Als sein Arzt ihm rät, mehr Sport zu treiben, ist das für Jason Chen in Ordnung. Auch als er seine Ernährung umstellen soll, hat er keine Einwände. Den Kaffee aber lässt er sich nicht nehmen. Vier Tassen trinkt er täglich. Und das sind acht T-Shirts weniger, die er hätte verkaufen können. Mindestens. „Aus jeder Tasse Kaffee schneidern wir etwa zwei bis drei T-Shirts.“
Was man trinken kann, das kann man auch anziehen. Für Jason Chen, den Geschäftsführer des taiwanischen Textilherstellers Singtex Industrial, gibt es da keinen Zweifel. Unter dem Slogan „Drink it, wear it“ verkauft Singtex seit gut vier Jahren umweltfreundliche Funktionskleidung aus Kaffeefasern. Puma, Timberland, The North Face, sie alle haben die Kaffeesatzmischung aus Taiwan für sich entdeckt und werben mit deren Vorteilen. „Die Fasern treffen den Nerv von Herstellern und Verbrauchern“, sagt Yin Cheng-ta vom Taiwan Textile Research Institute (TTRI). „Sie nehmen schlechte Gerüche auf, trocknen schnell und schützen vor UV-Strahlung. Zudem benötigt es für die Herstellung weniger Energieaufwand als bei herkömmlichen Fasern.“
Umstellung auf High-Tech
Taiwan ist der sechstgrößte Textilexporteur der Welt. Obwohl sich die Branche dort inzwischen wieder leicht erholt hat, kämpfen die überwiegend kleinen und mittelständischen Hersteller mit der starken regionalen Konkurrenz. Mehr als 80Prozent von ihnen produzieren längst auf dem chinesischen Festland oder in Südostasien. 1997 zählte die TTRI noch mehr als 7700 Arbeitsplätze in Taiwans Textilbranche. Heute sind es noch etwa 4200. Im Jahr 1989 sah das noch anders aus. Damals waren die Löhne niedrig, und Taiwan war einer der beliebtesten Textillieferanten. Ein günstiger Zeitpunkt. Gemeinsam mit seiner Frau Mei-hui gründete Jason Chen die Singtex Industrial. Er ließ herkömmliche Stoffe nach herkömmlichen Verfahren herstellen. „Genau wie alle anderen auch“, sagt Chen.
Etwa zehn Jahre lang geht das gut. Dann steigen auf der Insel die Löhne, die Exporte brechen ein. Für Taiwan, das aufgrund des kleinen Heimatmarktes mehr als 80 Prozent seiner Textilien ausführt, ist das eine Katastrophe. Den Textilherstellern des Landes geht es plötzlich schlecht. Sie müssen von Massenproduktion auf Spezialanfertigungen umstellen und mit ausländischen Marken konkurrieren. Die digitale Welle schwappt zudem durchs Südchinesische Meer. Innerhalb weniger Jahrzehnte wird sich die Insel zu einer der führenden Regionen für High-Tech-Hersteller entwickeln. Klassische Bekleidung „made in Taiwan“ herstellen zu lassen, wird indes zu teuer. Fasern, Garne und Gewebe sind die Zukunft. Nach Angaben der Marktbeobachter des TTRI kommen heute zwischen 60 und 70 Prozent der auf der gesamten Welt gefertigten organischen Textilien aus Taiwan.
Hohe Investitionen in Forschung und Entwicklung
Dass ausgerechnet sein Unternehmen zum Vorreiter in Sachen organischer Kleidung wird, verdankt Chen dem Zufall. Die Idee, die ihn vor der Pleite rettet, findet er im Kaffeesatz einer Starbucks-Filiale. Dort beobachtet seine Frau Mei-hui, wie sich eine Kundin die Filter mit dem Kaffeesatz einpacken lässt. Eine Zeitlang im Kühlfach gelagert, erklärt ihr die Dame, wirke der Kaffeeabfall als Geruchsneutralisierer. Warum sollte das nicht auch bei Kleidung funktionieren? Sportkleidung, die möglichst viel Schweiß möglichst schnell nach außen befördert. Chen, dank seines Arztes inzwischen passionierter Marathonläufer, findet die Idee brillant.
Noch bevor er weiß, wie er den Kaffee in die T-Shirts bekommt, meldet er ein Patent an. „Das ist das Wichtigste. Alles muss hier patentiert werden.“ Den Patent-Wettkampf will Singtex mit seinem neuen Forschungszentrum gewinnen. „Wir haben Spezialisten für so ziemlich alles: Färbe- und Druckprozesse, Nano- und Biotechnologie, die Weiterentwicklung der Maschinen.“ Fast 4Prozent vom Umsatz investiere er wieder in Forschung und Entwicklung. „Andere taiwanische Hersteller investieren vielleicht die Hälfte.“
Marktführer im Segment Funktionskleidung
2013 soll der Bereich für Forschung und Entwicklung in seinem Unternehmen noch weiter wachsen. Er sei zwar der erste, aber auch die Konkurrenz hat die feine Faser für sich entdeckt. „Es spielt keine Rolle, welche Art Fasern wir entwickeln, in kurzer Zeit werden sie von Firmen vom chinesischen Festland kopiert“, sagt Chen. Auch in Südostasien versuche man sich bereits an Faserprodukten zu günstigeren Konditionen. „Mafan“ sei das, sagt Chen, „ärgerlich“. Für den Innovationswettlauf sei er aber gerüstet, sagt der Singtex-Chef. Mehr als 20 Patente könne das Unternehmen vorweisen. Und die Sportschuhe habe er sowieso immer dabei.
Angefangen hat die Faserforschung 2005. Drei Wissenschaftler tüfteln vier Jahre, um aus Abfall Hightech zu basteln. Viel Geld geht für die Optimierung des Kaffeesatzes drauf. Sie benötigen einige Anläufe. Als das erste Mal Kaffeesatz zu Oberbekleidung wird, funktioniert das Verfahren schon ganz gut. Nur der Geruch ist nicht optimal. „Die Shirts rochen noch ziemlich stark nach Kaffee. Wenn man darin auch noch schwitzt, ergibt das keinen Wohlgeruch“, erinnert sich Chen. Um die Sache mit dem Schweiß in den Griff zu bekommen, schickt er seine Mitarbeiter zum Sport: Mit den Testversionen der neuen Shirts geht es zum betriebsbedingten Bergsteigen, Joggen oder Wandern. Im Juli 2009 gelingt Chen und seinen Forschern der „technologische Durchbruch“. Kurze Zeit später kommen die ersten Textilien der Marke „S.Café“ in die Läden. Im Vergleich zu ihren nichtorganischen Pendants kosten die Shirts mit den beigen Anhängern im Schnitt 15 Prozent mehr. Der erste Großkunde, der den Stoff Koffein für sich entdeckt, ist der französische Sportartikelhersteller Eider. Innerhalb von zwei Jahren folgen Namen wie Nike und Hugo Boss. Inzwischen ist Singtex Marktführer im Segment Funktionskleidung. 25 Prozent des Gesamtumsatzes mache er heute mit seinen Faserprodukten, sagt Chen. Das seien immerhin um die zehn Millionen Dollar.
500 Kilogramm Kaffee pro Tag
Das Rohmaterial bekommt der Einundfünfzigjährige von den Starbucks-Filialen im Großraum Taipeh und den Läden der Kette Seven-Eleven, jeden Tag, lastwagenweise. Bezahlen muss er dafür nichts. „Für die ist das Abfall. Im Prinzip sind wir so etwas wie die Müllabfuhr.“ Obwohl Taipeh mit seinen rund 9Millionen Einwohnern für asiatische Verhältnisse vergleichsweise klein sei, müsse ein großes Gebiet abgedeckt werden, sagt Chen. Tatsächlich hat er allein mit den Geschäften im Bezirk Xinbei gut zu tun. Es gibt so viele, dass per Gesetz ein Mindestabstand zwischen den einzelnen Filialen festgelegt werden musste. Alle 500 Meter ein Laden. In einem Gebiet, dass zu den größten und dichtbesiedelten Vororten der Welt zählt.
Mehr als 200 Kaffeesatzsammler beschäftigt er, um die Aufgabe zu bewältigen. Angefangen habe es mit 300 bis 400 Kilogramm je Monat. Heute rollen täglich bis zu 500 Kilogramm Kaffee-Abfall auf dem Hof der Firma im Norden Taipehs ein. So viel müsse es schon sein, sagt Chen. Schließlich lassen sich aus jedem Filter lediglich 2Prozent Kaffee-Extrakt gewinnen. Das wiederum werde mit Polyester- oder Nylonresten gemischt, um die Fasern herzustellen. Das Ergebnis versteht Chen gekonnt in Szene zu setzen. 6 Prozent extreme Feuchtigkeit sollen die Fasern aufnehmen. Um das zu demonstrieren, hat er sich einiges einfallen lassen. Für ein Werbevideo hat er den Boden eins Miniaquariums aufgebohrt und das Ganze an einem Stativ montiert. Während der Inhalt Tropfen für Tropfen im Gewebe der darunter gespannten Stoffproben verschwindet, zieht oben ein Goldfisch seine Kreise. Er symbolisiert Erfolg und Reichtum. Beides suchte der Unternehmer zunächst in der Chinesischen Provinz Fujian.
FC Liverpool stürmt in Kaffeefasern
Auf der Suche nach geeignetem Rohmaterial verschlägt es ihn Anfang der Neunziger aufs Festland. Aber Chen hat kein Glück. Das Material, das er kauft entpuppt sich als minderwertig. Ein Auftraggeber ist unzufrieden, er verliert viel Geld. An die 100000 Dollar, wie er sagt. Singtex steht kurz vor der Insolvenz. Aufgeben will er nicht. Seit drei Generation produziert seine Familie Textilien. Nach der schlechten Erfahrung „Made in China“, beschließt er, nur noch auf Taiwan zu produzieren. Manche Länder seien einfach noch nicht bereit für den ausgeklügelten Herstellungsprozess. „Besonders das Färben der Shirts aus Kaffeefasern ist hochkompliziert. Bisher gibt es nur wenige Länder, in denen das notwendige Knowhow dafür vorhanden ist. Neben Taiwan beispielsweise noch Italien.“
In seinem neuesten Projekt widmet er sich dem Fußball. 2012 begann die Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Hersteller Warrior Sports. Der fabriziert auch die Trikots des englischen Erstligisten FC Liverpool. Seit Juni stürmen die Spieler nun mit 16 Prozent Kaffeefasergemisch in den Shirts aufs gegnerische Tor. „Das ist nicht nur umweltfreundlich, das riecht auch besser“, sagt Chen. Inzwischen seien rund eine Millionen der roten Kaffeefaser-Shirts an den Verein und die Fans verkauft worden.
Auch mit Plastikflaschen hat er es schon versucht. Sein Lieblingsprojekt, bleibt aber vorerst die Kaffeefaser. Die hat Chen noch für ganz andere Projekte eingeplant. Schuhe, Socken und Krawatten, das alles ließe sich aus dem Material fertigen. „Und bald“, sagt Chen, „bald liegen die Kaffeefaser-Shirts vielleicht als Gepäck in Koffern, die auch aus Kaffeefasern gefertigt sind.“
Eine Nummer zu klein
Johann Maynard (johannmaynard)
- 14.01.2013, 14:46 Uhr
von "Kaffeefasern" und Koffein in Textilien...
Sandra Lenghi (casSandra1977)
- 14.01.2013, 07:39 Uhr
