02.06.2009 · General Motors gehörte im vergangenen Jahrhundert zu den Glanzadressen der amerikanischen Wirtschaft. Das Insolvenzverfahren ist nun der traurige Tiefpunkt der Dauerkrise in der jüngeren Vergangenheit.
Von Roland LindnerEs war ein schlechtes Omen: Die Feier zum hundertjährigen Bestehen von General Motors (GM) im vergangenen September begann nur wenige Stunden nach dem Insolvenzantrag der Investmentbank Lehman Brothers. Der Autokonzern aus Detroit versuchte verzweifelt, Aufbruchstimmung für den Start in sein zweites Jahrhundert zu verbreiten. Aber es wollte nicht so recht gelingen, denn um GM herum kollabierten die Finanzmärkte. Schon wenige Wochen nach dem Jubiläum fand sich der Autohersteller in einem Kampf ums Überleben wieder und rutschte in eine akute Liquiditätskrise.
Die amerikanische Regierung hat das Unternehmen zunächst noch mit milliardenschweren Finanzspritzen am Leben erhalten, die aber schnell aufgebraucht waren. Trotz verzweifelter Sanierungsbemühungen konnte GM die Insolvenz am Ende nicht vermeiden und erleidet nun das gleiche Schicksal wie Lehman Brothers. Es ist eine traurige Wendung für ein Unternehmen, das einst zu den Vorzeigeadressen der amerikanischen Wirtschaft gehörte und den dortigen Automarkt klar dominierte. Aber seit mehreren Jahrzehnten erlebt GM einen schleichenden Bedeutungsverlust, und in den vergangenen Jahren ist die Krise zum Dauerzustand geworden.
Die Gründerjahre: Eine Zeit mit Höhen und Tiefen
GM wurde im Jahr 1908 vom ehemaligen Kutschenbauer William Durant gegründet, und schon die Gründerjahre waren eine turbulente Zeit mit vielen Höhen und Tiefen. Durant hatte von Anfang an das Ziel, einen breit aufgestellten Autohersteller mit vielen Marken zu schaffen. Er begann mit Buick, kaufte aber schnell weitere Marken wie Cadillac, Oldsmobile und Oakland (später Pontiac) zu. Damit übernahm er sich aber völlig: GM häufte gewaltige Schulden auf und war der Insolvenz nahe. Banken mussten das Unternehmen vor dem Kollaps retten und übernahmen die Kontrolle. Durant wurde aus dem Unternehmen gedrängt, gerade einmal zwei Jahre, nachdem er es gegründet hatte. Er startete dann zusammen mit dem Schweizer Rennfahrer Louis Chevrolet die Marke Chevrolet. Im Jahr 1915 feierte er ein Comeback bei GM und brachte die Marke Chevrolet mit ein. Einige Jahre später geriet GM aber wieder in Schwierigkeiten, und Durant wurde 1920 abermals aus dem Unternehmen gedrängt.
Im Jahr 1923 begann die Ära des Vorstandsvorsitzenden Alfred Sloan, der GM in seinen mehr als dreißig Jahren an der Spitze geprägt hat wie kein anderer. Sloan blies zum Angriff auf den damaligen Marktführer Ford: Während Ford sich auf die Massenproduktion des schlichten „Model T“ konzentrierte, setzte Sloan auf eine Mehrmarkenstrategie. Er wollte den Amerikanern „ein Auto für jeden Geldbeutel und jeden Zweck“ anbieten und grenzte die Marken von GM klar voneinander ab, von der Einsteigermarke Chevrolet bis zu den Cadillacs für den gehobenen Anspruch. Er wollte mehr als die schwarzen Einheitsautos im Programm haben, wie es sie damals bei Ford gab, und brachte stattdessen Modelle mit verschiedenen Farben und Ausstattungen. Sloan trieb auch häufige Modellwechsel der Autos voran und schaffte damit zusätzliche Kaufanreize. Die Strategie ging auf, auch deshalb, weil Sloan schon früh eine Finanzsparte gründete und Verbrauchern beim Autokauf Kredit gab. Ford dagegen lehnte es lange Zeit ab, Autos auf Pump kaufen zu lassen.
In den siebziger Jahren begann das Denkmal zu bröckeln
Ende der zwanziger Jahre zog GM an Ford vorbei und wurde zum größten Autohersteller der Welt. Sloan forcierte gleichzeitig auch die Expansion im Ausland, im Jahr 1929 kaufte er die Mehrheit an Opel. In der Folgezeit setzte GM seinen Aufstieg unbeirrt fort: In den fünfziger Jahren verkaufte der Konzern mehr als die Hälfte aller Autos in Amerika, und die Regierung beschäftigte sich sogar mit der Frage, ob das Unternehmen angesichts seiner beherrschenden Stellung zerschlagen werden sollte.
In den siebziger Jahren begann das Denkmal GM aber zu bröckeln. Die Ölkrisen erschütterten den Automarkt und ermöglichten den Aufstieg japanischer Marken, die sich mit kleineren Fahrzeugen in Amerika etablierten. GM verlor Marktanteile und sah sich in den achtziger Jahren im Zuge härterer Konkurrenz zu schmerzhaften Restrukturierungen mit der Entlassung Zehntausender Mitarbeiter gezwungen. Das Unternehmen fiel außerdem mit gehäuften Qualitätsproblemen seiner Autos bei den Verbrauchern in Ungnade. Der damalige Vorstandschef Roger Smith flüchtete sich in eine Diversifikationsstrategie, er kaufte den Rüstungskonzern Hughes und den Computerdienstleister EDS. Die Unternehmen wurden später wieder verkauft. Smith wurde einer breiteren Öffentlichkeit in einer wenig schmeichelhaften Dokumentation des Filmemachers Michael Moore aus dem Jahr 1989 mit dem Namen „Roger&Me“ bekannt. Der Film zeigt, wie Personalabbau bei GM die Stadt Flint, ein paar Stunden nördlich von Detroit, veröden hat lassen.
1992: Die legendäre „Palastrevolution“
Zu Beginn der neunziger Jahre machte GM abermals eine schwere Schieflage durch. Im Jahr 1992 kam es zur legendären „Palastrevolution“, als der damalige Vorstandschef Robert Stempel gestürzt und mit Jack Smith ersetzt wurde. Damals machte auch der spätere Vorstandsvorsitzende Rick Wagoner einen entscheidenden Karrieresprung und wurde Finanzvorstand. GM hat sich nach diesem Umsturz recht schnell wieder erholt und machte im Rest der neunziger Jahre glänzende Geschäfte mit großen Geländewagen und Transportern (Pick-Ups).
In diesem Jahrzehnt hat sich mit Wagoner an der Spitze der Niedergang von GM beschleunigt. Wagoner baute zwar mit Erfolg das Geschäft in einigen Auslandsmärkten von GM aus, zum Beispiel in Märkten wie China. Dafür gab es in anderen Regionen gewaltige Schwierigkeiten. Das Europa-Geschäft erlebte im Jahr 2004 eine schwere Krise. GM sah sich zu einem harten Sanierungspaket gezwungen und baute fast 12 000 Stellen ab. Besonders betroffen war davon die Stammniederlassung der deutschen Tochtergesellschaft Opel in Rüsselsheim.
Die japanischen Wettbewerber machten GM zu schaffen
Kaum hatte GM in Europa sein Sparprogramm hinter sich gebracht, geriet der Konzern auf seinem amerikanischen Heimatmarkt in eine schwere Schieflage, von der er sich bis heute nicht erholen sollte. Im Jahr 2005 begann eine lange Verlustserie: Damals ging es dem Automarkt in den Vereinigten Staaten insgesamt noch glänzend, aber GM büßte zunehmend Marktanteile ein. Vor allem japanische Wettbewerber wie Toyota oder Honda machten den Amerikanern immer mehr zu schaffen. Die Modellpalette von GM zielte am Markt vorbei. Insbesondere die Geländewagen und Pick-Ups, mit denen GM die größten Gewinne machte, verloren an Popularität, und bei Personenwagen hatten die Japaner die attraktiveren Modelle.
GM litt außerdem unter Kostennachteilen aus den Tarifverträgen mit den Gewerkschaften, die das Niveau von Löhnen und Sozialleistungen hoch hielten. In den vergangenen vier Jahren hat GM Verluste von insgesamt 82 Milliarden Dollar ausgewiesen. Rick Wagoner hat ein Sanierungsprogramm nach dem anderen gestartet, dabei trennte sich das Unternehmen von Zehntausenden von Mitarbeitern und hat etliche Werke geschlossen. Ende 2008 hatte GM noch 92.000 Mitarbeiter in Amerika. Im Jahr 2000 waren es noch 195.000.
Die Bemühungen, ein Insolvenzverfahren zu vermeiden, fruchteten nicht
Der amerikanischen Regierung war die Restrukturierung aber noch immer zu zaghaft. Ende März hat Präsident Barack Obama Rick Wagoner gestürzt und mit Fritz Henderson ersetzt, der sich vor einigen Jahren schon im Europa-Geschäft als Sanierer bewährt hat. Henderson hat sich seit seinem Antritt verzweifelt bemüht, ein Insolvenzverfahren noch zu vermeiden. Er hat weitere Einschnitte angekündigt und kam auch bei den Verhandlungen mit Gewerkschaften und Gläubigern über Zugeständnisse voran. Trotzdem hat es Henderson in seiner kurzen Amtszeit nicht mehr geschafft, die Regierung noch von der Sanierungsfähigkeit von GM außerhalb einer Insolvenz zu überzeugen.
Im einhundertundersten Jahr seines Bestehens muss das einst so stolze Unternehmen den Gang zum Insolvenzrichter antreten. Das wird aller Voraussicht nicht das Ende der Geschichte von GM sein, denn der Konzern hofft auf eine Sanierung unter dem Schutz des Insolvenzverfahrens. Auf jeden Fall aber dürfte GM als dramatisch geschrumpftes Unternehmen aus diesem Prozess hervorgehen.
Größenwahn kommt vor dem Fall
Paul Rabe (heidelpaul)
- 02.06.2009, 11:52 Uhr
GM - in zwanzig Jahren erinnert sich niemand mehr an das Unternehmen
Joachim Mense (JMense)
- 02.06.2009, 13:16 Uhr
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