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Banken-Kommentar : Das suchen französische Großbanken in Deutschland

Immer mehr verleiben sich französische Großbanken, wie die Société Générale, kleinere Teile der deutschen Banken ein. Bild: EPA

Im direkten Vergleich mit französischen Großbanken sehen die deutschen Geldhäuser blass aus. Schon jetzt übernehmen sie immer mehr deutsche Häuser. Bald auch Deutsche und Commerzbank?

          Wäre es tollkühn, wenn eine der französischen Großbanken die Deutsche Bank oder die Commerzbank kaufen würde? Der Gedanke ist nicht deshalb abwegig, weil sich eine französische Großbank das nicht leisten könnte. Vielmehr sind beide deutschen Großbanken in dermaßen mieser Verfassung, dass sich französische Großbanken mit ihnen als Ganzes nur verschlechterten. Deshalb expandieren viele hierzulande geschickter und stärken sich durch gezielte, kleinere Zukäufe. Nennenswerte Marktanteilsgewinne deutscher Banken oder Fondsgesellschaften auf der anderen Seite des Rheins bleiben dagegen aus.

          Das Ungleichgewicht lässt sich an wenigen Zahlen festmachen. Jede der fünf großen französischen Banken hat 2017 mehr als 2 Milliarden Euro netto verdient. Die Commerzbank kam nicht einmal auf 200 Millionen Euro, die Deutsche Bank musste mit gut 700 Millionen Euro gar den dritten Jahresverlust nacheinander hinnehmen. Besonders BNP Paribas ist enteilt. Die größte französische Bank hat 2017 sage und schreibe 7,8 Milliarden Euro Gewinn erzielt. An der Börse ist BNPParibas 78 Milliarden Euro wert, das Dreifache der Deutschen Bank, das Sechsfache der Commerzbank.

          Nicht nur Börsianer schätzen BNPParibas. Auch von ihrem Zugang zu Großunternehmen können Deutsche Bank und Commerzbank nur träumen. Während die Deutsche Bank ihren Heimatmarkt im Kreditgeschäft vernachlässigt hat, ist die Commerzbank im Kapitalmarktgeschäft für internationale Kunden kaum konkurrenzfähig. BNPParibas dagegen ist beiderseits stark: Die eine Hälfte der Erträge liefert das Zinsgeschäft, die andere Hälfte Gebühren. Obwohl viele Deutsche BNPParibas nicht kennen, ist die Bank hierzulande auch im Privatkundengeschäft sehr aktiv. 2002 hat sie den Online-Broker Consors gekauft, 2016 die DAB Bank. So ist eine Direktbank entstanden mit 5 Millionen Kunden, halb so viele, wie die Commerzbank hat. Diese tritt allerdings zweifach an: mit einer teuren Filialbank und mit der filiallosen Comdirect. BNPParibas dagegen wirkt froh, hierzulande keine Filialen zu haben.

          Mutige Schritte über den Rhein

          Böse Zungen sagen, der Commerzbank-Vorstand taste das wenig ausgelastete Filialnetz deshalb nicht an, weil es vor einer Übernahme schütze. Diese provokante These muss man nicht teilen, aber richtig ist: Wer die Commerzbank übernähme, hätte 1000 Standorte am Bein, von denen viele durch das Online-Banking über kurz oder lang unrentabel werden dürften und dann geschlossen werden müssten. Warum sollte sich ein Käufer dem aussetzen?

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          Diese Frage dürfte auch die Führung der Société Générale leiten. Anstatt die Commerzbank zu kaufen, bietet die drittgrößte französische Bank gerade für deren zum Verkauf stehende Sparte mit Indexfonds (ETF) und Zertifikaten. Hier gehört Société Générale mit ihrer Fondsgesellschaft Lyxor und Kundenvermögen von 70 Milliarden Euro schon zu den drei größten Anbietern in Europa. Die 8 Milliarden Euro ETF-Vermögen der Commerzbank passen gut dazu. Société Générale ist bereit, einen dreistelligen Millionenbetrag zu zahlen, und hat sich gegen die Rivalen Goldman Sachs und Barclays durchgesetzt. Der Kauf dürfte bald verkündet werden.

          Auch dem Crédit Agricole, der zweitgrößten französischen Bankengruppe, wird nachgesagt, er werde bald auf dem deutschen Bankenmarkt zukaufen. Diese Spekulation ist insofern plausibel, als Crédit Agricole über hohe Geldreserven verfügt und hierzulande noch Nachholbedarf hat.

          Der Crédit Mutuel hingegen hat im Sommer 2008 zu dem Zeitpunkt, als die Commerzbank die Dresdner Bank kaufte, die Citibank für fast 5 Milliarden Euro übernommen. Das stellte sich im Nachhinein als unglücklicher Moment kurz vor der Eskalation der Finanzkrise heraus. Aber Crédit Mutuel hat durchgehalten und die in Targobank umbenannte Citibank stabilisiert. Mutige Schritte über den Rhein hat auch Philippe Oddo unternommen. Nach der Seydler-Bank und der Fondsgesellschaft Meriten schnappte der Pariser Bankier mit seinem Königstransfer dem chinesischen Investor Fosun die BHF-Bank vor der Nase weg. Nun beschäftigt Oddo in Deutschland mehr Mitarbeiter als in Frankreich. Ob er Erfolg hat, muss sich noch zeigen. Aber dieser Franzose hat immerhin Visionen.

          Gibt es gemeinsame Stärken französischer Banken? Worauf gründen sie ihre Expansion? Frankreichs Großbanken dominieren ihren Heimatmarkt und setzten dort hohe Preise durch. Deutsche Bank und Commerzbank bekommen dagegen gegen Sparkassen und VR-Banken oft kein Bein auf die Erde. Nicht einmal 15 Prozent Marktanteil haben sie hierzulande erreicht. Damit fehlt deutschen Banken die ertragreiche Basis, von der aus sie ins Ausland expandieren könnten.

          Außerdem sparen Franzosen oft anders als Deutsche. Sie setzen nicht nur auf Festgeld und Lebensversicherungen, sondern auch auf Aktien und Fonds. Es ist kein Zufall, dass mit Amundi die größte europäische Fondsgesellschaft aus Frankreich kommt. Banken nehmen für Wertpapiergeschäfte ihrer Kunden hohe Gebühren und verringern ihre Abhängigkeit vom Kreditgeschäft. Das ist in dieser Niedrigzinsphase für die französischen Banken Gold wert.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

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