http://www.faz.net/-gqe-96vrk

Neuer Partner für Daimler? : Ein chinesischer Bauernjunge auf dem Weg in den Auto-Olymp

Li Shufu im ersten Volvo-Werk außerhalb Europas in Chengdu (Archivbild) Bild: dpa

Er wuchs in Armut auf und greift nun nach deutschem Luxus: Der Chinese Li Shufu könnte bei Daimler einsteigen. Es wäre nicht sein erster Coup in Europa.

          Es sind Welten, die da in Stuttgart aufeinandertreffen. Auf der einen Seite Daimler, ein Weltkonzern, der noch heute für seine erlesene S-Klasse mit den Worten wirbt, die der Erfinder des Automobils vor 130 Jahren ins Bad Cannstatter Gartenhaus meißeln ließ, in dem er den Benzinmotor baute: „Das Beste oder nichts.“ Dann ist da Li Shufu. Hineingeboren in eine Bauernfamilie im Jahr 1963 in der Provinz Zhejiang, im China unter Mao.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Drittes von vier Kindern. Ein Akzent, der bis heute die Herkunft verrät. „Ein Auto, das sind vier Räder plus zwei Sofas.“ So spricht Li Shufu aus dem Dorf Taizhou. Oder: „Wir verkaufen Autos wie Weißkohl.“ Oder: „Ein armer Junge vom Land heiratet das reiche Mädchen aus der Stadt.“ So beschrieb Li Shufu, was 2010 Schlagzeilen machte: der Kauf der schwedischen Traditionsmarke Volvo durch einen Autobauer aus China. Geely ist die größte heimische Automarke auf dem größten Automarkt der Welt. 2017 verkaufte Geely 1,6 Millionen Fahrzeuge.

          Der Hersteller, so lautet ein unbestätigtes Gerücht, wolle nach dem Volvo-Einstieg nun gemeinsame Sache mit Daimler machen. Geely aus der Stadt Hangzhou, 300 Autobahnkilometer von dem Ort entfernt, an dem Li Shufu geboren wurde, sei an der Batterietechnik der Stuttgarter interessiert und wolle ein Gemeinschaftsunternehmen gründen. Deshalb habe Geely Daimler-Aktien gekauft. Meldungen, nach denen Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche Li Shufu aus diesem Grund schon persönlich getroffen habe, wies der Deutsche aber am Dienstag zurück. Den Chinesen habe er seit einem Jahr nicht mehr gesehen, von einem Aktienkauf wisse er nichts, sagte Zetsche.

          Chinas Aufbruch ist Shufus Aufbruch

          Ein Einstieg bei Daimler, das wäre für Li Shufu mehr als die Hochzeit mit der reichen Bürgersbraut, das wäre Geelys Aufstieg in den Auto-Olymp. Gegründet hat Li Shufu sein Unternehmen vor mehr als drei Jahrzehnten, im Jahr 1986, als es in China so aufregend zuging wie in kaum einem anderen Land der Welt: Als in Peking hinter den Mauern des Hauptquartiers der Kommunistischen Partei sechs der mächtigsten Männer im Staate zusammensaßen und debattierten, wie Chinas Aufbruch von der Plan- in die Marktwirtschaft gelingen könne.

          „Die Löhne der Menschen sind zu niedrig“, sagte Generalsekretär Hu Yaobang laut der Gesprächsprotokolle. „Wir dürfen den Unternehmen nicht mehr die Lohnhöhe vorschreiben, dann steigt der Konsum.“ Vize-Ministerpräsident Wan Li sagte: „Wenn wir nicht Unternehmen insolvent gehen lassen, ist Chinas Industrie ohne Hoffnung.“ Hu Qili, Mitglied des Politbüros, erklärte: „400 000 Betriebe im Land sind praktisch tot. Ab sofort müssen wir den Wettbewerb fördern.“ Dann sprachen die Parteikader über die Probleme mit der marxistischen Ideologie: zum Beispiel, dass Leute reich werden würden in China, sagenhaft reich. Leute wie Li Shufu. Ein Mann, der gerade in seinem Heimatdorf die Gelegenheiten eine nach der anderen beim Schopfe ergriff.

          DAIMLER

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Nach der Schule hatte sich Li Shufu vom Vater 120 Yuan geliehen, damals entsprach das zehn D-Mark. Li kaufte eine Fotokamera, stieg auf sein schäbiges Rad und fotografierte die Dorfbewohner auf der Straße. Dann eröffnete er ein Fotostudio. Als er sich in einer kleinen Schuhwerkstatt Schuhe bestellen wollte, sah Li, wie die Schuster Teile für Kühlschränke zusammenschraubten. Das war der Anfang von Chinas Aufstieg zur Werkbank der Welt. Li Shufu eröffnete eine Fabrik zum Bau von Kühlschrankteilen.

          Derlei Produktion war damals noch staatlichen Unternehmen vorbehalten und verboten. Li Shufu wurde trotzdem Millionär. Dann schlossen die Behörden seine Fabrik, und der Unternehmer sattelte um auf den Bau billiger Motorräder, kopiert aus Taiwan. Danach produzierte Li Shufu Autos, nach wie vor ohne Genehmigung der Regierung. Erst sechs Jahre später erhielt er eine Lizenz.

          Zwei Jahrzehnte später werden rund 30 Millionen Autos im Jahr in China verkauft. 2017 stand nach wie vor die Marke VW an der Spitze mit einem Absatz von gut 3 Millionen. Doch Geely machte den größten Sprung und verkaufte mit 1,2 Millionen Fahrzeugen so viel wie kein anderer heimischer Autobauer, fast zwei Drittel mehr als 2016. Damit ließ Li Shufu sogar die amerikanische Traditionsmarke Buick hinter sich. In China, wo ein ausländisches Auto jahrzehntelang ein Statussymbol war, für das Menschen mit einem Monatseinkommen von ein paar hundert Euro jahrelang sparten. Das ist vorbei. Viel Auto für wenig Geld wollen die Kunden heute. Geely-Autos sind günstig, aber komfortabel, und so schieben sich massenhaft SUV dieser Marke über die Schlaglöcher in den chinesischen Straßen.

          Race to Feed the World
          Race to Feed the World

          In Zukunft leben 9 Milliarden Menschen auf der Erde. Wie werden sie satt, ohne dass der Planet kollabiert? Ein Jahr lang suchen wir Antworten.

          Mehr erfahren

          Nach dem Willen von Chinas Regierung sollen bald Elektroautos die Benziner ersetzen. Eine gesetzliche Absatzquote will Peking schon im kommenden Jahr einführen. Gegen die Technikkonzerne aus dem Silicon Valley wie Google, die sich mit selbstlenkenden E-Autos voller Computertechnik die Käufer der Zukunft sichern wollen, wolle Li Shufu eine Allianz der Autohersteller bilden, heißt es – nach Volvo jetzt auch mit Daimler.

          Passt das? Er komme von ganz unten, sagt Li Shufu, er habe keine Angst zu scheitern. Nach der Reichenliste Hurun ist sein Vermögen im vergangenen Jahr um 260 Prozent gestiegen. Mit 16 Milliarden Dollar ist er der derzeit zehntreichste Chinese. „Ich scheue harte Arbeit nicht“, sagt der Bauernjunge. „Ich fürchte mich nicht zu verarmen. Aber ich liebe es zu verdienen!“

          Weitere Themen

          Was Merkel in China will

          Auf dem Weg nach Peking : Was Merkel in China will

          Während die Chinesen in Deutschland auf Shoppingtour sind, gelten in China harte Restriktionen. Auch deshalb dürften die Gespräche zwischen Angela Merkel und Xi Jinping in Peking nicht gerade harmonisch werden.

          Topmeldungen

          DSGVO : Was der neue Datenschutz angerichtet hat

          Blogs schließen, Twitter sperrt Nutzerkonten, ein Vereinsvorstand tritt zurück. Nur Facebook kann die Daten seiner Nutzer besser verwerten. Die neuen Datenschutz-Regeln haben kuriose Folgen. FAZ.NET präsentiert eine Auswahl.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.