM und Chrysler ohne Zweifel gutgetan. Anders als vorher ist den Unternehmen heute nicht mehr vorzuwerfen, sie würden den Ernst der Lage verkennen. Whitacre und Marchionne sind entschlossene Aufräumer. Bei GM ist eine geradezu hektische Betriebsamkeit ausgebrochen, die sich etwa in ständigen Managementwechseln äußert. Ob dies mehr ist als Aktionismus, muss sich noch zeigen. Viel wird auch davon abhängen, ob die Unternehmen ihre Produktpaletten mit zugkräftigen neuen Modellen auffrischen können. Gerade Chrysler hat hier noch eine Durststrecke vor sich, bis die Allianz mit Fiat Früchte trägt.
Die verbesserte Finanzlage von GM und Chrysler ist zunächst einmal nicht mehr als ein Achtungserfolg, der von den Unternehmen auch erwartet werden muss. Schließlich sind sie nach den Insolvenzen in mancher Hinsicht in einer besseren Ausgangslage als etwa der Wettbewerber Ford, der unter einer hohen Schuldenlast ächzt. Aber während Ford die Krise abgehakt zu haben scheint und klar profitabel ist, sind GM und Chrysler noch längst nicht aus dem Schneider.
Die Insolvenzen haben General Motors und Chrysler ohne Zweifel
gutgetan.
GM will immernoch Geld für Opel?
Erik Staack (E_Staack)
- 18.05.2010, 00:57 Uhr
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