Home
http://www.faz.net/-gqi-75pnq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Funktionskleidung Ein T-Shirt aus zwei Tassen Kaffee

Mit den Abfällen aus Starbucks-Filialen fertigt Jason Chen in seinem Unternehmen Singtex Industrial Sportbekleidung. Auf diese Idee kam er zufällig. Nun entdecken immer mehr Hersteller die Kaffeefaser.

© JUSTIN GUARIGLIA/IHT/Redux/laif Vergrößern Die Reste aus den Filtern der Gastronomiekette Starbucks sind nach Ansicht des Unternehmens Singtex Industrial aus Taiwan zu wertvoll für den Müll.

Als sein Arzt ihm rät, mehr Sport zu treiben, ist das für Jason Chen in Ordnung. Auch als er seine Ernährung umstellen soll, hat er keine Einwände. Den Kaffee aber lässt er sich nicht nehmen. Vier Tassen trinkt er täglich. Und das sind acht T-Shirts weniger, die er hätte verkaufen können. Mindestens. „Aus jeder Tasse Kaffee schneidern wir etwa zwei bis drei T-Shirts.“

Was man trinken kann, das kann man auch anziehen. Für Jason Chen, den Geschäftsführer des taiwanischen Textilherstellers Singtex Industrial, gibt es da keinen Zweifel. Unter dem Slogan „Drink it, wear it“ verkauft Singtex seit gut vier Jahren umweltfreundliche Funktionskleidung aus Kaffeefasern. Puma, Timberland, The North Face, sie alle haben die Kaffeesatzmischung aus Taiwan für sich entdeckt und werben mit deren Vorteilen. „Die Fasern treffen den Nerv von Herstellern und Verbrauchern“, sagt Yin Cheng-ta vom Taiwan Textile Research Institute (TTRI). „Sie nehmen schlechte Gerüche auf, trocknen schnell und schützen vor UV-Strahlung. Zudem benötigt es für die Herstellung weniger Energieaufwand als bei herkömmlichen Fasern.“

Umstellung auf High-Tech

Taiwan ist der sechstgrößte Textilexporteur der Welt. Obwohl sich die Branche dort inzwischen wieder leicht erholt hat, kämpfen die überwiegend kleinen und mittelständischen Hersteller mit der starken regionalen Konkurrenz. Mehr als 80Prozent von ihnen produzieren längst auf dem chinesischen Festland oder in Südostasien. 1997 zählte die TTRI noch mehr als 7700 Arbeitsplätze in Taiwans Textilbranche. Heute sind es noch etwa 4200. Im Jahr 1989 sah das noch anders aus. Damals waren die Löhne niedrig, und Taiwan war einer der beliebtesten Textillieferanten. Ein günstiger Zeitpunkt. Gemeinsam mit seiner Frau Mei-hui gründete Jason Chen die Singtex Industrial. Er ließ herkömmliche Stoffe nach herkömmlichen Verfahren herstellen. „Genau wie alle anderen auch“, sagt Chen.

Etwa zehn Jahre lang geht das gut. Dann steigen auf der Insel die Löhne, die Exporte brechen ein. Für Taiwan, das aufgrund des kleinen Heimatmarktes mehr als 80 Prozent seiner Textilien ausführt, ist das eine Katastrophe. Den Textilherstellern des Landes geht es plötzlich schlecht. Sie müssen von Massenproduktion auf Spezialanfertigungen umstellen und mit ausländischen Marken konkurrieren. Die digitale Welle schwappt zudem durchs Südchinesische Meer. Innerhalb weniger Jahrzehnte wird sich die Insel zu einer der führenden Regionen für High-Tech-Hersteller entwickeln. Klassische Bekleidung „made in Taiwan“ herstellen zu lassen, wird indes zu teuer. Fasern, Garne und Gewebe sind die Zukunft. Nach Angaben der Marktbeobachter des TTRI kommen heute zwischen 60 und 70 Prozent der auf der gesamten Welt gefertigten organischen Textilien aus Taiwan.

Hohe Investitionen in Forschung und Entwicklung

Dass ausgerechnet sein Unternehmen zum Vorreiter in Sachen organischer Kleidung wird, verdankt Chen dem Zufall. Die Idee, die ihn vor der Pleite rettet, findet er im Kaffeesatz einer Starbucks-Filiale. Dort beobachtet seine Frau Mei-hui, wie sich eine Kundin die Filter mit dem Kaffeesatz einpacken lässt. Eine Zeitlang im Kühlfach gelagert, erklärt ihr die Dame, wirke der Kaffeeabfall als Geruchsneutralisierer. Warum sollte das nicht auch bei Kleidung funktionieren? Sportkleidung, die möglichst viel Schweiß möglichst schnell nach außen befördert. Chen, dank seines Arztes inzwischen passionierter Marathonläufer, findet die Idee brillant.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Taiwan Red Bull lädt zur Korbjagd in den Kerker der Diktatur

In Taiwan erlebt der österreichische Energy-Drink-Riese, welche Fallstricke beim Sportmarketing lauern können. Einer ist zum Beispiel ein Basketballturnier auf einer Gefängnisinsel. Mehr

05.09.2014, 12:07 Uhr | Wirtschaft
Ein lautstarkes Atomkraft nein Danke in Taipeh

Zehntausende Menschen haben am Sonntag in Taiwans Hauptstadt Taipeh gegen den Ausbau der Atomkraft demonstriert. Dabei kam es zu Ausschreitungen und Festnahmen. Ein vierter neuer Atomreaktor soll nun nicht gebaut werden. Mehr

28.04.2014, 15:57 Uhr | Politik
Vor dem G-20-Gipfel Allianz gegen Apple und andere Drückeberger

Unternehmen wie Amazon, Apple, Google und Starbucks sind in Europa groß im Geschäft, zahlen aber kaum Steuern. Jetzt sagen die Industrienationen ihnen den Kampf an. Mehr

17.09.2014, 07:55 Uhr | Wirtschaft
Seniorin rauscht mit dem Auto in Starbucks-Filiale

Eine 71-jährige Autofahrerin drückte beim Parken vor einer Starbucks-Filiale in Schaumburg, Illinois versehentlich aufs Gas und rauschte mit ihrem Wagen durch die Scheibe direkt ins Cafe. Fahrerin und Gäste wurden nur leicht verletzt. Mehr

22.04.2014, 09:20 Uhr | Gesellschaft
Südostasien Asean will unter Druck stärker werden

Die südostasiatische Staatengemeinschaft sieht sich als bedeutenden Markt der Zukunft. Doch sie hat noch einen weiten Weg vor sich. Mehr

08.09.2014, 07:09 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 14.01.2013, 07:16 Uhr

Der Apple-Hype ist zurück

Von Carsten Knop

Egal ob Europa, Amerika oder Australien: Überall stehen Kunden vor den Apple-Stores in langen Warteschlangen, um die neuen iPhones zu kaufen. Die Erben des Steve Jobs führen die Marke perfekt weiter. Mehr 19 12


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Auf dem Weg in eine neue Internetblase?

In den Vereinigten Staaten mehren sich die Stimmen, die vor einer neuen Technologie-Blase warnen. Denn die Risikobereitschaft der Investoren ist so hoch wie lange nicht mehr. Mehr 1