http://www.faz.net/-gqe-771zt
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 19.02.2013, 17:41 Uhr

Französische Staatsbahn Mit dem Billig-TGV für zehn Euro ans Mittelmeer

Die französische Staatsbahn ahmt Billigflieger nach: Sie vereinfacht den Komfort, stopft ihre Hochgeschwindigkeitszüge voll und verlangt nur ein paar Euro. Das Angebot soll vor allem Studenten und Familien ansprechen

von
© AFP Mit dem neuen Billig-Schnellzug „Ouigo“ will die französische Staatsbahn neue Geschäftsfelder erschließen

Ähnlich wie die Billig-Fluggesellschaften will die französische Staatsbahn künftig mit einem breiten Angebot von Niedrigpreisen um neue Kunden werben. Die SNCF hat in Paris ein neues Bahnkonzept vorgestellt, das auch international als aufschlussreiches Experiment gilt: Es sieht Hochgeschwindigkeitszüge mit einfachem Komfort und hoher Passagierdichte vor, die möglichst häufig unterwegs sein sollen. Jede Woche werden von April an 62 Züge zwischen den Bahnhöfen Marne-la-Vallée (beim Vergnügungspark Euro Disney nahe Paris) sowie Marseille, Lyon und Montpellier verkehren. Die Preise für die höchstens dreieinhalb Stunden lange Fahrt ans Mittelmeer beginnen für Erwachsene bei 10 Euro je Einfachticket und betragen für kleine Kinder in Begleitung eines Erwachsenen nur 5 Euro. Ein Kleingruppentarif für 4 bis 8 Reisende ab 20 Euro pro Person ist in bestimmten Zügen ebenfalls erhältlich. „Vor allem Familien finden häufig keine Angebote, die gegen das Auto bestehen können. Darauf wollen wir reagieren“, sagte der SNCF-Vorstandsvorsitzende Guillaume Pepy bei der Vorstellung der neuen Zugangebote unter dem Namen „Ouigo“.

Erste Klasse gibt es nicht

Christian Schubert Folgen:

Die Kosten will die Staatsbahn auf mehreren Ebenen senken: Sie benutzt Bahnhöfe außerhalb der großen Städte, weil dies die Gleisgebühren verringert, die sie an die in Frankreich getrennte Infrastrukturgesellschaft RFF abführen muss. Außerdem sind Buchungen nur über das Internet erlaubt, und Gepäckstücke müssen sich auf einen Koffer plus ein Stück Handgepäck beschränken, wenn ein Aufschlag vermieden werden soll. Die eingesetzten Doppelstockzüge haben weder eine erste Klasse noch einen Restaurantwagen und transportieren daher bis zu 1270 Personen - ein Fünftel mehr als herkömmliche Hochgeschwindigkeitszüge. Ihre Betriebszeiten erhöhen sich von rund acht auf zwölf Stunden.

Die Tickets werden schon beim Einsteigen kontrolliert, so dass sich nur vier Zugbegleiter an Bord befinden. Eine halbe Stunde vor Abfahrt sollen die Passagiere zur Fahrscheinkontrolle am Bahnhof sein. Wie günstig die Preise im Einzelfall sind, hängt auch vom Zeitpunkt des Buchens ab. Frühestens bestellen kann man 6 Monate vorher. Als preisliche Höchstgrenze gibt die SNCF 85 Euro je einfacher Fahrt an. Doch die Bahngesellschaft verspricht, dass ein Viertel der Tickets weniger als 25 Euro kosten werden.

TGV-Geschäft stagniert

Als Zielgruppe hat die SNCF junge Leute (18 bis 45 Jahre), wie Studenten oder junge Erwerbstätige, aber auch Familien und Kleingruppen im Visier. Einen höheren Zeitaufwand müssen die Reisenden akzeptieren. Der Bahnhof von Marne-la-vallée östlich von Paris beispielsweise ist die letzte Station der S-Bahnlinie („RER“) A. Vom Stadtzentrum in Paris aus dauert die Fahrt mindestens 40 Minuten.

Mehr zum Thema

Mit dem neuen Angebot reagiert die SNCF auch auf die Stagnation der Passagierzahlen im klassischen TGV-Geschäft. Zwischen 2000 und 2008 stieg die Passagierzahl noch um 42 Prozent, allerdings auch weil neue Strecken eröffnet wurden. Seit 2008 registrierte die französische Bahn dagegen nur noch ein Plus von 2 Prozent. Als Gründe nennt die SNCF die Wirtschaftskrise sowie die Preiserhöhungen, die sie aufgrund der gestiegenen Gleisgebühren für unvermeidlich hielt. Auch haben wohl einige Bauarbeiten die Reisezeiten verlängert und die Passagiere abgeschreckt.

Dennoch hat die SNCF im vergangenen Jahr ihren Umsatz um 3 Prozent auf 33,8 Milliarden Euro erhöht. Dafür waren vor allem die Infrastrukturarbeiten im Auftrag der RFF sowie der Nahverkehr im In- und Ausland verantwortlich. Der Nettogewinn verdreifachte sich sogar auf 338 Millionen Euro, obwohl der operative Gewinn im Gütertransport auf der Straße und der Schiene um gut 40 Prozent einbrach.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Arbeitsmarktreformen Hollande macht den Schröder

Obwohl es in ganz Frankreich zu Protesten und Streiks kommt, weicht Präsident Hollande von seinen Reformenplänen nicht ab. Inzwischen bezeichnet er sich als Sozialdemokrat - in Anlehnung an Gerhard Schröder. Mehr Von Michaela Wiegel, Paris

17.05.2016, 18:08 Uhr | Politik
Serientrailer Marseille

Marseille läuft ab sofort auf Netflix. Mehr

18.05.2016, 15:24 Uhr | Feuilleton
Architektur-Biennale in Venedig Sind unsere Städte am Ende?

Sie wurden verdächtigt, den kommenden Aufstand geschrieben zu haben, und als Terroristen verhaftet. Jetzt erklären die Aktivisten von Tarnac die Stadt für tot und bauen experimentelle Siedlungen auf dem Land. Mehr Von Niklas Maak

24.05.2016, 06:24 Uhr | Feuilleton
Vom Radar verschwunden Egypt-Air-Flugzeug auf Flug von Paris nach Kairo vermisst

Ein Passagierflugzeug von EgyptAir mit 69 Menschen an Bord wird nach Angaben der Fluggesellschaft vermisst. Die Maschine war auf dem Flug von Paris nach Kairo. Sie ist über dem Mittelmeer vom Radar verschwunden, erklärte das Unternehmen über den Kurznachrichtendienst Twitter. Mehr

19.05.2016, 07:56 Uhr | Gesellschaft
Arbeitsmarktreform Sprit-Blockaden in Frankreich treffen Urlauber

Die Streiks gegen die Arbeitsmarktreform lähmen nicht nur die französische Wirtschaft. Urlauber aus dem Ausland sollten ihre Heimreise sorgfältig planen. Der ADAC hat einen Rat. Mehr

25.05.2016, 17:15 Uhr | Wirtschaft

Verdächtige Vermögen

Von Holger Steltzner

Jeder soll künftig die Herkunft seines Vermögens nachweisen – so steht es in einer Beschlussvorlage des SPD-Vorstands. Was für ein Menschenbild haben die Sozialdemokraten? Mehr 32 183


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Wirtschaftsblog „Fazit“ Warum Umverteilung dem Wachstum doch schadet

Ungleichheit schadet dem Wachstum, Umverteilung ist nützlich: So ist es in den Schlagzeilen der vergangenen Monate zu lesen. Vielleicht ist das ein Fehlschluss. Mehr Von Patrick Bernau 0

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden