Die sozialwissenschaftliche Charakterforschung zum Wesen des Ingenieurs an sich lässt keinen Zweifel zu: Zahlen, Daten, Fakten. Mehr braucht der Maschinenbauer nicht zu seinem Glück. Geld? Nicht so wichtig. Der Ingenieur ist kein Gehaltsoptimierer. Über Geld redet man nicht, auch wenn man es nicht hat. Rational ist das nicht. „Die Ingenieure dürfen nicht schon wieder den Aufschwung verpassen“, sagt Manuel Theisen.
Bei seinem Arbeitgeber, der Jobbörse Stepstone, kann Theisen derzeit täglich beobachten, wie sehr die Unternehmen um die klügsten Köpfe ringen. Besonders gefragt sind wie eh und je die Ingenieure. Knapp zwei Jahre ist es her, dass erst die Banken kollabierten und dann die Realwirtschaft zusammenbrach. „Jetzt geht es wieder los“, sagt Theisen.
Die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen: Erstmals stellen die Unternehmen wieder mehr Beschäftigte ein, als sie Stellen abbauen. Bereits Ende 2009 hatten die befragten Firmen dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur deutlich häufiger als im Vorjahr angegeben, neue Stellen schaffen zu wollen.
Guter Zeitpunkt für die nächste Gehaltsverhandlung
Um Ingenieure aller Fachrichtungen tobt der Wettbewerb am schärfsten: Elektro, Vertrieb, Agrar. Aber auch wer die Programmiersprache Java beherrscht oder als Naturwissenschaftler im Pharma-Bereich arbeiten will, hat derzeit beste Chancen, einen Arbeitgeber zu finden. Bei den großen Wirtschaftsprüfern werden ganze Abteilungen abgeworben. Die Banker haben ihre Durststrecke längst hinter sich. Controller, die in der Unternehmensplanung Spitz auf Knopf rechnen, erscheinen in den Nachwehen der Krise plötzlich auch kleineren Mittelstandsbetrieben unverzichtbar. „Es ist ein guter Zeitpunkt für die außertariflich bezahlten Angestellten, an die nächste Gehaltsverhandlung zu denken und sich in Stellung zu bringen“, sagt Tim Böger vom Vergütungsberater Personalmarkt.
Denn auch wenn mancher dem „zarten Pflänzchen“ Aufschwung noch nicht zutraut, zwischenzeitlich auch wieder leichte Windböen zu überstehen, mehren sich die Hinweise auf eine nachhaltige Belebung der Konjunktur. Völlig überraschend verkündeten am Freitag die Wirtschaftsforscher vom Münchener Ifo-Institut, dass die deutschen Unternehmen deutlich zuversichtlicher in die Zukunft blicken. Prompt drehte der Aktienindex Dax, der die Aktienpreise der 30 größten deutschen Unternehmen abbildet, ins Plus und verbringt dort nun das Wochenende.
Auch andere Kennzahlen sprechen eine deutliche Sprache. Die saisonbereinigte Zahl der Arbeitslosen wird laut Expertenschätzung wohl bald unter die Marke von drei Millionen fallen. Die Exportindustrie verkauft 30 Prozent mehr Güter als im Vorjahreszeitraum. Anfang Juli lehnten sich die Volkswirte der Commerzbank ganz weit aus dem Fenster und sagten für das Jahr 2010 gar ein Wirtschaftswachstum von 2,5 Prozent voraus. Das wäre nach jetzigem Stand mehr als in Amerika, wo die Wirtschaftslage diese Woche offiziell als „instabil“ betitelt wurde.
Neue Mitarbeiter brauchen ein Jahr, um sich einzuleben
Zwar seien die Firmen derzeit noch „sehr vorsichtig“, sagen arbeitgebernahe Gehaltsexperten wie Alexander von Preen von der Unternehmensberatung Kienbaum. Die Sorge, dass es derzeit noch zu früh ist, um ihren Angestellten wieder mehr Geld zu zahlen, hält Stepstone-Experte Manuel Theisen jedoch für unbegründet. Natürlich müssten die Firmen die Einbußen, die sie in der Wirtschaftskrise erlitten haben, erst mal wieder verdienen.
Doch die Auftragsbücher seien voll, und um die Kunden mit der gewünschten Maschine oder Dienstleistung beliefern zu können, sei nun mal gutes Personal vonnöten. Eine Studie von Stepstone zeigt: Auch in der Krise haben viele Unternehmen die Chance genutzt, antizyklisch in ihre Belegschaft zu investieren. Lässt der Chef seine Fachkraft nun ziehen, weil diese anderswo mehr verdient, kann er sie nicht von heute auf morgen ersetzen.
Hat die Personalabteilung schließlich einen neuen Mitarbeiter gefunden, dauert es nach Einschätzung von Personalexperten sechs bis acht Monate, bis dieser für das Unternehmen produktiv arbeitet. Schließlich muss der Neue erst einmal die Abläufe erlernen, sich mit den Kollegen verständigen und - profan, aber entscheidend - ganz generell am Arbeitsplatz einleben. „Insgesamt dauert dieser Prozess etwa ein Jahr“, sagt Theisen. Dann sind für das Unternehmen die besten Aufträge weg.
„Wer mehr Geld will, braucht Argumente“
Trotzdem können nicht nur die langjährigen Mitarbeiter vom Aufschwung profitieren, denn Wachstum ist ohne zusätzliches Personal nur in den Grenzen der Produktivitätssteigerung möglich. Deshalb haben auch Berufseinsteiger und die sogenannten „Young Professionals“ derzeit gute Chancen, mehr als in den vergangenen Krisenjahren zu verdienen. Laut einer Studie der Beratungsgesellschaft Towers Watson steigen die Gehälter für Einsteiger mit bis zu drei Jahren Berufserfahrung derzeit durchweg an. In den beiden vergangenen Jahren waren diese Gehälter noch um bis zu 10 Prozent geschrumpft. Am stärksten sind die Vergütungen für Einsteiger in der Pharma- und Chemiebranche in die Höhe geklettert, wo auch am besten verdient wird: 64.100 Euro beträgt dort das Durchschnittsgehalt inklusive aller Zulagen.
Durchschnittlich 5, im allerbesten Fall 10 Prozent mehr Gehalt könne man durch geschicktes Verhandeln herausschlagen, sagt Personalmarkt-Chef Tim Böger. Doch auch in Unternehmen, deren Geschäft sich erst allmählich wieder von der Krise erhole, sollten die Mitarbeiter sich schon auf die Gehaltsverhandlung vorbereiten - denn der eigentliche Gang ins Chefbüro benötige oft mindestens ein halbes Jahr Vorlauf. „Wer mehr Geld will, braucht Argumente“, sagt Böger. „Also sollte man jetzt schon mal mit Ideen glänzen und sich eher nicht über die viele Arbeit beschweren.“ Um den Vorgesetzten dann später an die guten Leistungen erinnern zu können, solle man sich kontinuierlich aufschreiben, welches Projekt wie und warum gut gelaufen sei. Daten, Zahlen, Fakten - damit dürfte es dann auch den Ingenieuren leichter fallen, mehr Gehalt herauszuholen.
Gewusst wie Gehaltsverhandlungen richtig führen
1. Richtig argumentieren.
Ob die Gaspreise gestiegen sind oder der Ehemann den Job verloren hat, interessiert das Unternehmen wenig. Bessere Chancen auf mehr Geld hat derjenige, der Punkt für Punkt belegen kann, was er in den vergangenen sechs bis zwölf Monaten am Arbeitsplatz geleistet hat. Länger kann sich der Chef ohnehin nicht zurückerinnern.
2. Sich vorbereiten.
Utopische Forderungen sind der beste Karrierekiller. 5 bis 6 Prozent mehr Geld sind aber immer drin, für 10 Prozent Aufschlag braucht es jedoch schon sehr gute Argumente. Wie viel wer wo verdient, zeigen Gehaltsvergleiche im Internet. Zwischen zwei Gehaltsverhandlungen sollten üblicherweise zwei Jahre liegen.
3. Nicht übertölpeln lassen.
Oft bügeln Arbeitgeber höhere Lohnforderungen mit Verweis auf die allgemeine Wirtschaftslage ab. Der Arbeitsplatz ist aber nicht bei der Deutschland AG, sondern im einzelnen Unternehmen. Also rechtzeitig die Lage der Firma analysieren und Gegenargumente aufschreiben. Gute Arbeit wird dem Chef auch etwas wert sein.
4. Nicht erpressen.
Wer droht, zur Konkurrenz abzuwandern, kann oft gleich die Sachen packen. Denn Reisende soll man nicht aufhalten. Höfliche Hinweise auf den eigenen Marktwert sind hingegen berechtigt und führen über kurz oder lang meist zum Ziel.
5. Richtigen Zeitpunkt wählen.
Büroflur und Weihnachtsfest sind für Gehaltsverhandlungen absolute Tabuzone. Also lieber einen Termin mit der Sekretärin vereinbaren. Als Grund dabei angeben: Man wolle mit dem Chef die eigene berufliche Situation reflektieren.
Es muß ja nicht devot sein, mit Schillers Brief an seinen Fürsten um mehr Gehalt
Ingo Dedenbach (coquine)
- 25.07.2010, 23:20 Uhr
Spiel mit dem Feuer
fritz nonnenbruch (fritz828619)
- 26.07.2010, 13:58 Uhr
So einfach ist das nicht...
Frank König (Plasmabruzzler)
- 26.07.2010, 16:37 Uhr
Nicht alles gefallen lassen
fritz nonnenbruch (fritz828619)
- 26.07.2010, 18:54 Uhr
2. Teil: mit der devoten Bitte um Gehaltserhöhung mein lieber Fürst
Ingo Dedenbach (coquine)
- 27.07.2010, 01:16 Uhr
