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Fürth nach der Quelle-Pleite Der niemals endende Strukturwandel

22.10.2009 ·  Das Ende von Quelle ist für Fürth eine Katastrophe - wirtschaftlich, psychologisch, symbolisch. Nach AEG und Grundig ist nun das letzte regionale Traditionsunternehmen insolvent. Der Strukturwandel war für Fürth eine Sisyphusarbeit. Nun beginnt er von Neuem.

Von Jan Grossarth, Fürth
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Über dem Schreibtisch des Wirtschaftsreferenten hängt ein Porträt von Ludwig Erhard. Der Wirtschaftswunderminister war einer seiner Amtsvorgänger, drei Monate arbeitete er hier im Rathaus der alten Industriestadt Fürth. „Die Leute laufen durch die Stadt, als hätte eine Bombe eingeschlagen“, sagt der Wirtschaftsreferent Müller. Seit drei Tagen ist Quelle tot, seit drei Jahren die Nürnberger AEG, seit sechs Jahren Grundig. „Grundig und Quelle, das war Fürth“, sagt Müller und zeigt auf das Bild von Ludwig Erhard. „Der da sagte, die Hälfte der Wirtschaft sei Psychologie. Jetzt müssen aber schon Taten erfolgen.“ Müller sagt das auf Fränkisch, es klingt wie „Daten erfolgen.“ Fürth hat Erfahrung mit schlechten Daten und Tagen, Erfahrung im Katastrophenmanagement, und Müller weiß, was jetzt kommt: Ein Ringen um Fördergelder, kommunale Arbeitsplatzinitiativen, Konzepte entwerfen für bis zu 235.000 Quadratmeter freiwerdende Büroflächen.

Quelle ist seit Montagabend nicht mehr zu retten. Das Versandhaus wird nun „abgewickelt“, ein Großteil der verbliebenen 4000 Arbeitnehmer in der Region Nürnberg wird sehr bald arbeitslos sein, rund 1800 davon aus der Stadt Fürth, also etwas anderthalb Prozent seiner Einwohner. Fürth, das ist eine Stadt im ewigen Strukturwandel: Gerade erst glaubten die Fürther, sie hätten den Wegbruch der alten Industrien bewältigt, da folgt die nächste Hiobsbotschaft. In den neunziger Jahren verloren nach und nach 10 000 Menschen bei Grundig ihre Arbeit. Als der Konzern 2003 zerschlagen wurde, beschäftigte er noch 3800 Angestellte und Arbeiter. Nach dem Ende des Kalten Krieges hatten schon Tausende amerikanische Soldaten und ihre Kaufkraft Fürth verlassen. Die Nürnberger AEG hinterließ 2007 1750 „freie“ Arbeitskräfte. In einer Aufstellung der attraktivsten Wirtschaftsstandorte wurde Fürth in den neunziger Jahren zweiundachtzigster von dreiundachtzig.

Diesmal traf es kein Industrie-, sondern ein großes Handelsunternehmen, das jahrzehntelang Symbol und Garant war für Wohlstand und Sicherheit. Doch dann brach das Zeitalter des Internets an, das eben noch blühende Versandunternehmen in Dinosaurier verwandelte. Die Folgen davon treffen nun eine ganze Stadt.

Quelle prägte zehntausende Biographien

In Fürth sind Altenheime, Schulen und Sportvereine nach Quelle und der Gründerfamilie Schickedanz benannt, das Unternehmen prägte Kindheitserinnerungen von zehntausenden Bürgern. Fast jeder hatte Zugriff auf die Rabattscheine, die eigentlich nur für Mitarbeiter gedacht waren. Aber fast jeder kannte Mitarbeiter. Und fast jeder kennt jetzt Arbeitslose. Ganze Familien sind betroffen, oft arbeiteten beide Ehepartner bei Quelle, manchmal auch die Kinder. Der „Universalkatalog“ und der sichere Arbeitsplatz gehörte im Fürther Selbstverständnis bisher untrennbar zusammen. „Die Quelle“ war für die Region nicht nur ein Arbeitgeber, sondern ein Teil ihrer Identität. Jetzt aber will mancher mit „der Quelle“ nichts mehr zu tun haben: Die Karstadt-Quelle-Versicherungen, die nicht von der Insolvenz betroffen sind, erwägen eine Namensänderung.

Jetzt ist „die Quelle“ nur noch für ein paar hilflose Wortspiele in den Zeitungen gut: Die Quelle versiegt, das Schicksal ist besiegelt, die Quelle ist trocken. Doch vom 9. Juni, als die Muttergesellschaft Arcandor ihren Insolvenzantrag stellte, bis zum späten Montagabend glaubten die meisten fest daran, es werde schon irgendwie weitergehen mit Quelle.

Die Nachrichten klingen nun wie nach einem Flugzeugabsturz. Der Nürnberger Oberbürgermeister Maly bat das städtische Klinikum, bei Quelle eine „krisenpsychologische Ambulanz“ aufzubauen. Kommenden Montag wird die Bundesagentur für Arbeit im alten Quelle-Vertriebszentrum an der Stadtgrenze ein Büro eröffnen, in dem die bis zu 4000 betroffenen Mitarbeiter Anträge aus Arbeitslosengeld ausfüllen sollen. Arbeitsagenturen aus fast 30 bayerischen Städten senden dafür ihr Personal. Von den noch im Sommer etwa 6000 Arbeitsplätzen der Quelle-Dachgesellschaft Primondo in der Region wurden bereits in den vergangenen Wochen rund 2400 „abgebaut“. Einige hundert Mitarbeiter, heißt es, könnten „zügig“ an andere Unternehmen vermittelt werden. Mehr aber werden in die Langzeitarbeitslosigkeit wechseln.

Gefühl des Entsetzens

„Meine Arbeit geht weiter, aber das Gefühl des Entsetzens begleitet die Arbeit“, sagt der Fürther Oberbürgermeister Thomas Jung. Erst freute er sich am Montagabend über den Sieg der Spielvereinigung Greuther Fürth, danach erfuhr er in den „Tagesthemen“, dass es keinen Käufer für Quelle gebe. Niemand mochte den Stolz der Fürther mit seinem defizitären Inlands-Versandgeschäft kaufen; es fand sich nicht einmal jemand, der ihn geschenkt haben wollte. Jung (SPD) wirkt auch drei Tage danach wie entgeistert. Er spricht leise, wie ein Trauernder, und sucht nach Worten, die dem Desaster angemessen sind: „82 Jahre Substanz sind über Nacht ausgelöscht, eine 82-jährige Wirtschaftsgeschichte, die in Fürth begonnen hat und die nun in Fürth endet.“ Jung, ein zurückhaltender Mann mit einer graumelierten Igelfrisur, sagt, es gebe in der Stadt keine Familie, in der nicht Betroffenheit herrsche. Allein sieben seiner Bekannten würden nun wohl arbeitslos. „Ich habe damit gerechnet, dass wir ein Drittel der Arbeitsplätze verlieren. Von einer Abwicklung der Quelle war nie die Rede. Es gibt vielfältige Verbitterungen. Es ist hier mehr Depression als Aufruhr.“

Während des langsamen Ausblutens von Grundig lag die Arbeitslosigkeit in Fürth 1998 über 13 Prozent, doch dann mauserte sich die Stadt, in der im kommenden Jahr das Jubiläum „175 Jahre deutsche Eisenbahn“ gefeiert werden soll. Das sanierte, frühere Grundiggelände „Uferstadt“ ist ein Sinnbild für den erfolgreichen Wandel: Neunzig Prozent der Büros sind schon vermietet, mehr als 2500 Menschen arbeiten dort. Bis Ende 2008 sank die Arbeitslosenquote in den zusammengewachsenen Städten Nürnberg und Fürth auf Werte um fünf Prozent. Das Bosch-Rexroth-Getriebewerk für Windkraftanlagen eröffnete im April und beschäftigt 700 Mitarbeiter. Als „mutiges Signal nach all den Hiobsbotschaften“ empfand dies Ministerpräsident Seehofer. In Fürth gibt es erfolgreiche mittelständische Firmen, sie heißen Uvex, Mederer, Bruder oder Lang, und vielleicht können sie künftig die nun arbeitslosen Menschen beschäftigen. Das symbolische Vakuum, das den Ende von Quelle hinterlässt, werden sie nicht so schnell füllen können.

„Bochumisierung“ Fürths befürchtet

In der Uferstadt wird bald auch ein Forschungszentrum für Leichtbaumaterialien gebaut. „Das interessiert jetzt aber schon keinen mehr“, sagt Wirtschaftsreferent Horst Müller. Er fürchtet durch die vielen negativen Schlagzeilen eine „Bochumiesierung“ im öffentlichen Bildes von Fürth. „Wir haben aber mit Bochum wenig zu tun“, sagt er. Die Arbeitslosenquote wird aber nach seiner Schätzung durch die Pleite von Quelle wieder auf bis zu 12 Prozent ansteigen, die Effekte auf die vielen hundert Zuliefer- und Dienstleistungsbetriebe, die viele Aufträge von Quelle bekamen, sind noch gar nicht abschätzbar. Jetzt könnte es auch eine spürbare Abwanderung aus Fürth geben, der Hamburger Otto-Versand, Hauptkonkurrent von Quelle, kündigte medienwirksam an, er werde alle Auszubildenden von Quelle übernehmen.

Das Herz von Quelle schlug dort, wo Fürth in Nürnberg übergeht und Nürnberg in Fürth. Der Firmensitz liegt in der Nürnberger Straße in Fürth, das alte Versandzentrum und Warenhaus in der Fürther Straße in Nürnberg. Das denkmalgeschützte Backsteingebäude ist eckig und zweckmäßig, das Kaufhaus ist mit künstlichen Topfpflanzen, beigem Laminatboden und alten Verkaufstresen eingerichtet, ein Schaufenster ist schon geräumt. Vor dem Personaleingang stehen Friedhofslichter, der Herbstwind hat sie schon gelöscht, einzelne Mitarbeiter verlassen das Gebäude. Sie sehen die Friedhofslichter.

„Na, wer ist denn tot?“

„Die Quelle ist tot.“

„Wir sind tot.“

Sie rauchen noch eine gemeinsame Zigarette und sagen: „Bis morgen.“ Eine 55-Jährige Mitarbeiterin trägt eine Plastikbäumchen mit nach Hause, sie hat ihn „günstig“ von der Dekoration gekauft. Ihr wurde schon vor vier Wochen gekündigt. Wut, Trauer, Entsetzen hat sie hinter sich, sagt sie, jetzt ist in ihr Leere. „Es muss einen neuen Weg gehen“, sagt sie und wirkt so, als glaube sie nicht daran, dass es diesen Weg gebe. Hinter dem Personaleingang sind auf dem Flur an der Wand große Weise zitiert. Laotse: „Wer sein Ziel kennt, findet den Weg.“ Und die Gründerwitwe Grete Schickedanz: „Der Pfennig ist die Seele der Milliarde.“

Die Schnelligkeit des Niedergangs übertraf Buddenbrooksche Ausmaße. Noch im Sommer 2002 hatte Quelle das größte Betriebsfest seiner Geschichte gefeiert, draußen im Fürther Stadtpark, mit 26 000 Mitarbeitern. Im Stadttheater moderierte Günter Jauch den Festakt. „Es war ein Jubelfest, ein Höhepunkt des Quellelebens“, sagt der Bürgermeister wie ein alter Mann, der von der Jugend erzählt. Etwa vier Milliarden Euro Umsatz machte die Quelle-Gruppe in diesem Jubiläumsjahr noch. 2008 waren es nur noch 2,8 Milliarden, aber schon Jahre zuvor wuchsen auch im Rathaus die Sorgen.

Suche nach dem Schuldigen für das Unvorstellbare

Die „Fürther Nachrichten“ druckten auch am Donnerstag Sonderseiten, die meisten Artikel stellten die Frage nach dem „Warum“. Die Stadt sucht den Schuldigen für das Unvorstellbare: Für den Bürgermeister trägt Arcandor große Schuld, es habe die Insolvenz „leichtfertig“ eingeleitet. Für viele Bürger war es Madeleine Schickedanz, die die Immobilien veräußerte und immer neue Manager ins Unternehmen holte. Fast jeder nennt den Namen Thomas Middelhoff, der von Mai 2005 bis März 2009 als Sanierer versagte. Noch im März saßen zwei hohe Quelle-Mitarbeiter, Oberbürgermeister Jung und Wirtschaftsreferent Müller zusammen und sprachen über die Zukunft. Die Zahlen seien gut, das Internetgeschäft wachse, sagten die Manager. Zwei Tage später wechselte einer der Manager zu Neckermann. Wirtschaftsreferent Müller erzählt das sehr verärgert, und über Thomas Middelhoff sagt Referent Müller: „Ich habe selten einen so arroganten Menschen erlebt, schreiben Sie das.“ Die Primondo-Manager wechselten so oft, dass die Stadt Fürth schon zwei Standardanschreiben gespeichert hatte - eines zur Begrüßung, eines zum Abschied.

Die Insolvenzverwalter pokerten zuletzt augenscheinlich hoch. Noch vor einer Woche teilte der Konzern der Presse mit, das Bieterverfahren sei „weit fortgeschritten“, der „Testkatalog überzeugt“, „die Kunden stehen zu ihrer Quelle“. Es war ein zynisches Spiel auch mit den Hoffnungen der Fürther. Wenigstens haben sie jetzt Gewissheit.

Jetzt arbeitet die bayerische Staatsregierung an einem „Zukunftsplan“. Im sozialen Bereich könnten mit Geld aus München, Brüsser und von der Bundesagentur für Arbeit neue Stellen im sozialen Bereich geschaffen werden, die Kommunen könnten etwa die Quelle-Betriebskindergärten übernehmen. Kinder, das klingt wenigstens nach Zukunft. Die Stadt Fürth wünscht für die Region einen dreistelligen Millionenbetrag, zum Beispiel für einen Autobahnanschluss für geplante Firmenneubauten. Trolli erwägt, in der Stadt eine Gummibärchenfabrik zu bauen, und Norma plant, dort eine neue Hauptverwaltung und ein Großlager errichten, das sogar Arbeit für wenig qualifizierte Arbeitslose verspricht. Einige hundert Angestellte der Quelle werden in profitablen Unternehmensbereichen, die vermutlich Käufer finden werden, unterkommen: Spezialversander wie Hess Natur, Baby Walz, in Callcentern, beim Fernsehsender HSE 24.

Auf seiner Internetseite hat Quelle die alten Marketingslogans noch nicht entfernt: „Wir blicken nach vorn. Sie auch?“ Für den „Vollversandhandel“ scheint die Zeit aber abgelaufen, das Internet hat dafür längst hunderten von kleinen Spezialversandhäusern einen neuen Markt erschlossen. Auch in Fürth gibt es so eines. Es heißt „corde-micante.de“ und verkauft historische Brautkleider, Mittelalter- und Elbenkostüme.

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Jahrgang 1981, Redakteur in der Wirtschaft.

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