http://www.faz.net/-gqe-7p7as
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 11.05.2014, 13:14 Uhr

Geburtshilfe Juristen erobern den Kreißsaal

Wenn bei der Entbindung ein Fehler passiert, kann das Millionen kosten. Die Kliniken schließen ihre Kreißsäle, Hebammen und Ärzte sind nervös. Auf Sylt werden Schwangere im Extremfall sogar mit dem Hubschrauber von der Insel gebracht.

von
© ddp Anstrengend ist so eine Geburt - nicht nur fürs Baby, auch für die Klinik.

Auf der Insel Sylt ist es Anfang des Jahres passiert: Es gibt keine Geburtshilfe mehr. Die örtliche Nordseeklinik hat sie Ende 2013 geschlossen. Frauen, die auf Sylt wohnen, müssen seither zwei Wochen vor dem Geburtstermin aufs Festland fahren und dort darauf warten, dass das Kind kommt. Bei wem die Wehen früher einsetzen, womöglich gar während eines Urlaubs auf der Insel weit vor dem errechneten Geburtstermin, der wird Teil eines ausgeklügelten Notfallplans. Das wichtigste Ziel dabei: Schafft die Schwangere von der Insel – solange es geht, zur Not per Militärhubschrauber. 100 Geburten gab es früher auf Sylt pro Jahr. In Zukunft gibt es null, wenn alles gutgeht.

Sylt ist ein extremes Beispiel für etwas, das so ähnlich überall in Deutschland geschieht. Die Geburtshilfen der Krankenhäuser schließen. Im Jahr 1991 gab es noch 1.200 davon, heute sind es nur noch 760. Wurden im Jahr 1991 noch in jedem zweiten Krankenhaus Kinder geboren, war das zuletzt nur noch in 38 Prozent der Kliniken der Fall. Gerade kleinere ländliche Kliniken schließen ihre Kreißsäle. Weil eine natürliche Geburt aber plötzlich einsetzt – mal drei Wochen vor, mal fünf Tage nach dem errechneten Geburtstermin –, ist sie nicht so planbar wie eine Knie-Operation. Das sorgt für Probleme, wenn die nächste Geburtshilfe weit entfernt ist – und für Protest der Leute im Ort, die sich sorgen, im Notfall allein zu sein.

Eine hochgefährliche Abteilung für die Krankenhäuser

Trotzdem schließen die Kliniken weiter ihre Kreißsäle. Der wichtigste Grund dafür sind nicht die Babys, die weniger werden. Der wichtigste Grund sind die seltenen Fälle, in denen Ärzte oder Hebammen bei einer Geburt einen Fehler machen, der dem Kind schadet, der dazu führt, dass es geistig oder körperlich behindert ist. Die Kosten, die aus einem solchen Fehler für das Krankenhaus erwachsen, sind enorm gestiegen.

Das lässt sich in zwei einfachen Zahlen ausdrücken. Im Jahr 1998 mussten Kliniken (oder ihre Versicherungen) bei einem schweren Geburtsschaden nach Angaben des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft rund 340.000 Euro bezahlen. Darin enthalten sind Schmerzensgeld für die Eltern sowie Pflegekosten für das Kind. Zehn Jahre später lag die Summe für einen ähnlichen Fall schon bei 2,9 Millionen Euro.

Die Geburtshilfe ist damit innerhalb kürzester Zeit für die Krankenhäuser zur hochgefährlichen Abteilung geworden. Cornelia Süfke, die für die Klinikkette Asklepios die Versicherungen managt, sagt: „Die Zahl der Schäden ist in der Geburtshilfe am geringsten, sie liegt im Promillebereich. Aber Geburtsschäden sind die teuersten.“ Schnell kommt man da auf mehrere Millionen Euro. Wenn dann wie auf Sylt zwei Säuglinge innerhalb zweier Jahre versterben, dann wird die Klinikleitung nervös, dann ist die Schließung der Geburtshilfe schnell beschlossen.

Die Kranken- und Pflegekassen klagen mit

Gründe für die hohen Zahlungen, die bei Geburtsschäden anstehen, gibt es gleich mehrere. So ist die Rechtsprechung peu à peu patientenfreundlicher geworden, so dass die Schmerzensgelder für Eltern und Kind gestiegen sind. Eine halbe Million Euro ist hier schon normal, wenn das Kind durch einen Fehler des Krankenhauses schwer behindert ist. Diese Fälle sind natürlich dramatisch, traumatisieren nicht nur die Eltern, sondern die verantwortlichen Hebammen und Ärzte gleich mit. Die meisten von ihnen finden es deshalb gut, dass Eltern und Kind jetzt mehr Geld bekommen. Was sie stört, ist der andere Grund für die hohen Kosten: die Kranken- und Pflegekassen der behinderten Kinder klagen heute gleich mit – schließlich muss das Kind möglicherweise sein Leben lang gepflegt werden.

„Früher haben die Kranken- und Pflegekassen ihre Ansprüche nicht so stark gerichtlich durchgesetzt wie heute“, sagt Süfke. „Diese Regresse sind es, die die Fehler in der Geburtshilfe so teuer machen.“ Denn ein Baby, das womöglich 80 Jahre lang gepflegt werden muss, kostet viel mehr als ein 60 Jahre alter Mann, der nach einer Operation für den Rest seines Lebens pflegebedürftig ist. „Die Geburtshilfe sticht nur heraus, weil die Patienten noch sehr jung sind und länger leben“, sagt Franz-Michael Petry, Geschäftsführer des Versicherungsmaklers Ecclesia. Das wissen auch die Kranken- und Pflegekassen. Sie machen heute teilweise Rasterfahndungen unter ihren Versicherten, um Fälle zu finden, wo ein Behandlungsfehler vorliegt – und damit Geld zu sparen. Schließlich kostet Vollzeitpflege rund 20.000 Euro je Monat.

Infografik / Geburtsschaden Kosten/ Wenn bei der Geburt etwas schiefgeht, wird es richtig teuer © F.A.Z. Vergrößern

Für die Versicherungen der Krankenhäuser, Ärzte und Hebammen ist das zu einer Bedrohung geworden. Sie hatten einst anders kalkuliert und müssen nun alles ändern. Sie erhöhen die Beiträge – oder steigen ganz aus. Das betrifft nicht nur die Hebammen, deren Problem, eine für sie noch bezahlbare Versicherung zu bekommen, die Politik beschäftigt. Auch für die Ärzte wird es teuer. Wenn sie als Belegärzte in Kliniken Kinder zur Welt bringen, müssen sie teils allein für ihre Versicherung 40.000 Euro im Jahr zahlen. Selbst für angestellte Ärzte, die ja auch noch über ihre Klinik versichert sind, wird es teuer. So erzählt Thomas Dimpfl, Direktor der Frauenklinik in Kassel, dass er für seine private Haftpflichtversicherung teilweise 20.000 Euro im Jahr gezahlt hat. „Davon waren 3.000 Euro für die Gynäkologie, der Rest für die Geburtshilfe.“

Die Kliniken haben teilweise sogar Probleme, überhaupt noch eine Versicherung zu finden. Ende 2012 stieg ein großer Anbieter, die Zurich Versicherung, aus dem Geschäft mit Krankenhäusern aus. Mehr als 200 deutsche Kliniken standen plötzlich ohne Versicherung da. Mittlerweile sind sie untergekommen, fünf Versicherer gibt es noch, die den Markt bedienen. Doch für viele Kliniken hat sich seither der Betrag verdoppelt, den sie jährlich zahlen müssen. Haben sie eine Geburtshilfe, dann sind die Beiträge besonders hoch. Der Versicherungsmakler Ecclesia hat berechnet: Die Risikokosten für jede einzelne Geburt liegen bei 350 Euro.

„Das schadet der Beziehung zwischen Arzt und Patient“

Kein Wunder, dass viele Krankenhäuser sich lieber anderen Fachgebieten zuwenden. Eigentlich mögen Klinikchefs die Geburtshilfe. Schließlich ist der Kreißsaal ihr exklusiver Zugang zu vielen möglichen künftigen Patienten. Hat sich eine Frau dort wohl gefühlt, kommt sie auch wieder, wenn der Fuß gebrochen ist oder das Knie operiert werden muss – und ihr Kind ebenfalls. Doch das ist umso irrelevanter, je gefährlicher und je teurer es wird, eigene Kreißsäle zu haben. Zumal sich Geburten ohnehin auch wirtschaftlich erst lohnen, wenn man eine gewisse Zahl davon im Jahr hat. Mindestens 500 müssen es schon sein, schätzen Experten.

Das verändert die Welt – auch für die Mütter und ihre Babys. Immer häufiger werden Kinder heute in großen Kliniken geboren, die 2.000 Geburten im Jahr und mehr haben. Fast die Hälfte der Babys kommt heute in Krankenhäusern zur Welt, die zu den gut 90 größten in Deutschland gehören, die mehr als 800 Betten haben. 1990 fand dort erst ein Drittel der Geburten statt. „Politisch und emotional ist das für die Betroffenen oft problematisch“, sagt Dimpfl, der neben der Frauenklinik in Kassel auch eine medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft, die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, als Präsident führt.

Medizinisch aber findet er es richtig, schließlich sei die Mütter- und Kindersterblichkeit gesunken. Rein positiv mag er die Klagerei rund um die Geburt trotzdem nicht bewerten: „Es drängt sich eine starke Macht zwischen Arzt und Patient.“ Eine Macht, die plötzlich auch mitbestimmt: die Sorge vor einem existenzvernichtenden Verfahren. „Das schadet der Beziehung zwischen Arzt und Patient“, sagt Dimpfl. Fast alle Krankenhäuser, Hebammen und Ärzte haben die Risiken in der Geburtshilfe viel schärfer im Blick als einst. Schon Details können dazu führen, dass sie juristisch angreifbar sind.

Die Kaiserschnittrate ist nach oben geschnellt

Es wird geschult, kontrolliert und dokumentiert, was das Zeug hält. Das hat Vorteile für die Patienten, die wirklich ein Problem haben – und Nachteile für die große Mehrheit der anderen. So ist die Kaiserschnittrate innerhalb weniger Jahrzehnte nach oben geschnellt. Fast jede dritte Frau, die ein Kind bekommt, erhält heute einen Kaiserschnitt. Das liegt daran, dass der Kaiserschnitt sicherer geworden ist; daran, dass manche Frauen es wollen. Aber vor allem auch daran, dass die Ärzte vorsichtiger geworden sind aus Sorge vor Klagen. Sehr viele Klagen leben von einem Vorwurf: ein zu spät vorgenommener Kaiserschnitt.

Renate Nielsen, die seit vielen Jahren als Hebamme in Kliniken arbeitet, beschreibt das so: „Als ich angefangen habe als Hebamme, da war eine Beckenendlage eine ganz normale Geburt.“ Beckenendlage ist der Fachbegriff dafür, dass ein Kind nicht mit dem Kopf nach unten im Bauch liegt, sondern mit dem Po. „Ich würde es mir noch heute zutrauen, das zu begleiten“, sagt Nielsen. Aber es kommt nicht mehr vor: „Heute raten fast alle Kliniken sofort zum Kaiserschnitt.“ Und man muss schon mutig sein, sich als Schwangere gegen einen solchen Rat zu stellen.

Nielsen findet diese Entwicklung hin zum Sicherheitsdenken falsch, weil sie sich nicht nur auf die Geburt, sondern auf die gesamte Schwangerschaft auswirkt. „Wenige Frauen erleben ihre Schwangerschaft heute so, dass sie ganz wörtlich ,guter Hoffnung‘ sind. Ständig wird alles Mögliche abgecheckt, was nicht stimmen könnte“, sagt sie, „Die Sorge der Frauen ist deshalb sehr groß.“ Ganz anders als vor 20 Jahren.

Eine Geschichte ohne einen richtigen Bösewicht

Frauenarzt Dimpfl sorgt sich eher, wenn er an das denkt, was noch kommt: „In Amerika hat vor jedem großen Krankenhaus eine Rechtsanwaltskanzlei ihren Sitz, wo man direkt hingehen kann, wenn man nicht zufrieden war mit der Behandlung“, sagt er. „Diese Zustände finde ich abschreckend.“ Die Folge sei, dass in manchen Landstrichen keiner weit und breit mehr Geburtshilfe mache, weil es zu teuer sei, sich gegen die Risiken zu versichern. „Das ist die falsche Richtung.“

Mehr zum Thema

Aber was tun in einer Geschichte, die keinen richtigen Bösewicht kennt? Mit den durch einen tragischen Fehler behinderten Kindern und ihren Eltern haben schließlich alle Mitleid. Ihnen gönnt selbst die Gegenseite eine Menge Geld. Und auch die Versicherungen kann man nicht verteufeln, wenn sie die Prämien erhöhen, weil die Risiken gestiegen sind. Geburten sollen aber natürlich trotzdem weiterhin in der Nähe der Schwangeren möglich sein, zumindest in weiten Teilen des Landes. Jeder in dieser Geschichte hat einen anderen Vorschlag, um das Problem zu lösen.

Die Kliniken wollen den Kranken- und Pflegekassen gesetzlich untersagen, sich den Klagen anzuschließen. Das würde es deutlich billiger machen für die Kliniken. Andere schlagen vor, die Bezahlung der Krankenhäuser je Geburt zu erhöhen. Für die Leute macht das beides keinen Unterschied: Am Ende bleiben die Kosten immer an denen hängen, die Beiträge zur Krankenkasse zahlen. Dann vielleicht lieber doch keine Geburtshilfe auf Sylt?

In einer ersten Fassung des Artikels hatten wir geschrieben, dass Professor Dimpfl den Berufsverband der Frauenärzte als Präsident führt. Tatsächlich leitet er die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) e.V. - wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Nötige Zahlerdebatte

Von Hendrik Kafsack, Brüssel

Ja, Deutschland profitiert vom Binnenmarkt und kaufkräftigen Kunden in anderen EU-Staaten. Der Grund, aus dem wir die Netttozahlerdebatte führen müssen, ist ein anderer. Mehr 15 56

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden

Grafik des Tages Würde Schottland von der Unabhängigkeit profitieren?

Auch wenn der Entscheid über eine neue Abstimmung der Schotten über ihre Unabhängigkeit angesichts der Schüsse in London verschoben wird. In Kürze sollte es soweit sein. Mit welchen Folgen würden die Schotten rechnen? Mehr 2

Zur Homepage