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Kommentar : Börsenfusion ohne Aufregung

Fusion von Nutzen: London hat als größter Finanzplatz der Welt Liquidität, die Frankfurt fehlt. Bild: Reuters

Aller guten Dinge sind drei: Die Frankfurter Börse versucht abermals, mit der Londoner Börse zu fusionieren. Aber was passiert, wenn es zum Brexit kommt?

          Aller guten Dinge sind drei. Nach diesem Motto unternimmt die Deutsche Börse ihren dritten Fusionsanlauf. Sie will jetzt wieder mit der Londoner Börse zusammengehen, was schon zweimal scheiterte, so wie zwischenzeitlich auch der Versuch, die New Yorker Börse zu übernehmen. Im Unterschied zu den erfolglosen Versuchen schlägt das Vorhaben diesmal keine politischen Wellen, nicht in Wiesbaden und erst recht nicht in Berlin. Auch unter den Akteuren in Frankfurt, dem größten Finanzplatz der Eurozone, herrscht keine Aufregung. Als Aktionäre haben sich deutsche Banken und Anleger schon vor Jahren von der Börse verabschiedet; deren Wertsteigerung haben vor allem angelsächsische Eigentümer mitgenommen, die oft zugleich an der Londoner Börse beteiligt sind und den Zusammenschluss gutheißen. Da sie Haupteigentümer der Börsen sind, kommt es auf ihre Stimmen an.

          Die Gelassenheit in Frankfurt steht im bemerkenswerten Kontrast zu den Erfolgsaussichten. Die sind nämlich viel größer als früher, weil sich die Börsen gut ergänzen, der Zeitpunkt günstig ist und es keinen Streit um Posten und Standorte gibt, da kaum einer für Frankfurt als Hauptsitz kämpft. Die Fusion dürfte also gelingen und der Sitz der gemeinsamen Holding an die Themse wandern, sofern die amerikanischen Börsen nicht noch ein so lukratives Übernahmeangebot vorlegen, das man nicht ablehnen kann.

          Das Desinteresse an der Börsenfusion in Berlin könnte man ordnungspolitisch loben, wenn es der Einsicht folgte, dass der Staat keine Industriepolitik betreiben sollte. Doch in diesem Fall ist das mehr eine Folge des Krisenstakkatos von Banken-, Wirtschafts- und Euro-Krise mit seinen tiefen Wunden – finanziell, gesellschaftlich und politisch. Das Kanzleramt ist auf Distanz zu Banken und Börsen gegangen, um es höflich auszudrücken. Es geht ja nur um die Börse, nicht um Daimler oder BASF. Das ist in London anders. Dort weiß man, was man am wichtigsten Finanzplatz der Welt hat. Die Wut auf die Banken war zwar auch in London groß, doch ist man dort weniger nachtragend, was nicht bedeutet, dass Aufsicht und Regulierung weniger Biss haben; aber sie sind weitsichtiger.

          Fehlendes Interesse und Verständnis

          In London ist das Verständnis für den volkswirtschaftlichen Nutzen von großen Banken und Börsen, deren strategisches Gewicht in der Welt und das Wissen um die damit verbundenen Macht- und Einflussmöglichkeiten ausgeprägt, weshalb die britische Regierung erfolgreich gegen die Abwanderungspläne der Großbank HSBC von London nach Hongkong kämpfte und sich mit Nachdruck und Erfolg für den Sitz der Börsenholding in London einsetzte. Natürlich bestimmt die Politik nicht über den Sitz der Firma, aber Wohlwollen oder Ablehnung durch Regierungen spielen gleichwohl eine wichtige Rolle für so eine Unternehmensentscheidung, zumal eine Börse auch hoheitliche Aufgaben wie die Zulassung von Wertpapieren zum Handel vornimmt.

          Das fehlende Interesse und Verständnis für den Kapitalmarkt hat in Berlin Tradition. Seit jeher steht man Börsen skeptisch gegenüber, die fehlende Aktienkultur wird nicht einmal bedauert, wenn die mageren Vermögen deutscher Haushalte im europäischen Vergleich beklagt werden. Dann lobt die Bundesregierung lieber das gesetzliche Rentensystem, um am nächsten Tag wieder zu mehr privater Vorsorge aufzurufen. In das schiefe Bild passt, dass Berlin sogar die Entwertung der privaten und der betrieblichen Altersvorsorge der Deutschen durch die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) egal ist, ebenso wie der Überlebenskampf von Banken und Sparkassen. Das kann man wohl nur mit dem Regierungsziel der alternativlosen Euro-Rettung um jeden Preis erklären.

          Mögliche Fusion zum Jahreswechsel

          Etwa zum Jahreswechsel könnte es zu der Fusion kommen, bei der die Deutsche Börse der etwas größere Partner ist, die Holding der Börsengemeinschaft aber in London sitzt. Geschäftlich passen beide zusammen. London hat als größter Finanzplatz der Welt Liquidität, die Frankfurt fehlt. Außerdem ist London bei der Abwicklung außerbörslicher Termingeschäfte führend und Frankfurt Marktführer in der Abwicklung börsengehandelter Derivate. Zudem verfügen beide über ein florierendes Indexgeschäft, das sich gut ergänzt. Auch Frankfurt hat etwas, was London fehlt: die Währung Euro, den Sitz der EZB, den Zugang zur Währungsunion und das europäische Regulierungszentrum für Banken, das mit der Abwicklungstechnik der Börse verbunden ist, damit die Aufsicht die Finanzströme verfolgen kann.

          In der dynamischen Börsenwelt fiel in den vergangenen Jahren die Deutsche Börse zurück, weil das Geschäft in Asien und in Amerika schneller wuchs. Der frische Chef der Deutschen Börse kam jetzt den amerikanischen Wettbewerbern zuvor, die gern London und auch Frankfurt übernommen hätten. Für Europa ist es wichtig, eine starke und eigenständige Börse zu haben. Aber was passiert bei einem Brexit? Im Sommer könnten sich die Briten für den Abschied von der EU entscheiden. Daran würde die Fusion nicht scheitern, aber die Sitzfrage müsste neu verhandelt werden.

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