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Fußball und Kapitalismus Du kannst nach Hause gehen . . .

04.05.2009 ·  Im bezahlten Fußball gelten andere Maßstäbe als in der klassischen Wirtschaft: So gnadenlos wie in der Bundesliga wird selbst im Investmentbanking nicht gefeuert. Die Trainer müssen weg, sobald sich die Niederlagen häufen. Das ist Kapitalismus pur.

Von Winand von Petersdorff
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Der Verschleiß an Spitzenkräften ist beachtlich. In den aktuell zehn besten Clubs der Fußballbundesliga durften in den vergangenen fünf Jahren 36 Cheftrainer das operative Geschäft führen. Die Spannbreite liegt zwischen acht (Schalke 04) und einem Trainer (Werder Bremen). Mannschaften, die nacheinander vier Trainern in fünf Jahren die Chance gaben, wie zuletzt Bayern München, sind geradezu solide.

Im bezahlten Fußball gelten andere Maßstäbe als in der klassischen Wirtschaft: So gnadenlos wie in der Bundesliga wird selbst im Investmentbanking nicht gefeuert, geschweige denn in deutschen Dax-Unternehmen.

Auch die durchschnittliche Verweildauer der Vorstände deutscher und Schweizer Unternehmen schrumpfe in den letzten Jahren dramatisch, beeilen sich Unternehmens- und Vergütungsberatungen zu berichten. Ein Vorstandschef darf im Schnitt noch auf 5,5 Jahre im Amt hoffen, berichtet Bain & Company in einer jüngeren Studie. Und 30 Prozent im Vorstand bleiben weniger als drei Jahre.

Doch das ist immer noch ziemlich komfortabel. Ein Trainer des FC Bayern darf im Schnitt 19 Monate bleiben, wenn man die letzten drei Engagements als Maßstab nimmt. Über die gesamte Zeit gesehen, verzeichnete Bayern München seit Juli 1965 zwanzig Trainerwechsel nach dem Motto "Alle zwei Jahre muss ein neuer her".

Sicher ist niemand: Selbst die Gefeierten werden gefeuert

Sicher ist niemand. Denn die mittelständisch strukturierte Branche mit dem Hauptprodukt Fußballvergnügen feuert selbst die Gefeierten. Erfolge von gestern zählen wenig, das bekam Trainer Armin Veh, der VfB Stuttgart zum Überraschungsmeister machte, ebenso zu spüren wie Felix Magath, der seinen Job bei Bayern München verlor, nachdem er in zwei Jahren zwei Meisterschaften und zwei nationale Pokalwettbewerbe gewonnen hatte sowie die Teilnahme des Teams an der lukrativen Champions League sicherte. Denn danach hat er dann mal wieder verloren. Das ist regelmäßig fatal.

Der Auslöser für Vertragsauflösungen sind - so trivial das klingt - Niederlagen. Niederlagen im Fußball können in ihrer Summe dazu führen, dass der Club sein wirtschaftlich wichtiges Saisonziel verfehlt. Die Verfehlung von Saisonzielen wird natürlich auch in der Industrie bestraft: Nur gibt es einen Unterschied im Timing: Der Trainer wird klassischerweise schon abgelöst, wenn die Verfehlung des Saisonziels nur droht. Manager werden dagegen erst in die Wüste gejagt, wenn das Gewinnziel nicht erreicht wurde.

Auch das hat mit dem besonderen Charakter des Spiels zu tun, wie der Ökonom, Fußballexperte und Mönchengladbach-Fan Jörn Quitzau erläutert. Geschäftsführerwechsel haben keine kurzfristigen Wirkungen, Trainerwechsel schon. Eine empirische Untersuchung, die die Ergebniswirkung sämtlicher Trainerwechsel seit dem Beginn der Bundesliga bis Mitte der neunziger Jahre ausgewertet hat, kommt zum Ergebnis: Neue Trainer sind für ein Strohfeuer gut, wenn sie auch langfristig nicht weiterhelfen mögen. So ist Bayerns Schritt, einen Kurzzeittrainer nur bis zum Saisonschluss zu engagieren, wissenschaftlich bestens abgesichert.

Geld erhöht die Wahrscheinlichkeit, viel mehr Geld zu verdienen

Das Management von Bayern München nutzt die Chance, ein sportliches Mindestziel - die Teilnahme an einem europäischen Wettbewerb - zu nutzen. Das ist auch wirtschaftlich zwingend. Denn diese Wettbewerbe bringen zusätzliche Fernsehgelder, Sponsoren-Boni und Ticketerlöse.

Für Bayern ist das entscheidend: Der Club gehört, gemessen an den Umsätzen (zwischen 200 und 400 Millionen Euro), noch zu den zehn größten in Europa, die zuletzt die Champions-League-Entscheidungen unter sich ausgemacht haben. Diese Phalanx der zehn setzt sich einer Deloitte-Studie zufolge immer stärker vom Rest der Clubs ab, weil sie Geld hat.

Geld erhöht die Wahrscheinlichkeit, viel mehr Geld zu verdienen. Auf den Champions-League-Sieger regnen bis zu 70 Millionen Euro herab. Reiche Clubs kaufen damit jene Spieler, die das Quentchen zum Sieg ausmachen. Bayern ist in dieser Gruppe eine kleinere Nummer und hat Angst vorm Abrutschen, sollte sie ihr Ziel verfehlen. Zehn Topmannschaften in Europa bedeuten auch, dass neun Trainer die Sehnsucht ihrer Eigner, Chefs, Sponsoren und Fans enttäuschen. Sie holen die Trophäe nicht. Der Sport kennt keine Win-Win-Situationen. In der Wirtschaft kann BMW florieren, und Daimler muss trotzdem nicht darben. In den Jahren guter Konjunktur sehen deshalb viele Unternehmensvorstände gut aus.

Der Sieg des einen ist die Niederlage des anderen

Auf dem Spielfeld Bundesliga dagegen scheint die Sonne nie für alle. Dort ist der Sieg des einen die Niederlage des anderen. Die Trainer können sich auch nicht hinter globalen Negativtrends verstecken, wie es aktuell viele Vorstände tun.

Gerecht geht es längst nicht immer zu. Mancher Trainer muss Saisonziele erreichen mit Spielern, die er nicht gekauft hat, die seinen Anweisungen nicht folgen, die einfach schlecht spielen. Manchmal haben Trainer auch schlicht Pech. Tatsächlich gewinnt in jedem zweiten Spiel nicht der Favorit, auf den die Wetter mehrheitlich setzen. Das haben die Ökonomen Jörg Quitzau und Henning Vöpel herausgefunden. Neben Tagesform spielt auch der Zufall ein wichtige Rolle: Der Pfosten, der Schiedsrichter, das Wetter oder Löcher im Rasen.

Der Trainerstuhl brennt eigentlich immer, deshalb stehen auch so viele Trainer, lautet ein Bonmot. Vor allem lassen sie sich ihren Risikojob gut bezahlen. Klinsmann hat acht Millionen Euro im Jahr vereinbart, schreiben Sportjournalisten, zudem eine großherzige Abfindungsklausel. Das sind Ackermann-Dimensionen. Nachvollziehbar ist die Höhe trotzdem.

Gute Trainer wie Arsène Wenger von Arsenal London und Alex Ferguson von Manchester United haben aus ihren Clubs kleine Finanzriesen gemacht mit sportlichen Erfolgen. Und sie erfüllen die Sehnsüchte von mehreren hundert Millionen Menschen. Scheitern sie, sind sie zudem sofort weg.

Manchmal dürfen sie wiederkommen

Eines allerdings ist ungewöhnlich: Manchmal dürfen sie wiederkommen, zumindest in Deutschland. Jupp Heynckes ist bei Bayern schon der vierte Coach, der zweimal darf nach Giovanni Trappatoni, Udo Lattek und Ottmar Hitzfeld. Offenbar ist der Kreis der als geeignet geachteten Trainer überschaubar. Trotzdem: Die Bundesliga dürfte die einzige Branche sein, die Spitzenkräften zwei Chancen gewährt.

Fehlt es den Clubmanagern an Phantasie und Innovationsfreude in der Bewerberauswahl? Das Personal rekrutiert sich aus ehemaligen Trainern und Nationalspielern, die die Clubführung persönlich kennt. Ein einziger Verein hat einmal Assessment Center und Personalberater eingesetzt und so Martin Jol gefunden: der Hamburger SV, der unter Jol so erfolgreich spielt wie selten. Bis zu Jols ersten Erfolgen war das Hamburger Headhunting die Lachnummer der Branche. Jetzt lacht keiner mehr.

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