08.02.2012 · Gemeinschaftsunternehmen sind nicht selten zum Scheitern verurteilt. Das zeigt nicht zuletzt der Kahlschlag bei Nokia Siemens Networks. Doch es gibt auch positive Beispiele.
Von Rüdiger Köhn, MünchenPartnerschaften funktionieren, wenn sich die Partner verstehen. Probleme treten auf, wenn ganz unterschiedliche Beweggründe zur Partnerschaft führen. Beispiel Nokia Siemens Network (NSN): Deutsche und Finnen verfolgten andere Ziele, als sie 2007 ihre Netzwerksparten zusammenlegten. Siemens wollte aus dem Geschäft aussteigen, Nokia wollte es stärken. Das Resultat ist nun ein Stellenabbau von mehr als 2900 Arbeitsplätzen in Deutschland.
Nicht selten scheitern Gemeinschaftsunternehmen (Joint Ventures). Die Fehlerliste ist lang: ein fehlbesetztes und nach Proporz aufgestelltes Management; Verteidigen von Positionen der Partner; zögerliches Handeln; mangelnde Durchschlagskraft; mit verdeckten Karten spielen; unterschiedliche Unternehmenskulturen, die Argwohn schüren.
NSN ist seit Gründung nie profitabel gewesen; ein Déjà-vu für Siemens. Das Joint-Venture Fujitsu Siemens Computer (FSC) ist ebenso fehlgeschlagen. Die 1999 gegründete Kooperation hat partout nicht klappen wollen. Fast systematisch mutete der jahrelange Ruin einer einstigen europäischen Marktführerschaft im Computergeschäft an. Die Trennung im April 2009 und die Komplettübernahme durch die Japaner war ein Heil für das Geschäft, dass sich seitdem sichtlich erholt; eine Option, die sich angesichts der schweren Krise für die Partner von NSN zunehmend ausschließt - wie ein Verkauf oder ein Börsengang. Es gibt nicht wenige Beobachter, die von einem Überlebenskampf sprechen.
Siemens mag ein markantes Beispiel sein. Fehlschläge haben auch andere erlitten. Die im Jahr 2001 von Sony und Ericsson gegründete Kooperation in der Handy-Produktion fand im Herbst vergangenen Jahres ein Ende. Die Japaner haben den Anteil der Schweden gekauft. Nach langer Zeit reifte schließlich die Erkenntnis, dass es so mit Sony Ericsson nicht weitergehen konnte. Von Apple und Samsung in die Zange genommen, schrumpfte der Weltmarktanteil von 9 Prozent (2007) auf zuletzt 1,7 Prozent zur irrelevanten Größe. Beherzt hat Sony auch mit Milliardenbeträgen den Medienkonzern Bertelsmann aus dem Musik-Joint-Venture Sony BMG im Herbst 2008 herausgekauft, um den Bedeutungsverlust in einem hartumkämpften Markt zu stoppen. Es scheint kein Zufall, dass alle Beispiele paritätische Kooperationen mit je 50 Prozent Anteil sind oder waren.
Die Motivationen für strategische Allianzen sind zahlreich. Für Siemens ist es nicht selten die Absicht gewesen, den Einstieg in den Ausstieg vorzubereiten, was bei FSC länger als erwartet dauerte und bei NSN nicht klappen will. Die Bündelung von Aktivitäten kann angesichts erzielter Mengeneffekte die Kosten- und somit auch die Wettbewerbsposition verbessern. Richtig positioniert, erhöht sich die Schlagkraft gegenüber der Konkurrenz. Neben sich ergänzenden Expertisen, technischem Wissen und Patenten ist ein Gemeinschaftsunternehmen auch ein probates Mittel, um hohe Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie in Sachanlagen zu teilen, damit die Risiken für den Einzelnen schrumpfen.
Schließlich verhilft eine enge Zusammenarbeit zum Zugang zu neuen Kunden und Märkten, weshalb sich Joint Ventures in Asien sehr oft finden. Legendär ist die Anfang der neunziger Jahre zwischen VW und FAW vereinbarte Kooperation, die China mittlerweile zum wichtigsten Absatzmarkt für den Autokonzern gemacht hat. Ohne Gemeinschaftsunternehmen ist in China wie in anderen asiatischen Ländern für ausländische Unternehmen kaum Fuß zu fassen. Das ist der Grund, warum Versicherer wie Allianz und Ergo etwa in Indien Partnerschaften eingehen. Lokale Partner erhalten Zugang zu wichtigem Wissen, die Deutschen nehmen so protektionistische Hürden. Einfach ist das nicht immer. Der Krankenversicherer der Ergo, die DKV, hat 2011 einen neuen Partner gefunden, nachdem der erste vor zwei Jahren abhandengekommen war.
Wenig Fortune hat die Lufthansa mit ihrem um die Existenz ringenden Luftfracht-Joint-Venture Jade Cargo mit der chinesischen Shenzen Airline, an der die Deutschen 25 Prozent halten. Noch immer ist offen, ob sie weiteres Geld in das 2004 gegründete Projekt einbringen werden. Eher recht als schlecht schlagen sich Deutsche Telekom und France Télécom mit ihrem Mobilfunk-Gemeinschaftsprojekt „Everything Everywhere“ in Großbritannien. Allein zu klein, schafften sie es mit dem Zusammenschluss von T Mobile UK und Orange UK zur Nummer eins auf dem britischen Markt. So können sie, lauten Gerüchte, besser verkauft oder an die Börse gebracht werden. Immerhin aber ist die Kooperation Basis für eine weitere europäische Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Franzosen geworden: Sie haben einen Teil des Einkaufs etwa für Endgeräte gebündelt, um jährlich 1,3 Milliarden Euro zu sparen.
Es gibt also positive Beispiele. Die können auch an den Aktivitäten von Bosch festgemacht werden. Der Stuttgarter Autozulieferer hat mit ZF Friedrichshafen die ZF Lenksysteme gegründet, die Elektrolenkungen fertigt - und das schon lange und erfolgreich. Das 50/50-Gemeinschaftsunternehmen arbeitet relativ unabhängig von seinen Anteilseignern. Im Aufbau ist das Pari-Joint-Venture zwischen Bosch und Mahle, das Turbolader herstellen soll und in die Produktion investiert. Risikominimierend sind so die Partner in neue Technologien eingestiegen. Vor der Probe steht die Mitte 2011 vereinbarte Allianz zwischen Daimler und Bosch zur Entwicklung und Produktion von Elektromotoren; eine ungewöhnliche Kooperation zwischen einem Autohersteller und seinem Zulieferer. Hier wird Expertise gebündelt. Bosch muss als Partner etwas so Besonderes sein, dass es selbst mit Siemens harmonisch zugehen kann.
Seit 1967 gibt es die Bosch Siemens Hausgeräte (BSH). Sie ist ebenfalls ein Pari-Joint-Venture, das bestens funktioniert. Es arbeitet sehr eigenständig und schüttet meist gute Dividenden an die Eigentümer aus. BSH ist die Erfolgsgeschichte für ein vorbildlich geführtes Gemeinschaftsunternehmen. Der europäische Marktführer für Weiße Ware (Waschmaschinen, Trockner, Geschirrspüler) ist eine Perle. Und die müsste Siemens als konsumnahe Aktivität nun eigentlich abgeben. Es passt nämlich nicht mehr zur industriellen Ausrichtung des Elektrokonzerns. Es ist daher denkbar, dass Bosch den Siemens-Anteil einmal übernimmt. Dazu müssen die Münchner den ersten Schritt tun. Das verbessert die Verhandlungsposition der Schwaben.
Medien fokussieren sich immer auf die Negativbeispiele,
Thorsten Haupts (ThorHa)
- 08.02.2012, 16:25 Uhr
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