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Fusionsvertrag unterzeichnet : Linde ebnet den Weg für Praxair-Fusion

Geschickt hat Linde-Chefkontrolleur Wolfgang Reizle die Fusion durchgeboxt. Bild: Picture-Alliance

Die Zustimmung zum Fusionsvertrag ist da: Die Stimmung im Aufsichtsrat war zwar schlecht. Dennoch hat das Gremium das Entstehen des größten Gasekonzerns aus Linde und Praxair nach einigem Widerstand abgesegnet.

          Nach langen, harten, offenbar aber sachlichen Diskussionen hat der Aufsichtsrat der Linde AG am Donnerstagabend sein Plazet zur Fusion mit dem amerikanischen Konkurrenten Praxair gegeben. Eine Stunde nach Börsenschluss gab der deutsche Dax-Konzern bekannt, dass das Gremium dem Fusionsvertrag (Business Combination Agreement, BCA) zugestimmt habe und dieser unterzeichnet worden sei.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Der befürchtete Eklat blieb aus. Es gab aber den angekündigten Widerstand der Arbeitnehmervertreter. Ein einstimmiges Votum für einen der größten Zusammenschlüsse in der Chemiebranche mit einem Transaktionswert von rund 66 Milliarden Euro hat es, wie zu hören war, nicht gegeben, nur einen Mehrheitsbeschluss: Die sechs Kapitalvertreter stimmten zu, die Arbeitnehmerbank lehnte ab, allerdings nicht durchweg. Eine Stimmenthaltung hat die Phalanx durchbrochen – und am Ende einen bestens gelaunten Aufsichtsratsvorsitzenden Wolfgang Reitzle hinterlassen.

          Denn zur Kampfabstimmung im Gremium musste es nicht mehr kommen. Reitzle hatte gedroht, im Fall einer Pattsituation im Zwölfer-Gremium mit seiner Zweitstimme die Arbeitnehmerseite zu überstimmen. Dies hätte zur weiteren Konfrontation zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern geführt und das Image des erfolgsverwöhnten Managers beschädigt.

          Und doch fällt ein Schatten auf die für Linde historische Entscheidung. Denn Beschlüsse dieser Tragweite werden normalerweise im Aufsichtsgremium einhellig und im Einvernehmen der Arbeitnehmervertreter getroffen. Diese hatten jedoch gegen den von Reitzle vorangetriebenen Zusammenschluss zum größten Industriegasehersteller der Welt Widerstand angekündigt. Sie fürchten einen Bedeutungsverlust für deutsche Standorte, die Dominanz der Amerikaner, und sie sehen Arbeitsplätze sowie die Mitbestimmung bedroht. Nur mit der Fusion würde allerdings eine Beschäftigungsgarantie in Deutschland bis 2021 greifen, mit der sich Reitzle im Dezember 2016 die einstige Zustimmung der Belegschaftsvertreter zunächst erkauft hatte. Ohne den Zusammenschluss hätte ein Programm zum Abbau von mehr als 1000 Stellen gedroht.

          Marktanteil von etwa 40 Prozent

          Auf einer Pressekonferenz am Freitag in München wird sich neben Reitzle und dem Vorstandsvorsitzenden Aldo Belloni auch erstmals Praxair-Vorstandschef Steve Angel der deutschen Öffentlichkeit zeigen. Das neue Unternehmen unter dem alten Namen Linde und mit Sitz in Irland und operativen Zentralfunktionen in Großbritannien wird mit 27 Milliarden Euro Umsatz und einem Marktanteil von etwa 40 Prozent weit vor dem Erzrivalen Air Liquide aus Frankreich liegen. Der hatte 2016 mit dem Kauf der amerikanischen Airgas für 11,4 Milliarden Euro einen Marktanteil von rund 25 Prozent erreicht und war somit dominierend – was für Reitzle zum Dorn geworden ist. Linde und Praxair ergänzen sich regional weitgehend mit dem Verkauf von Prozessgasen wie Kohlensäure, Stickstoff oder Sauerstoff, sei es für die Chemie-, Öl-, Auto-, Lebensmittel-, Stahl- oder Pharmaindustrie, sei es für medizinische Einsätze. Praxair ist stark im amerikanischen Raum, Linde in Europa und Asien präsent. Es sollen Verbundvorteile (Synergien) von einer Milliarde Euro gehoben werden.

          Schon mit dem ersten Anlauf zu einer Fusion im Sommer 2016 wurde die Aussage bezweifelt, es handele sich um einen „Zusammenschluss unter Gleichen“. Das verstärkte sich, als nach dem Scheitern der ersten Gespräche im Dezember 2016 ein zweiter Versuch folgte und Verhandlungen begannen. Der amerikanische Partner ist mit mehr als 10 Milliarden Euro Umsatz und 26.000 Mitarbeitern deutlich kleiner als die Deutschen (17 Milliarden Euro, 60.000 Mitarbeiter). Praxair ist aber ertragsstärker und erzielt mehr Gewinn als die größere Linde. So wurden die Amerikaner höher bewertet. Dank der Kursgewinne des Dax-Wertes haben sich die Marktkapitalisierungen angenähert: Praxair ist mit 33,6 Milliarden Euro bewertet, Linde mit 32 Milliarden Euro.

          Reitzle habe Linde unter Wert verkauft, lautete ein Kritikpunkt. Praxair-Chef Angel hat keinen Zweifel gelassen, dass er als Vorstandschef des neuen Konzerns das Sagen habe und dieser vom amerikanischen Danbury im Bundesstaat Connecticut aus regiert werde. Reitzle soll im Verwaltungsrat mit 12 paritätisch besetzten Mitgliedern den Posten des Präsidenten übernehmen. Das Verhalten von Angel hat zum Aufkeimen des Widerstands der deutschen Belegschaft maßgeblich beigetragen. Es war jedoch vorher schon abzusehen, dass der Bedeutungsverlust von Linde als deutschem Unternehmen groß sein würde, zumal im Heimatland nur 8 Prozent der Umsätze generiert werden, 11 Prozent der Beschäftigten arbeiten und 11 Prozent der Aktionäre sitzen.

          Nun prüfen Börsen- und Finanzaufsichten in Deutschland (Bafin) und Amerika (SEC) sowie Kartellbehörden das Vorhaben. Erst in der zweiten Jahreshälfte des kommenden Jahres ist mit dem Vollzug der Fusion zu rechnen. Frühestens im Laufe des Augusts dieses Jahres könnten die Linde-Aktionäre das angekündigte Übernahmeangebot durch die neue Holdinggesellschaft erhalten. Die Amerikaner werden auf einer außerordentlichen Hauptversammlung die Fusion mit einfacher Mehrheit beschließen, was erwartet wird. Die Linde-Aktionäre entscheiden über die Annahme der Offerte. Die Fusion kommt zustande, wenn mindestens 75 Prozent der Aktien angedient werden. Es gibt kaum Zweifel, dass das hohe Quorum erreicht wird. Investoren aus Amerika und Großbritannien, die die Fusion befürworten, halten allein 54 Prozent der Aktien. Etwa 30 Prozent der Anteilseigner sind zugleich Praxair-Aktionäre. Für institutionelle Anleger besteht das hohe Risiko, auf den alten Aktien der Linde AG sitzenzubleiben. Sie werden wegen des absehbar kleinen Volumens schwer handelbar sein und aus dem Dax herausfallen.

          Quelle: F.A.Z.

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