http://www.faz.net/-gqe-75pnq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 14.01.2013, 07:16 Uhr

Funktionskleidung Ein T-Shirt aus zwei Tassen Kaffee

Mit den Abfällen aus Starbucks-Filialen fertigt Jason Chen in seinem Unternehmen Singtex Industrial Sportbekleidung. Auf diese Idee kam er zufällig. Nun entdecken immer mehr Hersteller die Kaffeefaser.

von Stephanie Rudolf
© JUSTIN GUARIGLIA/IHT/Redux/laif Die Reste aus den Filtern der Gastronomiekette Starbucks sind nach Ansicht des Unternehmens Singtex Industrial aus Taiwan zu wertvoll für den Müll.

Als sein Arzt ihm rät, mehr Sport zu treiben, ist das für Jason Chen in Ordnung. Auch als er seine Ernährung umstellen soll, hat er keine Einwände. Den Kaffee aber lässt er sich nicht nehmen. Vier Tassen trinkt er täglich. Und das sind acht T-Shirts weniger, die er hätte verkaufen können. Mindestens. „Aus jeder Tasse Kaffee schneidern wir etwa zwei bis drei T-Shirts.“

Was man trinken kann, das kann man auch anziehen. Für Jason Chen, den Geschäftsführer des taiwanischen Textilherstellers Singtex Industrial, gibt es da keinen Zweifel. Unter dem Slogan „Drink it, wear it“ verkauft Singtex seit gut vier Jahren umweltfreundliche Funktionskleidung aus Kaffeefasern. Puma, Timberland, The North Face, sie alle haben die Kaffeesatzmischung aus Taiwan für sich entdeckt und werben mit deren Vorteilen. „Die Fasern treffen den Nerv von Herstellern und Verbrauchern“, sagt Yin Cheng-ta vom Taiwan Textile Research Institute (TTRI). „Sie nehmen schlechte Gerüche auf, trocknen schnell und schützen vor UV-Strahlung. Zudem benötigt es für die Herstellung weniger Energieaufwand als bei herkömmlichen Fasern.“

Umstellung auf High-Tech

Taiwan ist der sechstgrößte Textilexporteur der Welt. Obwohl sich die Branche dort inzwischen wieder leicht erholt hat, kämpfen die überwiegend kleinen und mittelständischen Hersteller mit der starken regionalen Konkurrenz. Mehr als 80Prozent von ihnen produzieren längst auf dem chinesischen Festland oder in Südostasien. 1997 zählte die TTRI noch mehr als 7700 Arbeitsplätze in Taiwans Textilbranche. Heute sind es noch etwa 4200. Im Jahr 1989 sah das noch anders aus. Damals waren die Löhne niedrig, und Taiwan war einer der beliebtesten Textillieferanten. Ein günstiger Zeitpunkt. Gemeinsam mit seiner Frau Mei-hui gründete Jason Chen die Singtex Industrial. Er ließ herkömmliche Stoffe nach herkömmlichen Verfahren herstellen. „Genau wie alle anderen auch“, sagt Chen.

Etwa zehn Jahre lang geht das gut. Dann steigen auf der Insel die Löhne, die Exporte brechen ein. Für Taiwan, das aufgrund des kleinen Heimatmarktes mehr als 80 Prozent seiner Textilien ausführt, ist das eine Katastrophe. Den Textilherstellern des Landes geht es plötzlich schlecht. Sie müssen von Massenproduktion auf Spezialanfertigungen umstellen und mit ausländischen Marken konkurrieren. Die digitale Welle schwappt zudem durchs Südchinesische Meer. Innerhalb weniger Jahrzehnte wird sich die Insel zu einer der führenden Regionen für High-Tech-Hersteller entwickeln. Klassische Bekleidung „made in Taiwan“ herstellen zu lassen, wird indes zu teuer. Fasern, Garne und Gewebe sind die Zukunft. Nach Angaben der Marktbeobachter des TTRI kommen heute zwischen 60 und 70 Prozent der auf der gesamten Welt gefertigten organischen Textilien aus Taiwan.

Hohe Investitionen in Forschung und Entwicklung

Dass ausgerechnet sein Unternehmen zum Vorreiter in Sachen organischer Kleidung wird, verdankt Chen dem Zufall. Die Idee, die ihn vor der Pleite rettet, findet er im Kaffeesatz einer Starbucks-Filiale. Dort beobachtet seine Frau Mei-hui, wie sich eine Kundin die Filter mit dem Kaffeesatz einpacken lässt. Eine Zeitlang im Kühlfach gelagert, erklärt ihr die Dame, wirke der Kaffeeabfall als Geruchsneutralisierer. Warum sollte das nicht auch bei Kleidung funktionieren? Sportkleidung, die möglichst viel Schweiß möglichst schnell nach außen befördert. Chen, dank seines Arztes inzwischen passionierter Marathonläufer, findet die Idee brillant.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Textilhandel Damast aus dem Erzgebirge

Ein großer Exporteur des mit orientalischem Flair behafteten Stoffs sitzt in Aue im Erzgebirge. Verkauft wird bis Asien und Afrika. Doch die Zukunft birgt Herausforderungen. Mehr

21.06.2016, 14:31 Uhr | Wirtschaft
Brexit Wenig Folgen für deutsche Wirtschaft befürchtet

Die Deutsche Bank sagt Konsequenzen für die Finanzwirtschaft voraus, speziell für den Bankenstandort London. Chef John Cryan hält sein Unternehmen für gut vorbereitet. Mehr

24.06.2016, 18:11 Uhr | Wirtschaft
#TrikotGate So lacht das Netz über die Schweizer Shirts

Gleich sieben Schweizer Trikots reißen beim EM-Spiel gegen Frankreich. Puma will das Material überprüfen. Doch im Internet ergießt sich Spott über den Sportartikel-Hersteller. Mehr

20.06.2016, 11:20 Uhr | Sport
Videospielemesse E3 Microsoft und Sony stellen Neuheiten vor

Am Montag kündigte Xbox-Hersteller Microsoft auf der Videospielemesse E3 an, deren neue Konsolen-Generation, die unter dem Namen Project Scorpio präsentiert wurde, werde hochauflösende 4K-Spiele und Virtual-Reality-Erlebnisse unterstützen. PlayStation-Anbieter Sony plant auch eine Weiterentwicklung seiner Konsole Playstation 4 unter dem Codenamen Neo. Mehr

14.06.2016, 16:16 Uhr | Wirtschaft
Fleckenentferner im Test Der Fleck muss weg

Fleckenentferner sollen Kaffee- und Rotweinflecken unsichtbar machen. Doch halten sie, was sie versprechen? Die F.A.S. hat fünf Produkte getestet. Mehr Von Miriam Binner

29.06.2016, 20:00 Uhr | Finanzen

Das Herz der EU

Von Holger Steltzner

Der EU-Binnenmarkt ist in Misskredit geraten, viele verteufeln ihn als neoliberal oder verunglimpfen ihn als Machtmittel deutscher Hegemonie. Dabei ist gerade er der wirtschaftliche Motor, der Wachstum und Wohlstand bescherte. Mehr 114 144

Grafik des Tages Ist der Mindestlohn schlimm?

Seit anderthalb Jahren gilt in Deutschland ein gesetzlicher Mindestlohn. Immer noch zweifeln viele Firmen, dass er ihre Erträge schmälern wird - besonders in einer Branche. Mehr 0

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“