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Frauen im Telekom-Vorstand Zwei auf einen Schlag

10.07.2011 ·  Es sollte ein Coup werden, doch er ist nur halb geglückt. Die Frauenoffensive der Telekom wirft Fragen auf: Will der Konzern so vom tristen Geschäft ablenken? Und wie geeignet sind diese Frauen wirklich?

Von Helmut Bünder und Julia Löhr
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Manche Revolutionen fressen ihre Kinder, andere den Vater. Der heißt in diesem Fall Thomas Sattelberger, ist Personalvorstand der Deutschen Telekom und diesen Job bald los, weil er seiner eigenen Frauenförderungspolitik zum Opfer fällt. So geht eine beliebte Version dessen, was sich in den vergangenen Tagen im Bonner Telefonkonzern abgespielt hat. „Das ist törichtes Geschwätz. Im Gegenteil. Ich wollte das so“, sagt Sattelberger. Seine Version in der Kurzfassung: Er wollte sein großes Projekt „Frauenpower für die Telekom“ in den richtigen Händen wissen, hat deshalb Marion Schick als Nachfolgerin ausgesucht und wird für sie bereitwillig sein Büro räumen, wenn sein Vertrag im Mai kommenden Jahres ausläuft. So habe er es schon im Herbst vergangenen Jahres für sich entschieden. „Alle, die mich kennen, wissen, dass ich Überzeugungstäter bin und tue, was ich sage.“

Nun wird er also von Januar an Marion Schick einarbeiten und der früheren CDU-Kultusministerin von Baden-Württemberg beibringen, wie die anstehenden Tarifverhandlungen bei der Telekom funktionieren. Gewerkschaftsvertretern gilt Sattelberger als harter Hund. Aber der Mann mit der markanten Brille ist auch ein Querdenker und Ideengeber. Als er vor gut einem Jahr das Ziel ausgab, bis 2015 nicht weniger als 30 Prozent der Stellen im mittleren und oberen Management der Telekom mit Frauen zu besetzen, trat er eine Diskussion los, die ihm in den deutschen Konzernen nicht nur Freunde verschaffte. „Wir werden sehr schnell drei bis vier Dax-Konzerne sehen, die nachziehen“, sagte Sattelberger damals. Doch so weit wie die Telekom ist bislang noch niemand gegangen. Selbst das Bonner Schwesterunternehmen Deutsche Post will nichts von einer Quote wissen. „Wenn, dann wäre so etwas vor zehn oder zwanzig Jahren sinnvoll gewesen“, sagt Vorstandschef Frank Appel. „Wenn eine Frau die beste Kandidatin für einen Vorstandsposten ist, dann werden wir sie auch berufen - dafür bedarf es keiner Quote.“

Wer will schon als männlicher Kungelclub dastehen?

Der Frauenanteil in den Vorständen der deutschen Wirtschaft verharrt seit Jahren auf niedrigem Niveau. Im vergangenen Jahr betrug er in den 200 größten Unternehmen 3,2 Prozent, hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) errechnet. Betrachtet man nur die 100 größten Unternehmen, fällt das Ergebnis mit 2,2 Prozent weiblichen Vorständen noch niedriger aus. Nur in Indien ist die Lage ähnlich schlecht. Kein Wunder, dass Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) nicht müde wird, eine verbindliche Frauenquote zu fordern. Was die Unternehmen unter allen Umständen verhindern wollen.

Auch deshalb prescht die Telekom ein zweites Mal vor. Zwei Frauen auf einen Schlag holt Konzernchef René Obermann in den bisher nur von Männern beherrschten Vorstand, eine dritte ist in Warteposition. Wie schon im März vorigen Jahres rollen auch jetzt die Verantwortlichen in anderen großen Unternehmen die Augen. Eine tolle PR-Aktion sei das, heißt es, mal durchaus anerkennend, mal eher missgünstig, aus den Reihen der Konkurrenz. Drei Frauen im Telekom-Vorstand, das kommt in der Bevölkerung gut an, das setzt andere Unternehmen unter Druck. Welcher Vorstand will schon als männlicher Kungelclub dastehen?

Ganz nebenbei lässt sich so auch von der geschäftlichen Tristesse ablenken. Bis die Telekom wirklich wieder Tritt fasse, werde es zwei, drei Jahre dauern, schätzt Lars Labryga von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Da liege es nahe, „sich durch gesellschaftspolitische Themen wie die Frauenförderung positiv ins Gespräch zu bringen“. Der Coup ist aber nur halb geglückt. Die Begleitumstände haben Obermann und seinen PR-Strategen den Auftritt verdorben. Reibungslos akzeptiert wurde nur Claudia Nemat, eine McKinsey-Partnerin und gelernte Physikerin, die das Europaressort übernimmt. Der offene Krach mit der Gewerkschaft Verdi um die Ernennung der neuen Personalchefin Schick lässt sich noch als Teil des üblichen Rituals abtun. Verdi-Vize Lothar Schröder, zugleich stellvertretender Aufsichtsratschef, fühlt sich übergangen, weil die Kandidatin ohne Beteiligung der Gewerkschaft ausgesucht wurde.

Schwerer wiegt das politische Tauziehen um die Dritte im Bunde, die als Nachfolgerin von Manfred Balz im Vorstand die Verantwortung für Recht und Datenschutz übernehmen soll. Gleichgültig, ob die frühere Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) das Rennen gewinnt oder die FDP-Frau Birgit Grundmann, die als beamtete Staatssekretärin im Justizministerium arbeitet: Keine der beiden bisher gehandelten Kandidatinnen würde unbeschädigt aus der Debatte herauskommen. Ob berechtigt oder nicht: Das Etikett der „Proporzfrau“ bliebe wohl kleben.

Aktionismus und Effekthascherei

Die Telekom wirkt plötzlich wieder wie der alte Staatsmonopolist, in den die Parteien nach Belieben hineinregieren. Für amerikanische oder britische Aktionäre eine Horrorvorstellung. „Schon der Anschein, dass die Politik Einfluss auf die Besetzung der Vorstandsposten genommen haben könnte, ist für die Wahrnehmung der Telekom nicht hilfreich“, sagt Labryga. Bei der Entscheidung über die Balz-Nachfolge dürften weder das Geschlecht noch das Parteibuch eine Rolle spielen. Die Telekom brauche eine „über jeden Zweifel erhabene Persönlichkeit mit der besten Qualifikation“. Aus Anlegersicht sei die schlagartige Erhöhung des Frauenanteils ohnehin eher zweifelhaft. „Dem Aktienkurs wird es nicht helfen, wenn mehr Frauen im Vorstand sitzen. Im Gegenteil: Durch die Wirren bei der Umbesetzung könnte sogar der Eindruck entstehen, dass sich die Telekom-Führung auf Nebengleisen verliert.“ Fondsmanager Hennig Gebhardt von der DWS, mit 1,1 Prozent der Anteile einer der größten Telekom-Aktionäre, sieht das entspannter. Auch er warnt aber vor einem Auswahlverfahren über das Parteibuch. „Die neuen weiblichen Vorstände der Telekom müssen sich durch ihre Leistung bestätigen.“

Ob das gelingt, darüber sind Personalberater geteilter Meinung. „Diese Frauen sind wirklich gut“, meint Jacqueline Bauernfeind von der Gesellschaft Board Consultants in München. „Ja, sie könnten auch scheitern, wie jeder, der eine neue Aufgabe in einem neuen Umfeld antritt - aber das trifft auf Männer und Frauen gleichermaßen zu.“ Hubertus Douglas von der Personalberatung Korn Ferry ist kritischer. Er spricht von Aktionismus und Effekthascherei, mit einer neutralen Suche habe das nichts zu tun. „Das ist wieder einmal typisch deutsch: Eine an sich vernünftige Sache wird in einer Hauruck-Aktion durchgeboxt.“

Im Moment werde so getan, als ob jede Frau mit etwas Berufserfahrung für eine Vorstandsposition geeignet sei, doch so sei es nun mal nicht. „Wenn ein Personalberater die Profile dieser Frauen anonym und ohne Angabe des Geschlechts präsentiert hätte, ich bin mir sicher, sie wären nicht genommen worden“, sagt Douglas mit Blick auf die Telekom. Schon das Beispiel Daimler hat die Gemüter erhitzt: Dass eine Frau wie Annette Winkler nun die Kleinwagen-Sparte Smart führt, damit sind viele einverstanden. Gute Ergebnisse, Erfahrung im Konzern, die Frau kann was, ist immer wieder zu hören. Anders klingt das, wenn es um Christine Hohmann-Dennhardt geht. Eine Verfassungsrichterin für den Daimler-Vorstand - ein Feigenblatt, sagen bissige Zungen.

Fondsmanager Gebhardt wünscht sich ein bisschen mehr Zurückhaltung von der Politik, die großen Druck auf die Wirtschaft ausübe. „Schnelle Lösungen schaden mehr als sie nutzen“, sagt er. Die Weichen für Spitzenpositionen würden eben früh in der Karriere gestellt, und deshalb sei das Reservoir für weibliche Vorstände noch begrenzt. Aktionärsschützer Labryga vertritt die Ansicht, dass das Thema Frauenförderung politisch überhöht wird. Die Frauen seien längst im Kommen, jedes klug geführte Unternehmen versuche schon aus eigenem Interesse, die besten weiblichen Köpfe für sich zu gewinnen.

Teils mit, teils ohne Quote

Längst ist es so, dass Männer im mittleren Management um ihre Karrieren fürchten. In nächster Zeit würden sowieso nur noch Frauen zum Zuge kommen, konstatieren sie achselzuckend und fügen mehr gequält als überzeugt hinzu, dann hätten sie eben mehr Zeit für Familie und Hobbys. Auch Jacqueline Bauernfeind wird dieser Tage oft von Kandidaten auf die neue Diskriminierung angesprochen. „Es gibt eine Generation von Männern, vielleicht fünf Jahrgänge, die haben jetzt das Nachsehen, weil bei gleicher Qualifikation Frauen bevorzugt werden.“ Schlimm findet sie das nicht. „So ist es eben. In der Vergangenheit war es umgekehrt.“

Der Druck auf die Unternehmen, darin besteht weitgehend Einigkeit, wird nicht abnehmen, ganz im Gegenteil. Nicht so sehr wegen des Vorpreschens der Telekom, sondern vor allem wegen des Vorpreschens anderer Länder, die längst mehr Führungsfrauen haben, teils mit, teils ohne Quote. „Die Frauen in Deutschland sind im internationalen Vergleich mit am besten ausgebildet“, sagt Hubertus Douglas. Die Hälfte der Abiturienten und mehr als die Hälfte der Hochschulabsolventen sind weiblich, oft haben sie noch dazu die besseren Noten. Doch warum kommen nur so wenige oben an?

Studien der Unternehmensberatung Accenture und der KfW-Bankengruppe haben gezeigt, dass Frauen - anders als viele Männer - nicht bereit sind, ihrem Beruf alles im Leben unterzuordnen. Die Chefetagen sind dagegen von Präsenz- und Arbeitskult geprägt. Hinzu kommt, dass viele Vorstandsvorsitzende eine Hausfrau als Partnerin haben. Berater fordern von beiden Seiten ein Umdenken. Frauen müssten mehr Ehrgeiz zeigen, Vorstände und Aufsichtsräte alte Denkmuster ablegen.

Aber auch die Regierung sei in der Pflicht. Nicht mit einer Quote, nicht mit Druck auf Unternehmen mit Staatsbeteiligung, sondern mit besseren Rahmenbedingungen. „Es ist noch immer nicht gelungen, Frauen nach der Familiengründung einen adäquaten Wiedereinstieg zu ermöglichen“, kritisiert Douglas. „Es fehlt ein flächendeckendes System von Ganztagsschulen. Ich weiß, das ist radikal, aber alle Atomkraftwerke abzuschalten ist auch radikal. Wenn eine Gesellschaft etwas wirklich will, geht alles.“

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Jahrgang 1957, Wirtschaftskorrespondent in Bonn.

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