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SNCM : Französische Fährgesellschaft droht zu kentern

SNCM-Fähre in Bastia Bild: AFP

Das französische Unternehmen SNCM betreibt Fähren nach Korsika, Sardinien und Nordafrika. Nun will das mehrheitlich staatliche Unternehmen Konkurs anmelden. Auch um der Rückzahlung staatlicher Beihilfen zu entgehen.

          In Marseille, Ajaccio und Bastia kennt die blau-weißen Schiffe jeder. Seit den sechziger Jahren ist der französische Fährbetreiber SNCM zwischen Südfrankreich und Korsika unterwegs. Nun aber droht dem Transportgeschäft die Einstellung oder im besten Fall die Übernahme plus Schrumpfkur. Die SNCM ist zahlungsunfähig und will in Kürze vor einem französischen Gericht Konkurs anmelden, um Gläubigerschutz zu erhalten. Dies kündigte die SNCM-Geschäftsführung zu Wochenbeginn an.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Für den Verkehr zwischen der südfranzösischen Küste und Korsika sind zwei Fährgesellschaften zugelassen: Die private Gesellschaft Corsica Ferry, die erfolgreich arbeitet, sowie die SNCM, die inklusive ihrer indirekten Eigentümer sich mehrheitlich in der Hand des französischen Staates befindet. Die SNCM ist seit vielen Jahren der Verlierer dieses Wettbewerbs und konnte nur mit Subventionen über Wasser gehalten werden. Diese Beihilfen sind auch Gegenstand eines Streits mit der Europäischen Kommission: Sie fordert die Rückerstattung von Subventionen in Höhe von 440 Millionen Euro. Die Konkursanmeldung ist daher auch ein technischer Trick, um der Rückzahlung zu entgehen. Der SNCM-Hauptaktionär zu 66 Prozent, die Transportgesellschaft Transdev – die jeweils hälftig dem Veolia-Konzern und der staatlichen französischen Beteiligungsgesellschaft Caisse des Dépôts gehört – hat die sofortige Tilgung eines Darlehens an die SNCM von 103 Millionen Euro verlangt. Weil die Fährgesellschaft nur noch über ein Umlaufvermögen von 35 Millionen Euro verfügt, ist sie nun offiziell zahlungsunfähig.

          Ob die SNCM der Rückzahlung der illegalen Subventionen entgehen kann, ist unklar. Die Eigentümer hoffen auf eine ähnliche Regelauslegung wie im Fall des Paket- und Gepäckdienstes Sernam, aus deren Konkursmasse heraus der zur staatlichen Bahngesellschaft SNCF gehörende Spediteur Geodis 2012 die Hälfte der Belegschaft übernahm und keine Subventionen zurückerstatten musste.

          Gewerkschaften haben überfällige Sanierung immer wieder verhindert

          Die SNCM ist freilich ein spezieller Fall. Militante Gewerkschaften haben durch wochenlange Streiks die überfällige Sanierung immer wieder verhindert. Im Jahr 2005 entführten radikale Gewerkschaftsmitglieder, die teilweise auch der korsischen Unabhängigkeitsbewegung nahestehen, dafür sogar ein Schiff. Managementfehler im Zuge der häufigen Wechsel im Eigentümerkreis kamen hinzu. Im Jahr 2006 wurde die SNCM privatisiert, die Fondsgesellschaft Butler Capital und Veolia übernahmen zusammen die Mehrheit, der Staat behielt 25 Prozent. Zwei Jahre spät kaufte Veolia auch die Teile von Butler, doch die Lage wurde dadurch nicht besser – auch nicht als sich Veolia aus dem Transportwesen zurückzog und seine Geschäfte zur Hälfte auf Transdev übertrug. Jetzt wollen sich beide Eigentümer so schnell wie möglich von der SNCM trennen. Seit 2001 hat die Fährgesellschaft nur in einem Jahr einen kleinen Gewinn erzielt. Drei Fähren sowie vier kombinierte Fracht- und Passagierschiffe sind verblieben. 2013 erzielten die gut 2000 Beschäftigten, denen auch 9 Prozent des Unternehmens gehören, nur einen Umsatz von 229 Millionen Euro und transportierten lediglich etwas mehr als eine Million Passagiere – ungefähr so viel wie 1993. Die Verbindungen nach Nordafrika und nach Sardinien haben die Misere nur wenig gemildert.

          Der Konkurrent Corsica Ferry, der zum Besitz der korsischen Familie Lota aus Bastia gehört, transportiert jährlich dagegen zweieinhalb mal so viele Passagiere wie die SNCM. Corsica Ferry hat auf den Verbindungen nach Korsika zwei Drittel der Marktanteile erobert. Siebzehn Fähren sind unter italienischer Flagge unterwegs, was die Personalkosten senkt. So kann Corsica Ferry seine Fährstrecken rund 20 bis 30 Prozent billiger anbieten als die SNCM. Das Unternehmen setzte zudem früh auf das Geschäft im Internet.

          Für die Zukunft der SNCM hoffen die Beteiligten nun auf einen Retter aus dem Ausland. „Es gibt fünf oder sechs Interessenten aus verschiedenen europäischen Ländern, die sich das Dossier derzeit anschauen“, berichtete am Dienstag der Transdev-Vorstandsvorsitzende Jean-Marc Janaillac. Bekannt war bisher das Interesse der amerikanischen Gesellschaft Baja Ferries. Der norwegische Fährbetreiber Siem zog dagegen seine Kandidatur zurück. Viel wird davon abhängen, ob die EU auf die Rückzahlung der 440 Millionen Euro besteht. Der europäische Gerichtshof sagte in dieser Woche, dass mindestens an der Hälfte dieser Summe kein Weg vorbeiführe.

          Quelle: F.A.Z.

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