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Gema-freie Musik Popstars, die keiner kennt

28.09.2008 ·  Ob im Baumarkt, an der Autobahnraststätte oder im Fitnessclub: Die Musik von Sebastian Ritter und Frank Wallmüller läuft fast überall. 585.000 verkaufte Tonträger, das wäre Platin-Status. Doch der Starruhm bleibt aus. Warum nur?

Von Hanno Beck
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Eigentlich sind Sebastian Ritter und Frank Wallmüller echte Popstars: Eines ihrer Stücke wurde 585.000 Mal gepresst und unters Volk gebracht - das reicht nicht nur für eine goldene Schallplatte, das ist sogar fast dreifach Platin-Status. Und in sechs Jahren haben die beiden 34 CDs produziert - das schaffen nicht einmal die Rolling Stones. Und wer schon einmal einen Baumarkt, eine Autobahnraststätte oder einen Fitnessclub besucht hat, hat mit großer Wahrscheinlichkeit den einen oder anderen Titel gehört, den die beiden geschrieben und produziert haben. Dennoch werden Ritter und Wallmüller nicht mit Postern, Interviews und Starschnitten in Musikmagazinen gefeiert, sie füllen nicht die Commerzbank-Arena und sind auch nicht im Radio zu hören.

Der fehlende Starruhm ist vielleicht der einzige Schönheitsfehler an der Geschäftsidee der beiden rheinhessischen Musiker: Sie schreiben, produzieren und verkaufen über ihre Kreakustik-Studios nämlich Gema-freie Musik. Die Gema, das muss man dazu wissen, ist die Rechtepolizei der Musiker: Wann immer und wo immer öffentlich Musik dudelt, wird eine Abgabe an die Gema fällig, die auf diesem Weg das Geld für die Musiker eintreibt, deren Stücke öffentlich gespielt werden.

Gema-freies im Fahrstuhl

Die Gema tritt quasi als Agent der Urheberrechte der Künstler auf: Sie stellt Musiknutzern ein komplettes Repertoire von mehreren Millionen Musiktiteln zur Verfügung und lässt sich die Nutzung dieser Titel bezahlen. Die Einnahmen werden dann nach Deckung der Verwaltungskosten an die bezugsberechtigten Künstler (Komponisten, Musiker, Sänger) oder andere in- und ausländische Verwertungsgesellschaften ausgeschüttet. Was für die Musiker eine wichtige und legitime Sache ist, kann für den einen oder anderen Unternehmer, der seine Geschäftsräume oder Filialen mit Musik beschallen möchte, rasch sehr teuer werden: Je nach Quadratmeterzahl und Anzahl der Filialen kann da rasch eine fünf- bis sechsstellige Summe zusammenkommen.

Hier setzt die Idee der Kreakustik-Studios ein, die Ritter und Wallmüller gegründet haben: Die beiden Musiker bieten ihren Kunden CDs mit Gema-freier Musik an - man kauft eine CD und kann diese ohne weiteren Ärger mit der Gema in seinen Verkaufsräumen abspielen, da die Stücke auf diesen CDs nicht bei der Gema angemeldet sind. Die Kosten von knapp 80 Euro je CD stehen in keinem Verhältnis zur ansonsten fälligen Gema-Rechnung.

Der Markt für ihre Musik ist riesig

Was im ersten Jahr mit einem laut Ritter „mikroskopisch kleinen Rechnungsordner“ anfing, hat sich mittlerweile zu einem einträglichen Geschäft entwickelt: Zu den Kunden der Kreakustik-Studios zählen Tank & Rast, die mehr als 330 Autobahntankstellen mit der Musik der beiden Rheinhessen beschallen, Daimler, Siemens oder die Deutsche Telekom. In Kaufland-Filialen in Polen und Kroatien läuft ihre Musik ebenso wie in litauischen Schuhgeschäften, in Hotels, in einigen McDonald's-Filialen und Fitness-Centern. Auch beim Zappen durch die privaten TV-Kanäle sowie in Flughafen-Lounge-Bereichen der Germanwings und bei Condor hört man die Musik der Kreakustiker. Weitere Einsatzgebiete für die Dienste von Ritter und Wallmüller sind Telefonwarteschleifen oder Anrufbeantworter mit individuellen Ansagen für Unternehmen mit einem großen Außendienstnetz, Image- und Produktfilme oder Produktwerbung - das Stück in der Auflage von 585.000 CDs war ein Promotion-Song für Knorr-Tütensuppen.

Angefangen haben die beiden wie jeder Musiker, nämlich mit der eigenen Band: „Mit den eigenen Bands ins Studio zu gehen war uns zu teuer, also haben wir unsere eigenen Aufnahmegeräte gekauft und selbst aufgenommen“, sagt Wallmüller. Das ist bei vielen Musikern der natürliche Weg zum eigenen Studio: Man fängt an mit Aufnahmen für die eigene Band und entwickelt das dann weiter zum eigenen Studio. Doch im Unterschied zu den zahllosen kleinen Studios, in denen Legionen von Freizeitmusikern an Wochenenden ihre Stücke aufnehmen und die ihren Betreibern ein in der Regel eher kärgliches Auskommen sichern, sind Ritter und Wallmüller dort nicht stehengeblieben: „Zuerst war die Gema-freie Musik nur ein kleiner Teil unseres Angebots, doch dann wuchs das sehr schnell“, erinnert sich Ritter. Heute produzieren die beiden gar keine Bands mehr in ihrem Studio, abgesehen von Ausnahmen wie der neuen Single des Mainzer Popveteranen Jett Alinia.

Das Hoffen auf den großen Hit zwingt in die Gema

Das Geschäft läuft konsequent über das Internet: Die Kunden können auf der Homepage des Studios ihre Musik in verschiedenen Stilrichtungen - Pop, Rock, Lounge, Ambiente, Entspannung - aussuchen, online herunterladen und bezahlen. Im Jahr kommen rund fünf weitere CDs dazu, am aktuellen Musikgeschmack und -stil orientiert. Wahlweise kann man auch für 29 Euro im Monat das komplette Archiv inklusive aller Neuerscheinungen nutzen.

Konkurrenz gibt es noch wenig: Viele Musiker bleiben Mitglied in der Gema, weil sie auf den großen Hit hoffen - dafür braucht man die dann. Und wer Mitglied in der Gema ist, muss jedes Stück, das er komponiert, dort anmelden; man kann also nicht auf den großen Hit hoffen und gleichzeitig Gema-freie Musik anbieten. Möglicherweise ist es auch diese Furcht vor adverser Selektion - gute Musiker bleiben in der Gema, schlechte Musiker bieten Gema-freie Musik an - die es schwermacht, Gema-freie Musik zu verkaufen. „Es ist schwer, die Kunden für diese Idee zu gewinnen, trotz der massiven Ersparnisse, die wir ihnen bieten“, sagt Ritter.

Damit ist auch die nächste Phase in der Entwicklung des sieben Jahre alten Unternehmens vorgezeichnet: den Vertrieb stärken und ausbauen. „Bisher warten wir zu sehr darauf, dass die Kunden uns finden -, das wollen wir ändern“, sagt Ritter. Vor allem das Geschäft mit den Ansagen auf Anrufbeantwortern - für Unternehmen mit vielen Außendienstmitarbeitern oder aber für die Anbieter von Internettelefonie, deren Benutzer einen eigenen Software-Anrufbeantworter haben - wollen sie stärker ausbauen. Auch wenn das nicht viel zum eigenen Starschnitt oder zur gefüllten Commerzbank-Arena beitragen dürfte. Aber schließlich ist Ruhm ja nicht alles im Musikgeschäft.

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