04.07.2010 · Deutschland diskutiert über die Rente mit 67 Jahren. Vorstände hören dagegen oft mit 60 Jahren auf. Beim Energieversorger RWE betrifft das in nächster Zeit vier von sechs Vorstandsmitgliedern.
Von Julia Löhr und Werner SturbeckManchmal kommt das Ende schneller als erwartet. Zwischen Dezember 2011 und März 2013 werden vier des sechs Mitglieder zählenden Vorstandes des Energieversorgers RWE das 60. Lebensjahr vollenden – die offizielle Altersgrenze im Konzern. Den Vorstandsvorsitzenden Jürgen Großmann, selbst Jahrgang 1952, bringt das in eine knifflige Situation. Schließlich gilt es, Kontinuität in der Unternehmensführung zu wahren – was schwierig ist, wenn ständig die Suche nach einem Nachfolger für eines der Ressorts läuft. Großmann suchte deshalb nach einer anderen Lösung: Er wollte kurzerhand zwei Vorstände schon vor deren Vertragsende ersetzen.
So soll der seit 1977 im RWE-Konzern tätige Ulrich Jobs zum Jahresende ausscheiden. Der Achtundfünfzigjährige ist für das operative Geschäft im Ausland zuständig. Ebenfalls zum Jahresende wollte Großmann für den 57 Jahre alten Finanzvorstand Rolf Pohlig einen jüngeren Nachfolger einsetzen. Aber diesen zweiten „Frührenter“ ließ der RWE-Aufsichtsratsvorsitzende Manfred Schneider nicht durchgehen. Um zu verhindern, dass bei RWE wie schon im Jahr 2007 innerhalb weniger Monate der Vorstandsvorsitz und das Finanzressort neu besetzt werden müssen, will er im September den Vertrag von Pohlig verlängern. Als Bayer-Aufsichtsratsvorsitzender hat Schneider in vergleichbarer Ausgangslage bei dem Leverkusener Chemie- und Pharmakonzern ähnlich entschieden. Dort ließ er Anfang des Jahres den Finanzvorstand ziehen und verlängerte den Vertrag von Bayer-Chef Werner Wenning bis Ende September 2010.
Kollaps der gesetzlichen Rentenversicherung
Im Berufsleben gibt es zwei verschiedene Alterungsprozesse: Vorstände altern schneller als gewöhnliche Arbeitnehmer. Für Otto Normalverbraucher schiebt die Regierung die gesetzliche Altersgrenze von 2012 an Jahr für Jahr um einen Monat auf 67 Jahre hinaus. Der wichtigste Grund für die Verlängerung der Lebensarbeitszeit ist die wachsende Lebenserwartung. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschiebt sich das Verhältnis von Lebensarbeitszeit und Ruhestand stetig in Richtung Rentnerdasein. Die angehobene Altersgrenze soll dem Kollaps der gesetzlichen Rentenversicherung vorbeugen.
Ganz anders sieht die Entwicklung in den Führungsetagen der deutschen Wirtschaft aus. Vorstände werden immer früher in den Ruhestand geschickt. Nach einer Studie der Unternehmensberatung Booz & Company ist das Durchschnittsalter freiwillig oder unfreiwillig ausscheidender Vorstandsvorsitzender von knapp 59 Jahren im Jahr 2003 auf knapp 56 Jahre im vergangenen Jahr gesunken. Die für Führungskräfte jahrzehntelang bei 65 Jahren liegende Altersgrenze ist in vielen Unternehmenssatzungen auf die Regelaltersgrenze von 60 Jahren zurückgesetzt worden.
Dabei gibt es einige Gesellschaften, in denen diese Ruhestandsgrenze grundsätzlich gilt, etwa bei Thyssen-Krupp. Aber nur für den Holding-Vorstand: Der Vorstandsvorsitzende Ekkehard Schulz, der bald 69 Jahre alt wird, ist eine Ausnahme. Im Gütersloher Medienkonzern Bertelsmann hat der einstige Eigentümer Reinhard Mohn vor Jahrzehnten die 60-Jahre-Regelung eingeführt, vorgelebt und strikt überwacht. Erst seine Witwe Liz Mohn hat das Prinzip aufgeweicht, als sie dem 61 Jahre alten Vorstandsvorsitzenden Gunter Thielen eine dreijährige Vertragsverlängerung gewährte. Im Düsseldorfer Konzern Henkel ist mit 62 Jahren Schluss für Führungskräfte.
Für Ulrich Goldschmidt, Geschäftsführer des Verbands „Die Führungskräfte“, sind solche starren Altersgrenzen überholt. Er plädiert für eine Anhebung, die dem ähnlich ist, was für den Rest der Bevölkerung gilt. „Die meisten Führungskräfte haben kein Problem damit, mit 58 oder 60 Jahren aufzuhören. Sie arbeiten dann oft ehrenamtlich in Stiftungen oder in anderer Funktion weiter“, so seine Beobachtung. „Aber die Unternehmen können es sich nicht mehr leisten, Führungskräfte so früh zu verabschieden. Wegen der großzügigen Vorruhestandsregeln der Vergangenheit fehlen die Nachrücker.“
Führungskräfte sind in der Regel nicht so ausgelaugt
Gängiger als strikte Altersgrenzen ist der Satzungspassus, dass Vorstände nach Vollendung des 60. oder 62. Lebensjahres nur noch ein- oder zweijährige Verträge erhalten. Diese können wiederum in einigen Konzernen bis zum 65. Lebensjahr erneuert werden. Dies ist zum Beispiel im Düsseldorfer Versorgerkonzern Eon der Fall. Der amtierende Aufsichtsratsvorsitzende Ulrich Hartmann wechselte erst im Alter von 64 Jahren in das Kontrollgremium. Sein Nachfolger Wulf Bernotat zog sich, zunächst nicht ganz freiwillig, im Frühjahr im Alter von 61 Jahren zurück. Auch RWE arbeitet nach der Regel 60 Jahre zuzüglich kurzer Verlängerungsverträge.
Unternehmen dürfen nach dem Corporate-Governance-Kodex, der die Regeln für gute Unternehmensführung enthält, den vorzeitig ausscheidenden Vorständen maximal zwei Jahresgehälter als Abfindung mitgeben. RWE-Vorstand Jobs würde, sofern dies der Aufsichtsrat im Herbst beschließt, das Unternehmen 15 Monate vor Vertragsablauf verlassen. In dieser Zeit bekäme der dann 57 Jahre alte Frührentner sein Festgehalt. Laut jüngstem Geschäftsbericht sind das 760 000 Euro erfolgsunabhängige Jahresvergütung – und sofort auch die zugesagte Pension von 274 000 Euro Ruhegeld im Jahr. Die gleichen Ansprüche hätte auch Pohlig, obwohl er noch keine vier Jahre bei RWE arbeitet.
Vorzeitige Vertragsauflösungen vor Erreichen der Regelaltersgrenze sind nicht nur eine teure Angelegenheit für die Unternehmen. Weil die damit verbundenen Kosten steuermindernd wirken, zahlt auch die Allgemeinheit für die Frühverrentung. Dabei sind Führungskräfte in der Regel nicht so ausgelaugt, dass sie bis zu zehn Jahre vor dem normalen Arbeitnehmer in den Ruhestand treten müssten. Im Gegenteil: Viele sind frustriert über ihr frühes Ausscheiden und suchen sich andernorts Anerkennung. So teilen sich im Frankfurter Westend neuerdings der ehemalige Dresdner-Bank-Chef Herbert Walter, der ehemalige Deutsche-Bahn-Chef Hartmut Mehdorn und der ehemalige Bahn-Finanzvorstand Diethelm Sack ein Büro. Sie arbeiten jetzt als Unternehmensberater.
Das geht eben
David Zett (dzett)
- 03.07.2010, 23:17 Uhr
Veruntreuung von Aktionärsvermögen
Karsten Krug (kkrug)
- 04.07.2010, 12:20 Uhr
Rente ab 67 doch nur auf dem Papier...
Michael Meier (never1)
- 04.07.2010, 12:24 Uhr
Denkfehler im Artikel
Alex Merck (AlexM3)
- 04.07.2010, 15:25 Uhr
Es hat schon einen gewissen Sinn...
Marvin Parsons (mapar)
- 04.07.2010, 15:45 Uhr
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